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Gauck trifft Deutsche in Ost und West

Alt-Bundespräsident Joachim Gauck
Alt-Bundespräsident Joachim Gauck © Foto: Jörg Carstensen/dpa
dpa / 02.04.2019, 12:32 Uhr
Berlin (dpa) Altbundespräsident Joachim Gauck trifft die einstige AfD-Chefin Frauke Petry und fragt: Wie landet eine Frau wie Sie in einer solchen Retrogruppierung? Petry widerspricht heftig, Gauck kontert: "Wir sind nicht zur Ohnmacht verdammt." Es ist eine Szene in der ZDF-Dokumentation "30 Jahre Mauerfall - Joachim Gaucks Suche nach der Einheit", die erstmals am 4. April auf ZDFinfo (20.15 Uhr) zu sehen ist. Am Montagabend wurde in Berlin der Streifen als Preview erstmals gezeigt.

Gauck setzt sich in dem Film mit völlig verschiedenen Menschen in Ost und West zusammen und versucht, ihre teils kontroversen Ansichten zum Zustand Deutschlands zu erkunden. Neben Petry kommen in dem Streifen der Autoren Stephan Lamby und Florian Huber auch der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Autor Navid Kermani, die DDR-Oppositionelle Marianne Birthler, Pegida-Gründer René Jahn aus Dresden oder die Vizepräsidentin des Bundestages Petra Pau von der Linke zu Wort.

Wut nach der Flüchtlingskrise von 2015, Vorurteile, verletzter Stolz, Freude über die Einheit, tiefe Gräben - vieles kommt zum Vorschein. Gauck versteht sich als "reisender Demokratielehrer", der unerschütterlich an eine solidarische Gesellschaft in Demokratie und Freiheit glaubt. Seine pastorale Vergangenheit mit dem Hang zu großen Worten klingt dabei an. Es gebe noch die langen Schatten in den Seelenlandschaften vieler Menschen, reflektiert Gauck etwa. Oder er bemerkt eine merkwürdige Angespanntheit in Deutschland sowie Arroganz und Vorurteile auch im Westen.

Die "Furcht vor Überfremdung", die sei doch total übertrieben, hält er dem Pegida-Mann aus Sachsen in der Doku entgegen. Das Gespräch sei ihm nicht leicht gefallen, so Gauck. Doch: "Wir müssen lernen, unseren Toleranzbegriff zu erweitern."

Die Deutschland-Reise des heute 79-Jährigen macht auch Halt in Rostock, wo er in der DDR Jugendpfarrer war. Drei seiner Kinder konnten noch zu Mauerzeiten in den Westen ausreisen. Beim Abschied habe er cool sein wollen, sagt Gauck. "Mich hat die Trauer erst nachträglich eingeholt." Seine Begründung: Es habe in der DDR eine Erziehung der Gefühle gegeben, "damit man besser durchkommt".

Dennoch liest Gauck, der von 2012 bis 2017 das höchste Staatsamt inne hatte und nach der Wiedervereinigung die Stasi-Unterlagen-Behörde aufbaute, den Ostdeutschen sowohl im Film als auch in einem Live-Gespräch mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey kräftig die Leviten. Das "völlig geschönte" DDR-Bild mancher widere ihn an, so Gauck gegenüber Frey. Vielen Ostdeutschen fehle "dieser absolute Durchsetzungswille", sie hätten sich eine Wettbewerbsmentalität wie ihre Landsleute im Westen nicht auf natürlichem Wege antrainieren können. Eine Ost-Quote für die Besetzung führender Positionen lehnt Gauck ab.

Doch nach Zorn und Wut sollte Mitdenken und Mitgestalten einsetzen, appelliert der frühere Bundespräsident. Dass es trotz persönlich guter Lebensverhältnisse so viel Missbehagen gebe, besorge ihn. Erste Reaktionen nach dem Film gehen auseinander: ausgezeichnet heißt es im Publikum ebenso wie: viel zu viel von allem.

Ein nachdenkliches Bild zeichnet auch eine am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie. Wissenschaftler des Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung kommen zu dem Schluss, dass sich Ostdeutsche und Muslime als "Bürger zweiter Klasse" sehen und sich von der Mehrheitsgesellschaft nicht anerkannt fühlten.

Laut Analyse werfen Westdeutsche dagegen beiden Minderheiten vor, sich als Opfer zu betrachten und nicht im heutigen Deutschland angekommen zu sein. "Westdeutsche erkennen die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar an: sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung".

Einer der Autoren der ZDF-Doku kommt ebenfalls zu einem ernüchternden Befund: die Verschiedenheit von Ost- und Westdeutschen äußere sich heute aggressiver, sagt Florian Huber in der Programmankündigung. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer scheine keiner den anderen verstehen zu wollen. "Vielleicht sollten wir alle mal so eine Deutschlandreise wie Joachim Gauck machen."

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Altbundespräsident Joachim Gauck Retrogruppierung Marianne Birthler

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