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Kulturerbesiegel Oderbruch

Kulturerbesiegel Oderbruch

Das Oderbruch ist der größte besiedelte Flusspolder Deutschlands. Mit der im 18. Jahrhundert begonnen Trockenlegung ist eine Kulturlandschaft entstanden, die zu den einzigartigsten Kleinlandschaften Europas zählt.

© Foto: Matthias Lubisch

Letschiner wollen größten eingedeichten Flusspolder Europas auf besondere Weise würdigen

Kulturerbe-Siegel fürs Oderbruch

Erbepflege als Lebensaufgabe: Helmut Hulitschke hat im Dorfmuseum Friedrichsaue viele Details zum Leben und Wirtschaften im Oderbruch zusammengetragen.
Erbepflege als Lebensaufgabe: Helmut Hulitschke hat im Dorfmuseum Friedrichsaue viele Details zum Leben und Wirtschaften im Oderbruch zusammengetragen. © Foto: Ulf Grieger
Ulf Grieger / 03.06.2015, 06:37 Uhr
Letschin (MOZ) Die Gemeindevertretung von Letschin hat beschlossen, sich an der Initiative zur Erlangung des Status "Europäisches Kulturerbesiegel" für das Oderbruch zu beteiligen. Der Kostenbeitrag zum Landschaftsfonds liegt bei jährlich 300 Euro.

Das Oderbruch gilt als größter eingedeichter Flusspolder Europas. Der Wille zu seinem Erhalt als Kulturlandschaft ist vom Landtag erst nach dem letzten Hochwasser wieder bekräftigt worden. Trotzdem war erst kürzlich wieder eine Demonstration im Oderbruch nötig, um die politischen Bedingungen für den Erhalt dieser Kulturlandschaft und die Finanzierung der Anlagen deutlich zu machen. Im Zusammenhang mit dieser Bewegung hatte am 11. April in Wriezen der "Erste Landschaftstag Oderbruch" stattgefunden. Dort diskutierten die kommunalen Vertreter ausführlich über einen vom Letschiner Bürgermeister Michael Böttcher eingebrachten Vorschlag, die Möglichkeit des Europäischen Kulturerbesiegels (siehe Infokasten) zu nutzen, um die europäische Kulturleistung zu würdigen, die das Oderbruch in seiner heutigen Form darstellt.

In der Folge des Landschaftstages hatten sich bereits einige Bürgermeister bereiterklärt, die Ideen in die Parlamente zu tragen. In Letschin selbst gab es dafür Zustimmung. Untersetzt wird die Initiative durch einen "Landschaftsfonds", der bei der "Stiftung Oderbruch" angesiedelt ist. "Ziel der Erbesiegel-Strategie ist es zum einen, nach außen die politischen Signale der besonderen Bedeutung und Einmaligkeit des Oderbruchs zu senden. Zum anderen soll innerhalb der Region eine bessere Vernetzung in den Bereichen Kultur, Tourismus und Gesellschaft erreicht werden", erläuterte der Landschaftsplaner Kenneth Anders auf dem Landschaftstag. "Die Geschichte des Oderbruchs soll erzählt werden - dazu benötigen wir viele Erzähler, die zugleich öffentlich als Anwälte des Kulturerbes Oderbruch auftreten können".

Um als Kulturerbe mit dem Siegel zertifiziert werden zu können, müssen mehrere Kriterien erfüllt werden. Dazu gehört der Nachweis der Bedeutung der Stätten für die europäische Geschichte. Das ist mit Orten wie Neuhardenberg, Küstrin (Kostrzyn), Niederfinow, Seelow und Frankfurt gegeben. Weiterhin ist die Internationalität des Erbes gefragt. Dies gilt für das Oderbruch bereits von der Kolonisierung des trockengelegten Landes an. Die Kolonisten kamen aus dem europäischen Umland Preußens. Hinzu kommt der Umstand, dass es auch holländische Fachleute waren, die das Knowhow beigesteuert hatten. Und nicht zuletzt wurde die Technologie der Melioration großer Flussauenlandschaften auch "exportiert". Das Warthebruch, das Netzebruch und andere Gebiete wurden nach dem Vorbild des Oderbruchs eindeicht und für die Agrarnutzung erschlossen. Der Nachweis, dass europäische Werte wie Demokratie und Frieden in dem Erbe verankert sind und dass zahlreiche Akteure an der Präsentation des Erbes teilnehmen, muss geführt werden.

Dabei kommt dem Projekt der Umstand, dass das Freilichtmuseum Altranft zu einem Netzwerk umgewandelt wird, das alle kleinen Kultureinrichtungen im Oderbruch erfasst, zu Gute. Eine entsprechende mehrjährige Strategie zur Erlangung des Zertifikats werde erarbeitet, informierte Kenneth Anders.

Tatsächlich gibt es bereits viele Vorarbeiten für diese "Erzählungen" der europäischen Tradition im Oderbruch. So erzählt Helmut Hulitschke im Dorfmuseum Friedrichsaue auch die Umstände, unter denen die aus Schlesien, der Neumark, West- und Ostpreußen vertriebenen Menschen in den Oderbruchdörfern als Neubauern eine neue Existenz gefunden haben. Im Küstriner Festungsmuseum ist zu erfahren, wie die vollkommen zerstörte Stadt von Menschen aufgebaut wurde, die aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten vertrieben wurden. Im Filmmuseum Golzow kann nachvollzogen werden, wie sich das Dorf im Zuge der Komplexmelioration entwickelt hatte und internationale Delegationen sich die Klinke in die Hand gaben. In Wollup wird die Geschichte der Zuckerproduktion und in Möglin die Agrarreform gezeigt.

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Ignaz Lehmpfuhl 03.06.2015 - 11:08:46

Kulturerbe

Wie vertrüge sich denn ein Kulturerbe mit Tausenden Windkraftanlagen und stinkenden Biogasanlagen? Erbe hat doch immer etwas mit Vergangenem zu tun, das Oderbruch wird aber schon jetzt mehr von der Moderne dominiert und wie man vernehmen kann, sollen die regenerativen Energien hier noch dramatisch ausgebaut werden. Würde der romantische Mittelrhein noch Kulturerbe sein, wenn man zwischen seine trutzigen alten Burgen überall Windräder aufstellen würde? Wohl eher nicht. In Dresden reichte eine einzige unpassende Brücke, um den Status zu verlieren. Verloren haben auch die Initiatoren aus dem Oderbruch, erst ihre Ruhe und die schöne Landschaft und jetzt den Blick für die Realität.

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