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Pritzerber Laake: Grüner wird's nicht im Havelland

Ausschnitt aus der Germanien-Karte des Belgiers Petrus Kaerius, der die Havelregion als großen Wald zeigt. Beim "Suebus flu." handelt es sich um die Untere und Mittlere Havel.
Ausschnitt aus der Germanien-Karte des Belgiers Petrus Kaerius, der die Havelregion als großen Wald zeigt. Beim "Suebus flu." handelt es sich um die Untere und Mittlere Havel. © Foto: Archiv Wernitz
Rene Wernitz / 28.07.2017, 11:11 Uhr
Havelland/Pritzerbe (MOZ) Am grünsten ist das grüne Havelland dort, wo es dichte Wälder gibt. Im Osten des Landkreises wachsen sie bei Finkenkrug und Brieselang. Zu erkennen ist das am besten via Internet auf Google-Earth per Satellitenbild. Der Krämer Forst, der nördlich von Schönwalde-Glien ins Havelland hinein ragt, stellt das markanteste Waldgebiet dar. Weiter östlich spannt ein immer breiter werdender Grünstreifen einen Bogen ab Ribbeck, an Riewend und nördlich an Marzahne vorbei in Richtung Pritzerbe, dann hoch gen Rathenow und von dort nach Friesack. Grüner wird's nicht!

Die Wälder umspannen sozusagen das Havelländische Luch. Hier und dort existieren landwirtschaftliche Anbauflächen und Dörfer mitten im satten Grün. Hellgrüne Inseln der Zivilisation bilden unter anderem Kieck in der Gemeinde Märkisch Luch und Seelensdorf (Gemeinde Havelsee/Landkreis Potsdam-Mittelmark). Dass die Ausmaße der Wälder noch denen vor mehr als 200 Jahren in etwa entsprechen, verdeutlicht ein Blick auf die zwischen 1767 und 1787 entstandenen sogenannten Schmettaukarten. Sie sind im Bereich "Historisches" auf https://bb-viewer.geobasis-bb.de zu finden. Wo es überall Wälder vor Entstehung dieser Karten gab, darüber lässt sich nur spekulieren. Dass das Grün noch ausgedehnter gewesen sein könnte, deutet die im 16. Jahrhundert entstandene Germanien-Karte des Belgiers Petrus Kaerius an, die die Geographie der heute deutschen Gegenden zu Zeiten der Römer zeigen soll. Da wird die Havelregion wie ein riesiges Waldgebiet dargestellt.

Bekanntlich haben die Menschen des Mittelalters durch Brandrodungen Anbauflächen geschaffen. So wohl auch im Havelland, dort, wo es die Bodenverhältnisse zuließen. Denn es gibt auch Wälder, für die die Umgebung erst hätte trocken gelegt werden müssen. So wie es bei der Pritzerber Laake der Fall ist, die heute ein Naturschutzgebiet darstellt.

Wer sich diesem via Google Earth von oben nähert, indem man sich immer tiefer in den Bereich hinein zoomt, erkennt urwaldartigen Charakter wohl am ehesten daran, dass dort nichts gerade ist. Stattdessen wirkt das Grün beinahe verwirbelt. Die Pritzerber Laake schlängelt sich aus Richtung Gräningen und Mützlitz in Richtung Gapel und Döberitz. Laut Internetangaben der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe habe sich die Pritzerber Laake in einer Schmelzwasserrinne gebildet, die während der letzten Eiszeit entstand. Sie sei durch urwüchsige Erlenbruchwälder mit vorherrschender Moorbirke geprägt, "die in einer für Brandenburg einzigartigen Flächenausdehnung vorkommen".

Mehrere hundert Hektar im insgesamt 1.270 Hektar großen Naturschutzgebiet befinden sich im Besitz der NABU-Stiftung. Durch eine 2003 erfolgte Übertragung von der Treuhandnachfolgeanstalt BVVG konnten mit 258 Hektar ein wichtiger Teil des ausgedehnten Erlenbruchwaldes vor der Privatisierung bewahrt werden, wie es seitens der Stiftung weiter heißt. Ihr Besitz wuchs in der Folge weiter.

