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Nachwuchsmangel
Traditionsvereine kämpfen ums Überleben

Von Dorothee Torebko und Manuela Harant / 08.01.2020, 06:00 Uhr
Berlin (NBR) Marcel Siegert vom Brandenburger Fußballclub SC Oberhavel Velten ist sauer. Sauer und enttäuscht. War es vor zehn Jahren noch kein Problem, Trainer für die Fußballmannschaften zu finden, ist die Suche nach Ehrenamtlichen heute ein Krampf.

"Die Bereitschaft wird immer weniger, die Eltern sind beruflich eingespannt, und jede Saison kämpfen wir darum, Trainer zu finden", sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Siegert. Für die Kicker steht fest: So darf es nicht weitergehen. Ändert sich die Situation nicht, müssen die Veltener auf Mannschaften verzichten.

Der Fußballverein steht für viele in Deutschland. Einerseits befinden sich viele Traditionsclubs in der Krise. Sie klagen über fehlendes Engagement und Nachwuchsmangel. Andererseits betonen sie, wie wichtig das Vereinsleben für den Kitt in der Gesellschaft ist. Clubs schaffen Gemeinschaft. Dort begegnen sich Kinder und Rentner, Chefs und 400-Euro-Jobber. In ihnen können Menschen mitreden und mitgestalten, sie können Stolz und Selbstbewusstsein entwickeln. Doch vielen jahrzehntealten Vereinen haftet ein verstaubtes Image an. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat jüngst mit einem Vorstoß versucht, Vereine moderner zu gestalten. Er schlug vor, dass klassische Männerbünde sowie Frauenchöre sich jeweils für das andere Geschlecht öffnen. Damit ist der SPD-Mann auf Kritik gestoßen und letztlich gescheitert. Vielen Vereinen ist jedoch klar: Sie müssen sich transformieren, um überleben zu können. Wie kann das gelingen?

Über 600 000 Vereine gab es laut der "Zivilgesellschaft in Zahlen"-Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft 2016. Das sind 44 Prozent mehr als 1995. Doch das Wachstum neigt sich dem Ende zu, heißt es in der ZiviZ-Studie. In den vergangenen 20 Jahren ist die Anzahl der jährlich neu gegründeten Vereine beständig zurückgegangen. Dagegen steigt die Zahl der aufgelösten Vereine pro Jahr stetig an. Besonders den ländlichen Raum trifft es hart. 15  547 Vereine wurden im vergangenen Jahrzehnt aus dem Register gelöscht. Davon sind die neuen Bundesländer stärker betroffen als die alten. In Brandenburg finden Vereine immer weniger Engagierte, während der Rückgang in Bundesländern mit Ballungsstädten wie in Baden-Württemberg weniger dramatisch ist.

Abwanderung und Alterung

Die Gründe für Vereinsrückgänge sind bundesweit ähnlich, gibt die ZiviZ-Studie an. Abwanderung aus ländlichen Regionen und eine wachsende Alterung der Bevölkerung machen es immer schwerer, ein aktives Vereinswesen am Leben zu erhalten. "Darunter leiden vor allem die klassischen Traditionsvereine wie Männerchöre, Sportclubs, Freiwillige Feuerwehren oder Kegelvereine", sagt Renate Freericks, die an der Hochschule Bremen zu Freizeitkonzepten und Trends in Freizeit- und Kultureinrichtungen forscht. Doch nicht nur die Alterung der Bevölkerung sei ein Problem, betont Freericks. Immer weniger Junge wollen und können sich langfristig an einen Verein binden – das bedingen die häufigen Job- und Wohnungswechsel. "Vereine müssen sich deshalb modernisieren, um Nachwuchs heranzuführen und zu halten", erläutert die Bremer Wissenschaftlerin.

Das sieht auch Rolf Nieborg so. Er ist Bundessprecher beim Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS), in dem 1300 Vereine organisiert sind. Mit Modernisierung meint Nieborg eine "solide Jugend- und Nachwuchsarbeit". Pro Jahr würden etwa zwei im BHDS organisierte Vereine schließen müssen. Das sei Beweis dafür, dass man sich nicht früh um die Jugend gekümmert habe. Wichtig sei, dass Eltern die Kinder zu Schützenfesten mitnehmen. Indem sie Fußballturniere oder Spielenachmittage organisieren, zeigen sie: Der Schützenverein hat eine wichtige Funktion – er sorgt für den Zusammenhalt der Gemeinde.

In einigen Clubs mache es Sinn, dass Männer oder Frauen "unter sich" blieben, sagt die Wissenschaftlerin Freericks. Etwa dann, wenn geschützte Räume zum Austausch notwendig seien. In anderen Clubs sei dieser Sinn jedoch nicht erkennbar. Diese würden sich dann für das andere Geschlecht öffnen. So geschehen bei der Bremer Eiswette, einem jährlichen Gelage für Männer. Nach öffentlichem Druck werden im Januar erstmals seit 190 Jahren Frauen zu dem Fest zugelassen.

Auch der Charakter von Vereinen habe sich gewandelt, sagt Professorin Freericks. Während es früher eher um das Vereinsleben ging, hätten Clubs heutzutage häufig ein Ziel. "Menschen gründen Vereine, um sich für eine bestimmte Sache zu engagieren – für den Umweltschutz etwa", erläutert die Bremer Professorin Freericks. Langfristig könnten aber auch solche Vereine nur bestehen, wenn sie sich der Digitalisierung öffneten. Sich in Whatsapp-Gruppen verabreden, eine Homepage, bei der Vereinsmitglieder etwa die Kegelbahn online buchen können, oder Wlan im Vereinsheim müssten selbstverständlich sein. In einigen Clubs klappt das schon gut. Die Tafel im hessischen Ginsheim-Gustavsburg etwa reagierte auf sinkende Engagierten-Zahlen, indem sie eine Online-Plattform gründete, die Sachspenden vermittelt.

Der SC Oberhavel Velten hat ebenfalls versucht, soziale Me­dien zu nutzen, um Trainer zu finden. Das klappte bisher mäßig. Aufgeben wollen Marcel Siegert und seine Vereinskollegen aber nicht. Sie kämpfen weiter darum, möglichst viele Teams am Spielbetrieb teilnehmen zu lassen. Denn jeder, der kicken will, soll weiter willkommen sein.

Montagsklub existiert bis heute

Jeder zweite Deutsche ist Vereinsmitglied. Sie treiben dort Sport, widmen sich ihren Hobbys, machen Musik und tanzen, tun Gutes für die Umwelt und kämpfen gegen schwere Krankheiten. Manche Vereine sind auch Träger- und Fördervereine, etwa für Jugendhäuser, Kindergärten, Bürgertreffs.

Der erste Verein in Deutschland war der Montagsklub, der 1749 in Berlin gegründet wurde und bis heute existiert. Mitglied in der Gesprächsrunde über Gott und die Welt war unter anderem der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing. Aber erst knapp hundert Jahre später, im Jahr 1848, wurde das Recht, einen Verein zu gründen, von der Nationalversammlung als Grundrecht anerkannt.⇥mg

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