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Holocaust-Gedenkstätte
Oranienburgerin arbeitet als Freiwillige in Yad Vashem

Klaus D. Grote / 10.03.2020, 08:15 Uhr - Aktualisiert 10.03.2020, 12:42
Jerusalem/Oranienburg (MOZ) Die Oranienburgerin Hanna Safarov arbeitet als Freiwillige in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Nach sechs Monaten in Israel hat die 19-Jährige bereits viel gelernt und verstanden.

Hanna Safarov  läuft durch Jerusalem, als sei sie schon lange in der Stadt zuhause. Einen Tag nach ihrem 19. Geburtstag bringt sie die Gäste aus Deutschland durch eine verwinkelte Gasse hindurch in ein kleines Café, das Touristen nur schwer finden können. In dem gemütlich eingerichteten Raum mit gewölbter Decke sitzen vor allem junge Leute, es riecht nach Gewürzen und Tee und bald nach dem schweren Rotwein, den die freundliche Kellnerin serviert. Hanna Safarov hat im vergangenen Jahr ihr Abitur am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum in Oranienburg gemacht – mit der Note 1,0. Zu Schuldirektor Dieter Starke hat sie ein freundschaftliches Verhältnis. Er organisiert auch das Treffen mit seiner ehemaligen Schülerin und bringt ihr ein Geburtstagsgeschenk mit. Hanna ist gerührt.

Seit sechs Monaten wohnt die Oranienburgerin in Jerusalem zusammen mit drei anderen Freiwilligen in einer Wohngemeinschaft der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF). Sie hatte sich bei der ASF erfolgreich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem beworben.  Dort wollen junge Menschen aus der ganzen Welt Freiwilligendienst leisten. Dass Hanna einen Platz bekam, hat vor allem mit ihrem Engagement zu tun. Ihr Interesse wurde im Unterricht geweckt – auch von Dieter Starke. Nun arbeitet Hanna ein Jahr lang mit einer weiteren Freiwilligen und vier Angestellten im Archiv der Gedenkstätte.

"Mich hat damals die Ausstellung der ‘Gerechten unter den Völkern‘ beeindruckt", sagt Hanna. Vor zwei Jahren zeigte das Oberstufenzentrum als erste Schule die Wanderausstellung der Gedenkstätte Yad Vashem. Zur Eröffnung kamen der israelische Botschafter und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. "Gerade hier in Oranienburg ist es wichtig, jungen Menschen zu zeigen, dass es auch in der NS-Zeit Menschen gab, die Zivilcourage gezeigt und Juden gerettet haben", sagte Gauck damals. Israel bezeichnet mit dem Titel "Gerechter unter den Völkern" nichtjüdische Personen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten. In Yad Vashem werden für diese Menschen Bäume gepflanzt. Der Platz ist inzwischen knapp geworden, so viele Mutige gab es in Europa.

Dennoch wurden sechs Millionen Juden ermordet. "Diese Zahl ist kaum zu realisieren", sagt Hanna. "Es ist deshalb wichtig, sich mit einzelnen Schicksalen auseinanderzusetzen." Das tat sie schon während der Schulzeit. Auch Regina und Zwi Steinitz lernte sie in Oranienburg kennen. Zwi Steinitz, der im August vergangenen Jahres im Alter von 90 Jahren starb, hatte vier Konzentrationslager und zwei Todesmärsche überlebt. Mit seiner Frau Regina, die mit ihrer Zwillingsschwester Ruth versteckt in Berlin überlebte, und mit der er 70 Jahre lang zusammen in Israel lebte, kam Zwi Steinitz mehrfach nach Oranienburg, um über die Zeit im KZ Sachsenhausen zu berichten.

Beeindruckende Warmherzigkeit

Auch Hanna erlebte  Zwi Steinitz in ihrer Schule. "Und wir waren bei unserem Israel-Besuch bei den Beiden zu Hause in Tel Aviv. Sie haben Essen für uns gemacht", berichtet Hanna. Sie sei beeindruckt gewesen von der Warmherzigkeit von Zwi Steinitz, der immer wieder an den Ort seiner Qualen und in das Land der Täter zurückgekehrt war, um jungen Menschen über den Holocaust zu berichten.

Gerade in Jerusalem spürt Hanna dagegen manchmal Distanz. Zu ihrem Freiwilligendienst gehört auch die Arbeit in einem Altenheim. Dort leben Juden, die aus aller Welt nach Israel gekommen sind. "Ich würde nie einen Fuß nach Deutschland setzen", habe ihr eine Frau aus Kasachstan gesagt. Immerhin kann sich Hanna mit der Frau und anderen Bewohnern fließend auf Russisch unterhalten. "Mein Vater kommt aus Russland", erklärt Hanna, die als Elfjährige mit ihrer Familie von Berlin nach Oranienburg zog. Andere Bewohner des Altenheim würden dagegen von Deutschland schwärmen, weil sie sich an einen Urlaub in dem Land erinnern, in dem "alles so schön grün war".

Hanna musste sich an einige Besonderheiten in Israel und speziell in Jerusalem gewöhnen. Überall in der Stadt sind Orthodoxe zu sehen, die zur Klagemauer eilen. Christliche Besuchergruppen wandeln, manchmal singend, auf biblischen Spuren. Aus der al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg ist der Ruf des Mu­ezzins zu hören. "Man muss sich hier mit Religion auseinandersetzen. Sie bestimmt alle Bereiche des Lebens, auch die Politik", sagt Hanna.