Es überrascht doch etwas, dass sich in der so urwüchsigen Pritzerber Laake ein komplexes Wegenetz bilden konnte. Zumal Erlenwälder alles andere als einladend waren. Im Volksglauben verbanden sich allerhand schauerhafte Geschichten mit der Baumart. Für Menschen geeigneten Lebensraum gibt es dort nicht wirklich, doch stellen heute noch bestehende Wege die kürzesten Zu-Fuß-Verbindungen zwischen verschiedenen Orten dar. So führt etwa eine frühere Heerstraße von Brandenburg nach Rathenow. Auf dem Wernitzdamm passierte man die Pritzerber Laake. Nördlich davon geht es sowohl nach Rathenow (über Spolierenberg) als auch nach Mützlitz, Gräningen und Bamme. Die Schmettaukarten auf bb-viewer.geobasis-bb.de zeigen an, dass man im 18. Jahrhundert sogar nach Premnitz gelangen konnte. In einem weiten nördlichen Bogen umging man dafür die Pritzerber Laake, um am Dachsberg den Havelort zu erreichen.

In Premnitz angekommen, hatte man sogar Anschluss in Richtung Milow, wo es im Mittelalter noch eine Burg gab. Sie gehörte aber dem Erzbischof von Magdeburg, der mit den benachbarten Brandenburgern in Dauerfehde lag. Wohl von dorther war jene Truppe in die Mark eingefallen, die 1402 durch märkische Verteidiger in der Pritzerber Laake zum Gefecht gestellt wurde. Laut dem zeitgenössischen Chronisten Engelbert Wusterwitz fand das Scharmützel im Wernitzwald statt, der ein mittiges Teilstück der Pritzerber Laake, zwischen Heerstraße und der Bischofslaake darstellte. Als solche wurde der südwestliche Bereich der Pritzerber Laake bezeichnet, wie Karten des Deutschen Reichs aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen, die ebenso bei "Historisches" auf https://bb-viewer.geobasis-bb.de zu finden sind.

Ob schon in vorchristlichen Zeiten, als auch an Slawen und Germanen noch lange nicht zu denken war, Wegebeziehungen zwischen Siedlungen rings ums Feuchtgebiet bestanden, ist nicht näher erforscht. Man weiß aber, dass es in Milow eine archäologisch nachgewiesene Siedlung aus der Bronzezeit gab - also vor mehr als 3.600 Jahren lebten dort Menschen. Auch in Bamme, Gräningen und Mützlitz, Döberitz und natürlich auch in Pritzerbe, Rathenow und in Brandenburg an der Havel ist das der Fall.

Ein Grabhügel an der Wegegabelung hinter dem Wernitzdamm stellt einen Gruß aus der Bronzezeit dar. Das Hügelgrab ist auf einer alten Wanderkarte aus DDR-Zeiten verzeichnet, die dem Premnitzer Jürgen Mai vorliegt.

Ansonsten lohnt diesbezüglich auch ein Blick ins 2017 erschienene Buch "Das Havelland um Rathenow und Premnitz - Eine landeskundliche Bestandsaufnahme" (Böhlau-Verlag). Auf Seite 62 wird die regionale Verbreitung archäologischer Fundstellen aus vorslawischen Zeiten dargestellt. In der Pritzerber Laake gibt es demnach noch ein weiteres bronzezeitliches Grab.Ferner kamen dort ein paar steinzeitliche Funde zutage. Funde aus Slawenzeit und Mittelalter gibt es derweil keine, wie auf Seite 68 dargestellt. Darüber hinaus sehr interessant ist Seite 76, die den Besitzstand und die Territorialgrenzen um 1380 zeigt. Demnach gehörte die nördliche Pritzerber Laake zum ausgedehnten Waldbesitz der Stadt Rathenow, die südliche Laake gehörte dem Bischof von Brandenburg. Heute verläuft die Grenze zwischen den Landkreisen Havelland und Potsdam-Mittelmark durch das Naturschutzgebiet.

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