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IHP

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Im Institut für Mikroelektronik Frankfurt (Oder) arbeiten über 300 Menschen, ein guter Teil davon Wissenschaftler. Jeden Tag forschen sie an innovativen Lösungen für die Luft- und Raumfahrt, die Biotechnologie, die Automibilindustrie oder die Medizin. Finanziert wird das jährlich gut 30 Millionen teure Prestigeprojekt vom Land Brandenburg, dem Bund und aus Fördermitteln der EU.

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Mitbegründer
Die nächste Firma ist geplant

Rolf Kraemer hat nicht nur viel geforscht - er war auch Mitbegründer einiger IT-Firmen. (Symbolbild)
Rolf Kraemer hat nicht nur viel geforscht - er war auch Mitbegründer einiger IT-Firmen. (Symbolbild) © Foto: Marijan Murat/dpa
Ina Matthes / 31.03.2020, 04:15 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Seinen Abschied hatte er sich anders vorgestellt, nach mehr als zwanzig Jahren. Ein bisschen feiern, sich verabschieden von den Kollegen. Statt dessen sitzt Rolf Kraemer im Homeoffice und arbeitet ab, was noch so zu erledigen ist. Zum Glück ist das Internet ganz gut in Fürstenwalde.

Heute ist der letzte Arbeitstag des 68-jährigen Professors  am IHP,  dem Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik in Frankfurt (Oder).  Kraemer hat etwas geschafft, das nicht so vielen Forschern gelingt – er war Wissenschaftler und hat erfolgreich High-Tech-Unternehmen mitgegründet, die in der Region einen Namen haben.  Das erste war 1999 lesswire, ein Unternehmen, das Funksystemtechnik entwickelt. Damals war der Elektrotechniker und Informatiker noch neu am Institut. Kraemer  kam 1998 vom Elektronikkonzern Philips in Aachen nach Frankfurt (Oder). Zusammen mit IHP-Kollegen brachte er lesswire auf den Weg. Sie gehörte zu den ersten Firmen, die Elektronik für die damals brandneue Bluetooth-Technologie anbot. Mit Signal-Reichweiten, erzählt Kraemer, die sonst keiner erreichte. Damit hat lesswire sogar Audio- und Video-Führer für Museen in Frankreich und Deutschland entwickelt. Inzwischen ist das in Museen üblich, aber vor fast 20 Jahren waren die Frankfurter damit zu früh auf dem Markt. Doch mit Anwendungen für die Industrie hatte das Startup dauerhaften Erfolg.  Lesswire gehört zur PRETTL-Gruppe und hat seinen Sitz in Berlin. Das zweite Unternehmen, Silicon Radar, ist jedoch in Frankfurt (Oder) geblieben. Mit Technologien aus dem IHP konstruiert es Radaranwendungen für die Industrie.

Ein dritter Gründungsversuch scheiterte allerdings. Es kam nicht genug Kapital zusammen. In Deutschland ist es für junge Firmen vor allem schwierig, den Start zu finanzieren, erläutert Kraemer. Es fehlen Investoren wie in den USA, die in der Anfangsphase Geld geben, wenn das Risiko besonders hoch ist.

Rolf Kraemer hat am IHP jene Abteilung aufgebaut, die am dichtesten dran ist am Anwender: "Drahtlose Systeme und Anwendungen" heißt sie. Hier wird an drahtloser Übermittlung großer Datenmengen in kürzester Zeit geforscht – 100 Gigabit pro Sekunde, 200 Gigabit pro Sekunde, Datenraten, wie man sie fürs Videostreaming braucht.

Ende der 1990er-Jahre hat das Institut den ersten Wifi-Chip der Welt entwickelt. Der war riesig – einen Quadratzentimeter. Mittlerweise sind solche Chips auf Staubkorngröße geschrumpft – einen Quadratmillimeter. Heute beschäftigen sich die 50 Mitarbeiter der System-Abteilung unter anderem mit Forschung für den 5G Funk und das Internet der Dinge. Sie entwickeln beispielsweise elektronische Überwachungssysteme für Deiche. Dazu werden Sensoren in den Boden gebracht, die Daten über die Feuchte ermitteln und versenden.

Werbung im Osten

Am Institut hat sich Rolf Kraemer unter anderem mit seinem Engagement für junge Leute einen Namen gemacht. "Ich musste ja schauen, dass ich junge Leute für meine Abteilung kriege." 1998 brauchte er dringend junge Wissenschaftler für den Aufbau dieses neuen Bereiches. Also warb er – in Polen, Serbien, Montenegro, der Ukraine oder Russland. "Es war schwierig, junge Leute aus dem Westen nach Frankfurt zu bekommen." Es gebe immer noch Vorbehalte. Und Frankfurt (Oder) sei auch nicht attraktiv genug für junge Menschen, findet er. Es fehlten interessante Arbeitgeber aus der Industrie, eine Kneipen- und Kulturszene. "Aber das ist Klagen auf hohem Niveau", schränkt der Wissenschaftler ein. "Es kommen gute junge Leute aus Osteuropa zu uns, mit einer guten theoretischen Ausbildung." Nachwuchs sucht das Institut auch an Universitäten. Vier gemeinsame Labore mit Hochschulen hat  seine Abteilung eingerichtet: In Berlin, Cottbus, Potsdam und Zielona Gora.  Der bisherige Chef will sich auch als Ruheständler weiter für den wissenschaftlichen Nachwuchs engagieren – im Transfermanagement. Dort lernen Forscher etwas über unternehmerisches Denken. "Ich will jungen Leuten zeigen, dass es neben der akademischen Karriere noch eine andere Welt gibt." Aber er plant auch selbst eine weitere Firmengründung, möglichst noch in diesem Jahr.

Von Aachen einmal quer durch Deutschland an die Oder gekommen zu sein, hat Rolf Kraemer nie bereut.  "Das war eine super Entscheidung." Das IHP habe Möglichkeiten für sehr gute Forschung und für Ausgründungen geboten. "Der Abschied fällt schwer." Als Berater wird er weiter für das Institut tätig sein.

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