Er könnte der Stachel im Fleisch von Audi A7, Panamera & Co. sein – könnte! Denn der Bekanntheitsgrad des koreanischen Gran Turismo hält sich hierzulande sehr in Grenzen. Wobei das seit 2017 auf dem Markt befindliche Gefährt wirklich viel mehr Beachtung verdient. In diesem Jahr gab es eine Modellpflege und übrig blieb da nur noch eine, nämlich die begehrteste Motorisierung.

Motor

Bei dieser handelt es sich um den 3.3-Liter-V6 mit Twin-Turbo-Aufladung. Die Leistung blieb unverändert bei 366 PS sowie sehr zeitig verfügbaren maximalen 510 Newtonmetern Drehmoment. Kernig im Klang und deftig in der Kraftentfaltung erfüllt der Sahnemotor seit dem Facelift alle erforderlichen Emissionswerte.

Karosserie/Ausstattung

Die Modellpflege fiel äußerlich dezent aus, was keineswegs problematisch ist, denn der Kia Stinger ist nach wie vor eine echte Schönheit, sieht derart europäisch aus, dass man ihn auf den ersten Blick gerne einem hiesigen Hersteller zuordnen möchte. Vor allem in der Seitenansicht birgt der GT Ähnlichkeiten und Aussagen mancher Betrachter wie „Oh, ein asiatischer Panamera!“ kommen da nicht von ungefähr. Am Heck zeigen die Rückleuchten das markanteste Update, besitzen nun eine andere Signatur, bestehen vollständig aus LED-Technik und sind mit einem durchgängig verlaufenden Lichtband verknüpft, was den Stinger optisch noch breiter erscheinen lässt.
Mehr Aufmerksamkeit wurde dem Innenraum zuteil, in dem vor allem der neue größere Zentralbildschirm als Update ins Auge fällt. Das Festhalten an echten Tasten und Drehreglern begrüßen wir an dieser Stelle, denn erweist sich die Bedienung vor allem dadurch als sehr einfach – auch während der Fahrt. Das Platzangebot ist insgesamt als großzügig zu beschreiben und auch wenn das schwungvoll nach hinten abfallende Dach etwas von der Kopffreiheit im Fond für sich beansprucht, muss man sich keinerlei Gedanken um zu enge Verhältnisse zu machen – sofern man die 1,80 Meter nicht überschreitet. Der Kofferraum ist üppig und kann per Umklappen der Rücklehnen maximiert werden – eine separate Durchlade gibt es hingegen nicht.
Dazu bieten die Sitze neben einer sportiv geprägten Ergonomie mit viel Seitenhalt auch ausreichend Komfort und Auflageflächen. Fernreisen im Stinger? Ohne Einschränkungen, ja! Die in diesem Kia eingesetzten Materialien erweisen sich allesamt als wertig und die Verarbeitung liegt auf Topniveau.
Richtig aufgeholt hat das neue Infotainment mit einer grandiosen Navigation und vielen Online-Diensten, denn der Stinger ist nun praktisch „always online“. Dazu kommen neue Assistenzsysteme, wie ein Totwinkelassistent, der bei jedem Blinkersetzen automatisch die Kamerasicht der jeweiligen Fahrzeugseite direkt in das Infodisplay des Cockpits einblendet – ein riesiger Sicherheitsgewinn. Blind Spot View Monitor nennt man das bei Kia, der auch bei anderen Modellen der Marke zum Einsatz kommt. Deutlich ausgereifter zeigt sich die Sprachsteuerung, die im Test mit sehr hohem Verständnis eine Vielzahl von Befehlen zielsicher umsetzen konnte. Zwei Wermutstropfen sind dennoch anzumerken: Die kabellose Ladestation für Smartphones unterbricht immer wieder grundlos den Ladevorgang und der Empfang von digitalen Radiosendern ist nicht unbedingt stark.

