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zum Beginn des Weinstein-Prozesses
MeToo ist nicht vorbei

Dorothee Torebko
Dorothee Torebko © Foto: NBR
Dorothee Torebko / 06.01.2020, 19:26 Uhr - Aktualisiert 06.01.2020, 19:43
Hollywood (NBR) Hollywood-Produzent Harvey Weinstein steht seit Montag vor Gericht. Seine mutmaßlichen Übergriffe lösten eine Welle der Solidarisierung von Frauen aus.

Eine Kellnerin, der beim Servieren an den Hintern gefasst wird. Eine Erzieherin, die von einem Vater mit anzüglichen Sprüchen bedacht wird. Eine Praktikantin, deren Chef ihr während eines Meetings zwischen die Beine fasst: All diese Beispiele wurden unter dem Hashtag #Metoo verbreitet. Anstoß der Solidarisierung von Millionen Frauen war der Machtmissbrauch des Produzenten Harvey Weinstein vor über zwei Jahren. Seit Montag steht der Hollywood-Magnat vor Gericht. Auch in Deutschland wurden prominente Männer herausgepickt und mit ihren mutmaßlichen sexuellen Übergriffen konfrontiert. Doch sind das nur Einzelfälle, die an den Pranger gestellt wurden, oder hat sich strukturell tatsächlich etwas verändert?

Ein Schwachpunkt des Hashtags war, dass ihn Frauen mit unterschiedlichen Formen sexueller Gewalt versahen. Sie teilten Vorfälle, die teils nicht vergleichbar waren. Vergewaltigungserlebnisse wurden mit #MeToo versehen ebenso wie anzügliche Blicke. Das Teilen von Erlebnissen war aber nicht das Entscheidende bei der Bewegung. Vielmehr zeigte sie Machtstrukturen auf, die sexuelle Gewalt erst ermöglichen. Dass Belästigung genutzt wird, um zumeist Frauen auf ihren untergeordneten Platz zu verweisen und mundtot zu machen. #MeToo verdeutlichte, dass Männer ihre Machtpositionen an ihre (männlichen) Zöglinge weitervererben und ein Durchbrechen des Schweigens deshalb schwierig bis unmöglich ist.

Nun sind über zwei Jahre vergangen, und es scheint sich wenig geändert zu haben. Das Arbeitsumfeld ist nicht von sexueller Gewalt befreit. Im Gegenteil. Anstatt dass #MeToo die Situation verbessert, hat die Bewegung sie sogar verschlechtert, zeigt eine Studie der Universität Houston. Die Hälfte der Männer sagte darin aus, sie hätten Angst vor falschen Anschuldigungen, wenn sie mit Frauen zusammenarbeiten. Auf die Frage, ob sie dann lieber keine Frauen mehr einstellen würden, antworteten 25 Prozent mit Ja. Viele Männer gingen Frauen am Arbeitsplatz aus dem Weg, würden nicht mehr mit ihnen allein im Zimmer sein oder mit ihnen auf Reisen gehen wollen. Das ist erschreckend: Denn statt Strukturen aufzubrechen, manövriert sich ein Teil der Männer mittels Hashtag in eine Opferposition, um aus dieser heraus Machtverhältnisse zu zementieren.

Infolge der MeToo-Debatte hat sich aber auch einiges zum Positiven verändert. So gründeten öffentlich-rechtliche Sender und Film- sowie Theaterverbände "Themis". Betroffene können sich anonym an die Anlaufstelle wenden. Arbeitgeber bieten Fortbildungen an: Sie wollen lernen, wie sich der Betrieb in Fällen sexueller Belästigung verhalten kann. Großkonzerne schulen Beschäftigte, wie Übergriffe zu definieren sind, und Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter neuerdings Verhaltensgrundsätze unterschreiben, dass sexuelle Belästigung ein Kündigungsgrund ist.

#MeToo war gut und wichtig. Es war ein erster Schritt, weil die Bewegung vielen Frauen geholfen und sie befreit hat. Der Hashtag hat ein Tor geöffnet, doch bis heute ist nicht abzusehen, wohin es führt.

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