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Der Nazi, die Heimat und die heutige Deutung

IBUNGEN / 23.05.2008, 09:14 Uhr
Schöneiche Die Debatte um den einstigen Schöneicher Heimatforscher Felix Havenstein (1893-1970) und seine Nazi-Vergangenheit hält an. Jetzt sagt Sozialdemokrat Friedrich Windeck, er habe Entlastendes entdeckt. \u2003"Mir geht es um die Frage: Wie schuldig hat sich jemand gemacht - bezogen auf sein gesamtes Leben und unter Berücksichtigung seiner Zeit", sagt Windeck. Havenstein sei Partei-Genosse kurz nach der Machtübernahme geworden, wie Zehntausende andere Deutsche -"und genau wie ebenfalls Tausende nach 1945 Kommunisten wurden." Karriere habe Havenstein weder in der Partei noch woanders gemacht. "Er war Mitglied ohne jedes Parteiamt, wenn man den ,Kulturwart' für Schöneiche außer Acht lässt", so Windeck. "In der NS-Dokumentation ist jedenfalls nichts darüber zu finden." Die meisten Unterlagen dort behandelten Ausgrabungs-Genehmigungen; -Abrechnungen und -Berichte. "Havenstein war siedlungsgeschichtlich interessiert, das war sein Metier." Er habe sich mit den Herrschenden arrangiert, wie Tausende nach Kriegsende auch.

"Wegen der Parteimitgliedschaft musste sich Felix Havenstein 1947 vor dem Aktionsausschuss der antifaschistischen Parteien verantworten", betont Windeck. Überliefert sei unter anderem seine vierseitige Rechtfertigungsschrift und eine Unbedenklichkeitserklärung dieses Ausschusses.

Genau an diesem Punkt greift nun Windeck den Schöneicher Gemeindevertreter und Kreistagsabgeordneten Artur Pech (Die Linke) scharf an, der Havensteins NSDAP-Mitgliedsnummer recherchiert hatte. Anlass für Pechs Forschungen war, dass der Heimatverein eine Havenstein-Ausstellung ohne jeden Hinweis auf dessen NS-Zeit präsentiert hatte, was auch schon zwei Christdemokraten gerügt hatten.

Das Entlastende lasse Pech außer Acht, so Windeck. "Gerade deshalb muss man auch fragen, wer ist dieser gnadenlose Moral-Richter? Ein Ankläger, der die zeitweise politische Gesinnung eines Menschen schärfer bewertet, als das eigentliche Lebenswerk?" Windeck verweist darauf, dass Pech höherer Politoffizier der DDR-Grenztruppen war: "In dieser Eigenschaft war er zuständig für die Rechtfertigung von Mauer und Stacheldraht, insbesondere für die ideologische Durchsetzung des Schießbefehls, zahlreiche Aufsätze in entsprechen- den ,Organen' zeigen es."

Friedrich Windeck zitiert deshalb den naziverfolgten Schriftsteller Ralph Giordano, der über Politoffiziere gesagt habe: "In meinen Augen ist ein ausgewiesener Indoktrineur ... schuldiger als der Mauerschütze, der abgedrückt hat." Darum sei die Frage gestattet: "Wie viele Lebensläufe hat der ehemalige Oberstleutnant der Grenztruppen Artur Pech zerstört?", so Windeck. "Wir müssen damit leben, dass Menschen sich politisch irren. Entscheidend ist, dass sie ihren Irrtum erkennen und dass sie keinem anderen Menschen geschadet haben." Was von Havenstein geblieben ist, sei "in erster Linie der Grundstock zu unserem Heimathaus und ein gehöriger Nachlass als Heimatforscher und Heimatschriftsteller."

Artur Pech hingegen sagt, Havenstein habe 1947 "vor dem Ausschuss gelogen, dass sich die Balken biegen". In seinem Lebenslauf habe er Mitte der 30er Jahre zum Ausdruck gebracht, dass er schon vor dem offiziellen Eintritt in die Partei geheimes Mitglied gewesen sei. "Und vor dem Antifa-Ausschuss hat er gesagt, dass er erst 1938 erfahren haben will, seit 1933 als Mitglied geführt worden zu sein", so Pech.

Auf seine DDR-Vergangenheit angesprochen, fragt Artur Pech: "Was hat die Tatsache, dass Havenstein zu den geistigen Wegbereitern des Massenmords gehörte, mit meinem späteren Werdegang zu tun?" Das sei nur der Versuch, von der Auseinandersetzung mit den Braunen abzulenken.

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