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Trauerfeier
Bewegender Abschied von Jörg Gleisenstein

Thomas Gutke / 24.11.2019, 15:09 Uhr - Aktualisiert 24.11.2019, 15:28
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Strom der Trauergäste wollte kein Ende nehmen. Fast 300 Menschen kamen am Sonnabend zum Hauptfriedhof, um Jörg Gleisenstein die letzte Ehre zu erweisen. Fassungslos blickten viele auf den schlichten Holzsarg, der umgeben von Sonnenblumen, Kerzen und zwei Porträts des Grünen-Politikers in der Mitte der Trauerhalle stand. Am 18. November war Jörg Gleisenstein auf dem Weg zur Arbeit plötzlich kollabiert, Passanten fanden ihn neben seinem Fahrrad liegend in der Lennéstraße. Er starb wenig später trotz aller ärztlichen Bemühungen im Klinikum.

"Dass es so vielen Menschen eine Herzensangelegenheit ist, heute von Jörg Abschied zu nehmen, bedeutet uns sehr viel und sagt viel über ihn aus", sagte der Oberbürgermeister. Er blickte noch einmal zurück auf die dramatischen Stunden vor einer Woche. "Es war am Montag um 10.42 Uhr, als ich folgende Nachricht bekam: Hallo Herr Wilke, wissen Sie, wo Herr Gleisenstein ist?" Die Büroleiterin des Baudezernenten hatte sich gemeldet. Wilke hielt sich gerade bei einem Termin in Brandenburg an der Havel auf. Wenig später erfuhr er, dass sein Kollege in der Notaufnahme lag. Er machte sich sofort auf den Weg, um dann im Klinikum vom Arzt zu erfahren, dass Jörg Gleisenstein bereits gestorben war. Die Reanimationsversuche im Schockraum hatten ihm nicht mehr helfen können.

"Seither ist unsere Welt eine andere, sie fühlt sich leer an. Warum muss ein Mann von 46 Jahren mitten in seinem Leben stehend aus dem Leben gerissen werden? Nein, das ist nicht fair", so René Wilke. Er würdigte seinen Kollegen und Freund als klug, ehrlich, friedlich und weltoffen. Das Dezernat für Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt sei perfekt zugeschnitten gewesen auf ihn und seine Fähigkeiten. In vielen künftigen Entwicklungen der Stadt würden sich sein Wirken als Dezernent, seine Pläne bald widerspiegeln. Die kürzlich beschlossene Stadtumbaustrategie sei ein Beispiel dafür. Zudem habe er einen moralischen Kompass besessen, "der nie einer Nachjustierung bedurfte", betonte René Wilke. Und: Deutschland und Polen zusammenzubringen, "war ihm sein wichtigstes Anliegen".

"Es gibt so viel zu tun, und wir hätten Dich dafür so sehr gebraucht. Doch Du machst Dich einfach vom Acker", sagte Alena Karaschinski, Sprecherin der Frankfurter Grünen, tief bewegt. Jörg Gleisenstein habe die "DNA des Kreisverbandes" entscheidend mitgeprägt, als er im Jahr 2000 nach Frankfurt kam. Er sei durch und durch politisch engagiert gewesen, ein Architekt lokaler Bündnisse, zugleich aber auch ein "friedlicher, in sich ruhender Mensch". Klimaschutz, Radverkehr, Engagement gegen Rechts und die Gleichstellung von Mann und Frau, "das waren seine Themen", für die er mit Leidenschaft eingetreten sei. Für sie werfe sein Tod dennoch die Frage auf, "ob wir nicht viel zu häufig, viel zu viel arbeiten". Nicht einen gehässigen Kommentar habe sie in den "einschlägigen Frankfurter Facebook-Gruppen" gelesen, betonte Alena Karaschinski noch. Sie habe den Eindruck, der Tod von Jörg Gleisenstein habe die Stadtgesellschaft enger zusammenrücken lassen.

Auch zwei Spitzenpolitikerinnen der  Grünen ergriffen bei der Trauerfeier das Wort. Brandenburgs neue Sozialministerin Ursula Nonnemacher erinnerte daran, dass Jörg Gleisenstein von 2010 bis 2018 als Referent für die Landtagsfraktion der Grünen tätig war. Und mit seiner großen kommunalpolitischen Erfahrung als Vertreter der Hauptverhandlungsgruppe den schwarz-rot-grünen Koalitionsvertrag mit aushandelte. Die große Öffentlichkeit habe er deshalb nie gesucht. "Er war bescheiden, hat sich immer in den Dienst der Sache gestellt", so Ursula Nonnemacher.

Verdienste um Europa

Europaweit hätten sie Nachrichten von Parteikollegen erreicht, berichtete eine tief berührte Annalena Baerbock. Für die Bundesvorsitzende der Grünen war Jörg Gleisenstein ein enger Vertrauter und jahrelanger Wegbegleiter. 2008 organisierten sie gemeinsam die erste europäische Sommer-uni der Grünen in Frankfurt. "Dass wir eine europäische Partei sind, hat hier seinen Anfang genommen", sagte sie.

Auch Mariusz Olejniczak hob die Verdienste Jörg Gleisensteins um Europa hervor. "Unsere Doppelstadt hat einen großen Verlust erlebt", erklärte der Bürgermeister der Stadt Słubice. Als jahrelanger Co-Vorsitzender des Gemeinsamen Ausschusses habe er viel für die deutsch-polnische Zusammenarbeit getan. Neben Olejniczak nahmen daher auch viele weitere Mitarbeiter der Stadtverwaltung sowie Stadtverordnete aus der Nachbarstadt an der Trauerfeier teil. "Er bleibt in Erinnerung als ein wahrer Freund Słubices, als ein Mensch voll Wärme und Herzlichkeit."

Nach eineinhalb Stunden trugen sechs Mann – darunter der Oberbürgermeister – den Sarg hinaus aus dem Saal zum Fahrzeug des Bestattungsunternehmens. Die Trauergäste legten dem verstorbenen Dezernenten jeweils eine Rose mit ins Auto, kondolierten der Familie und bildeten ein lang gezogenes Spalier auf dem Hauptweg. Dann trat Jörg Gleisenstein seine letzte Reise in seine niedersächsische Heimat an, wo er an diesem Freitag beerdigt werden soll.

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