Das Kuriose selbstverständlich gleich vorweg: Mazda ist der einzige namhafte westliche Hersteller, der ein neues, erfolgreiches Auto gleichzeitig in West- und Ostdeutschland vermarktet hat – und zwar schon zehn Jahre vor der deutschen Einheit. Ja, es war der 323. Das Modell der zweiten Generation – eine kompakte Schräghecklimousine modernster Bauart mit Frontantrieb und Einzelradaufhängung. Der veritable Golf-Konkurrent hatte es in der BRD zum meistverkauften japanischen Auto gebracht. 1981, kurz nach dem Besuch einer Partei- und Staatsdelegation unter Leitung Honeckers in Japan, begann der DDR-Import von 10.000 Einheiten, vornehmlich des Dreitürers mit 1,1-Liter-Vierzylinder (54 PS). Der 3,96 Meter kurze Mazda kostete 24.600 DDR-Mark. Der begehrte Westwagen wurde allerdings bis auf wenige Ausnahmen nur an mehr oder weniger verdiente Bürger der DDR-Hauptstadt Berlin verkauft - eine zuteilungsreife, das heißt langjährige Pkw-Bestellung beim IFA-Vertrieb und Barzahlung vorausgesetzt.

Dichtmittel als Beginn

Doch zurück nach Hiroshima, den Heimatort Mazdas. Dort begann alles mit Korkprodukten. Als sich am 30. Januar 1920 die Toyo Cork Kogyo Co. Ltd. gründete, um die japanische Wirtschaft mit dem damals noch unersetzbaren, aber äußerst knappen Dichtmittel Kork zu versorgen, war an Mazda-Autos noch nicht zu denken. Erst 1930, nachdem der innovationsfreudige Industrielle Jujiro Matsuda das Unternehmen auf modernen Maschinenbau umgestellt hatte, entstanden die ersten Prototypen eines offenen Lastendreirads mit luftgekühltem Einzylinder (9,4 PS), das ab 1931 unter dem Namen Mazda-Go zum ersten Bestseller der tau(f)frischen Marke wurde. Der Name Mazda nimmt Bezug sowohl auf Jujiro Matsuda als auch auf Ahura Mazda, den persischen Gott des Lichtes und der Weisheit.

Ein Zweisitzer ab 1960

Knapp drei Jahrzehnte später gab mit dem R360 der erste vierrädrige Mazda sein Debüt. Das winzige Leichtbaucoupé brachte leer nur 380 Kilogramm auf die Waage, wurde von einem V2-Viertakter (16 PS) aus Aluminium angetrieben und verbrauchte im Schnitt nur 3,1 Liter. Der 2,98 Meter kurze Zweisitzer, der auch mit Automatikgetriebe angeboten wurde, kam 1960 auf den Markt. In dieser Zeit widersetzte sich Mazda erfolgreich der von der Politik diktierten Fusion mit anderen japanischen Herstellern und suchte mutig eigene Wege zum Erfolg. So kam es 1961 zu einem Lizenzvertrag mit NSU zur Produktion des vollkommen neuartigen Kreiskolben-Motors des Felix Wankel. Rekordverdächtig schnell gelang es den japanischen Ingenieuren, das weltweit erste Serienauto mit Zwei-Scheiben-Kreiskolbenmotor auf den Markt zu bringen. Noch vor dem NSU Ro 80 erschien im Mai 1967 der futuristisch gestylte Mazda Cosmo Sport 110 S (110 bis 128 PS). Das war der Beginn einer außergewöhnlichen Erfolgsstory.

Spezialität Wankelmotor

Obgleich damals viele Hersteller Lizenzverträge abgeschlossen hatten, gelang es nur Mazda, mehr als eine Million Fahrzeuge mit Wankelmotor zu verkaufen, darunter legendäre Modelle wie die auch in Deutschland erfolgreichen Sportwagen RX-7 und RX-8. Die stetige Weiterentwicklung des mit allerlei Macken behafteten Kreiskolbenmotors spricht für den Mazda-Geist, Konventionen zu überwinden und sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. So unter anderem mit dem weltweit ersten per Turbo aufgeladenen Wankelmotor, der 1982 im Mazda Cosmo RE debütierte. Mit dem RENENSIS-Motor des RX-8, dem bis heute fortschrittlichsten Aggregat seiner Bauart, brachte Mazda das Konzept in das neue Jahrtausend. Auch dem Wettbewerb ging man nie aus dem Weg. Mazda feierte bei zahlreichen Rennen große Erfolge, darunter den Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1991.

Erfolgsmodell MX-5

Dies alles mit dem gleichen Geist, der Mazda zum Beispiel 1989 dazu bewegte, mit dem MX-5 das totgesagte Roadster-Segment wiederzubeleben und die Ikone des japanischen Automobilbaus bis heute jung und begehrlich zu halten. Ein Geist, der schließlich auch ab 2012 zur Entwicklung der Skyactiv-Technologie führte, deren Ziel es ist, ausnahmslos alle Fahrzeugkomponenten auf maximale Effizienz und größtmöglichen Fahrspaß zu trimmen. Beim revolutionären Skyactiv-X-Motor mit Kompressionszündung, der zum Beispiel im Mazda 3 angeboten wird, vereinen die Japaner seit 2019 als weltweit erste Hersteller die Vorteile von Otto- und Dieselmotor. Auch dem Kreiskolbenmotor ist kein Ende beschieden. Im Gegenteil: Mazda sagt dem leichten, kompakten und hochdrehenden Verbrenner eine große Zukunft voraus - als Range Extender (Reichweitenverlängerer) zum Beispiel für Elektroautos wie den brandneuen MX-30, der noch in diesem Monat bei den Händlern vorfährt.

Sondermodelle zum Jubiläum

Neben dem ersten vollelektrischen Mazda, den überarbeiteten SUVs CX-3 und CX-5, die unter anderem Skyactiv-G-Motoren mit Zylinderabschaltung erhalten, schicken die Japaner aus Hiroshima zum Jubiläum limitierte Sondermodelle an den Start. Die „100th Anniversary Special Editionen“ erinnern mit der zweifarbigen Lackierung in Weiß und Burgunderrot an den ersten Pkw der Marke, den R360 von 1960. Der Verkauf der auf 100 Exemplare begrenzten Anniversary-Modelle beginnt im Oktober, ausgeliefert wird zwischen November 2020 und Februar 2021. Wolfgang Brekeller