Dieser Omnipräsenz der Religionen entflieht sie manchmal. "Wenn es mir zu viel wird, fahre ich nach Tel Aviv", sagt sie und lächelt. Der Kontrast zwischen der religiösen Hauptstadt und der weltoffenen, sehr liberalen und quirligen Mittelmeermetropole könnte kaum größer sein. Hanna hat viele dieser Unterschiede und Besonderheiten Israels schnell kennengelernt und verstanden.  Sie ist neugierig, geradezu furchtlos im Land unterwegs. Ihre Eltern würden sich keine Sorgen machen, versichert die 19-Jährige. "Sie haben mich in meiner Entscheidung für Israel bestärkt."

Mehrfach war Hanna inzwischen in Ost-Jerusalem und mit dem Bus in der Westbank, dem hauptsächlich von Palästinensern bewohnten Westjordanland. Hinter den Mauern und Grenzstreifen wird der alles bestimmende Konflikt sichtbar.  "Ich will wissen, wie die Palästinenser leben, und sie verstehen", sagt Hanna. Es sei ja ungerecht, dass sie sich als Ausländerin frei bewegen könne.  Ihr sei es aber gerade nach dem von US-Präsident Donald Trump vorgestellten "Friedensplan" wichtig gewesen, mit Palästinensern zu sprechen. Natürlich sei ein solcher Plan, der ohne die Beteiligung der betroffenen Palästinenser entstand, nicht durchsetzbar. Das erklärt Hanna genauso wie viele Israelis, die man danach fragt.

75 Jahre nach der Befreiung

Hanna findet aber auch, dass der Nahe Osten in der Außensicht viel zu sehr auf die Konflikte reduziert werde. Sie will in ihrem Jahr in Israel möglichst viel vom Land und seiner Vielfalt kennenlernen. "Die Hälfte der Zeit ist ja schon rum", sagt sie. Immerhin hat Hanna in den ersten sechs Monaten bereits viel gelernt. Und das hat vor allem mit der Arbeit in Yad Vashem zu tun. Anders als beispielsweise in der Gedenkstätte Sachsenhausen geht es dort ausschließlich um das jüdische Leben und um den Terror der Nationalsozialisten, dessen Ziel es war, jüdische Leben komplett auszulöschen. Yad Vashem ist Informations-, Gedenk- und Erinnerungsort. Und damit vor allem ein Ort der Mahnung. Heute, 75 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager, scheint diese Erinnerung wichtiger denn je zu sein.

Hanna übersetzt im Archiv Täterakten aus dem Deutschen ins Englische. Die Gedenkstätte macht die Akten der Forschung zugänglich. Es gehe darum, aus den Täterakten zu verstehen, was passiert sei und wie Opfer die Taten erlebt hätten, erklärt Hanna.  Die Akten wurden in Nachkriegsprozessen genutzt. In den Hanna vorliegenden Fällen standen Mitglieder der SS und SA in Regensburg vor Gericht. Die zum Teil sehr ausführlichen Beschreibungen seien oft nur schwer zu ertragen, sagt Hanna. Mitglieder der SA hätten darin selbst aufgeschrieben, was sie ihren Opfern antaten: Vergewaltigungen, willkürliche Erschießungen, der Mord kompletter Familien durch Erhängen. "Die Berichte gehen sehr nahe", sagt Hanna. Trotz der Vergewaltigungen und Massenmorde  seien die meisten Täter freigesprochen worden. Viele seien nicht einmal angeklagt worden. Die Mörder und Vergewaltiger wurden unbescholtene Bürger der Gesellschaft.

Hanna Safarov haben diese Erkenntnisse erschüttert. Sie haben sogar ihren Berufswunsch verändert, weil sie Zweifel am Funktionieren des Rechtssystems bekam. Statt Jura will sie nun lieber Rechtsgeschichte studieren und sich auch mit dem auseinandersetzen, was schief lief. Viele Forschungserkenntnisse hat sie schon in Yad Vashem gesammelt. "Hier gibt es das größte Holocaustarchiv der Welt. Doch auch hier wurden noch immer nicht alle Opfernamen gesammelt." Von den sechs Millionen ermordeten Juden seien nur zwei Millionen Namen bekannt.

In Israel ist Hanna Safarov immer wieder gezwungen, sich mit Deutschland und dem schlimmsten Kapitel seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Yad Vashem, der Ort, der für viele Israelis unerträglich ist, weil jede Familie von der Shoah betroffen war, wirft Hanna auch immer wieder auf ihre Herkunft zurück. "Ich beschäftige mich hier auch mit Deutschland. Ich bin ja Teil davon und es ist Teil meiner Identität."  Umso mehr ist Hanna entsetzt von neuen Entwicklungen – den Erfolgen rechtsgerichteter Parteien, dem demonstrativen Auftreten von Neonazis,  der starken Zunahme rechter Gewalt, den rechtsterroristischen Morden. "Wenn ich nach der Situation in Deutschland von heute gefragt werde, würde ich gerne sagen, dass alles besser geworden ist.  Leider ist es nicht so."

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