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Die Winzlinge – Teil 10 unserer Sommerserie über das Leben in Brandenburgs Seen und Flüssen

Sommerserie
Die blinden Passagiere der Unterwasserwelt

Mario Merkel / 31.08.2018, 07:00 Uhr
Frankfurt (Oder) Mit über 3000 natürlichen Seen ist Brandenburg das seenreichste deutsche Bundesland. Aber wie sieht eigentlich das Leben unter der Wasseroberfläche aus? Unsere Sommerserie lüftet einige Geheimnisse. Teil 10: die Winzlinge.

Das Sehen will gelernt sein. Das gilt für die großen und besonders für die kleinen Dinge der Brandenburger Unterwasserwelt. Das Aufspüren des Meisters der Camouflage, dem Hecht, mit seinem perfekten Tarnkleid im Pflanzendickicht bedarf eines geübten Auges. Den kleinen Steinbeißer im Sand verraten nur seine Bewegungen. Doch es gibt viele Bewohner in den Gewässern, die sind mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen. Mikroskopisch klein spielen sie dennoch eine große Rolle im Ökosystem Süßwasser. Die Winzlinge. Einige dieser Winzlinge habe ich erst beim genauen Betrachten meiner Fotos wirklich entdeckt. Später machte ich mich gezielt auf deren Suche.

Aus dem Schulunterricht sind mir Polypen sehr wohl bekannt. Das Phänomen der ungeschlechtlichen Vermehrung durch Knospung verwundert und beeindruckt mich gleichermaßen. Diese bizarren Tierchen in ihrem nassen Element zu beobachten, übertrifft jede Lehrmethode. In teilweise großen Kolonien siedeln die Tiere auf Wasserpflanzen, Steinen, Holz und jedem festen Untergrund. Vereinzelt reisen sie sogar als blinde Passagiere auf Flusskrebsen und Teichmuscheln über den Boden. Ihre langen, nesselbewehrten Tentakel wiegen im Wasser und werden bei jeder Berührung zu einer tödlichen Falle für Wasserfloh und alles Zooplankton. Nähert man sich ihnen unvorsichtig, ziehen sich die elastischen Polypen urplötzlich zusammen. Süßwasserpolypenkolonien sind im kalten Wasser wesentlich häufiger anzutreffen.

Verwandte der weithin bekannten, landlebenden Kellerassel haben die Seen und Flüsse als idealen Lebensraum für sich entdeckt. Lange wusste ich bei den Wasserasseln nicht, wo eigentlich vorn und hinten ist. Die beiden Antennenpaare am Kopf und gegabelte Hinterleibsanhänge laden zum Verwechseln ein. Wasserasseln schwimmen nicht, sie laufen mit ihren vielen Beinpaaren am Grund oder über Wasserpflanzen als gäbe es kein Wasser um sie herum. Regelrechte Kolonien weißgrauer Wasserasseln sind an den alten Kohleflözen im Helenesee zu beobachten.

Einige Bewohner der heimischen Unterwasserwelt geben sich nur ein zeitlich begrenztes Stelldichein. Viele Insekten wie Mücken, Köcherfliegen oder Libellen legen ihre Eier im Wasser ab. Die geschlüpften Larven verbringen die Zeit bis zur großen Metamorphose raubend in Seen und Flüssen. Bewaffnet mit Zangen und Beißwerkzeugen sind sie gefürchtete Jäger unter Wasser. Doch auch sie stehen auf dem Speiseplan größerer Fressfeinde. Die Köcherfliegenlarve weiß ihren empfindlichen Hinterleib zu schützen. Aus lebensraumtypischem Material wie Kiesel, Schilfrohr oder Pflanzenreste verklebt die Larve einen soliden Köcher, in dem sie sich bis auf den massigen, mit kräftigen Beißkiefern besetzten Kopf zurückziehen kann. Es sieht lustig aus, wenn so ein „Stöckchen“ über den Grund hoppelt. Erst wenn man mit der Maske ganz nah heran schwimmt, erkennt man das Tier bei der kräftezehrenden Fortbewegung.

So vielfältig die bunten Klein- und Großlibellen am Ufersaum der Seen und Flüsse akrobatisch fliegen, so vielfältig sind deren Larven unter Wasser unterwegs. Lang, dünn, dick verbringen sie bis zu drei Jahren im Wasser. Mit einem genialen Fangapparat liegen die Larven auf der Lauer und schnappen bei vorbeischwimmender Beute wie Wasserflöhe blitzschnell zu.

Knallrote Wassermilben erinnern an Streichholzköpfe. Rote Würmer bohren sich in den Sand. Wasserflöhe tanzen mit ihren kleinen Fangarmen schwerelos im Wasser. Der scheinbar leblose Seegrund steckt voller Kleintiere mit ihren spannenden Abenteuern im Mikrokosmos.

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