Fahrverhalten

Mit dem potenten Sechszylinder fühlt sich der Gran Turismo aus Fernost richtig leichtfüßig an. Das sehr zeitig verfügbare Drehmoment sorgt bereits kurz über Leerlaufdrehzahl für mächtig Vortrieb praktisch aus dem Stand. Dabei geht es bei Bedarf in nur 5,4 Sekunden von null auf Tempo 100 und der Vortrieb muss sich erst bei 270 km/h dem Luftwiderstand geschlagen geben. Das Fahrwerk zeigt sich dabei sehr ausgewogen, das Setup ist zwar in seinen Grundzügen straff abgestimmt, doch im normalen Fahrmodus überzeugt der Stinger mit einer anerkennenswerten Komfortnote.
Nicht minder respekteinfordernd ist die vielseitige Charakteristik dieses Kia. Von gemächlichem Cruisen bei Richtgeschwindigkeit, geht es in den Fahrmodi Sport und noch ein Tacken mehr im Sport+ auf Wunsch auch ordentlich zur Sache. Als erstes nehmen die Seitenwangen der erstklassigen Sitze den Fahrer stärker in die Zange. Der Allradantrieb ist jetzt noch eine Ecke heckbetonter als ohnehin der Fall und die sonst eher wie ein Souffleur im Hintergrund agierende Automatik schaltet zackiger und lässt die acht Stufen auch per Schaltwippen sortieren. Lediglich einen Kickdown würden wir etwas flotter erwarten.
Weniger gefielen uns die spürbaren Verwindungen im Antriebsstrang, wenn man den Stinger mit viel Lenkeinschlag rangieren muss. Dies ist ein Zeichen für den permanenten und klar auf Performance ausgelegten Allradantrieb. An dieser Stelle noch ein Wunsch an Kia: Wenn man in den Fahrprogrammen Sport oder Sport+ unterwegs ist, benötigt man die Start-Stopp-Funktion nicht wirklich – diese könnte also gerne hierbei automatisch deaktiviert werden.
Die Lenkung arbeitet sehr präzise, wurde in Neutralstellung noch exakter und vermittelt jederzeit Rückmeldung zum Status Quo der Gegebenheiten. Damit wirkt der Stinger handlich und kompakter als er es größentechnisch ist. Aufgefallen war, dass der Sound des überarbeiteten Stinger insgesamt, aber vor allem im Sportmodus viel emotionaler, weil präsenter, basslastiger und so passender zum Auto erschien.

Wirtschaftlichkeit

Für all dieses Temperament muss man allerdings beim Verbrauch entsprechend einen Expresszuschlag einkalkulieren. Im Alltagstest genehmigte sich der Gran Turismo im Schnitt 11,8 Liter auf 100 Kilometer. Wenn man im einstelligen Bereich bleiben möchte, muss man sich etwas anstrengen. Bleibt man behutsam mit dem Gaspedal und fährt gemach und vorausschauend, sind allerdings sogar Werte mit einer sieben vor dem Komma drin. Bei Dauervollgas über die Autobahn kommt man allerdings der Zwanzigermarke gefährlich nahe.
Der Einstiegspreis für den Stinger beträgt 58.900 Euro. Was für einen Augenblick vielleicht als viel empfunden wird, relativiert sich schnell beim Blick auf die nahezu volle Ausstattung und auf die Konkurrenz, die meist spürbar teurer ist, dessen Einstiegspreise nicht selten im deutlich fünfstelligen Bereich über dem Kia liegen.

Fazit

Der Kia Stinger entpuppte sich im Test als ein hervorragender und topmoderner Gran Turismo, der kraftvoll und fahraktiv sowie bestens ausgestattet alle Anforderungen an einen solchen erfüllen kann. Im direkten Vergleich mit dem Wettbewerb ist er preislich konkurrenzlos und hat mit all diesen Pro-Argumenten viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm bislang zuteil wurde. Wer einen kräftig motorisierten und opulent ausgestatteten GT sucht, sollte sich diesen coolen „Stachel“ unbedingt näher anschauen.