Eine von wenigen Marken, die aktuell nicht viel mit E-Mobilität am Hut haben, ist das traditionsreiche Haus Lamborghini. Im schönen Sant´Agata Bolognese, einer kleinen Gemeinde in Bologna, werden noch immer höchst performante Boliden entwickelt, die meistens auch eine Straßenzulassung erhalten. Ein solcher Kandidat ist der Lamborghini Huracán Evo Spyder.

Motor

Den Antrieb im Lamborghini Huracán Spyder übernimmt ein 5,2 Liter großer V10, der als reiner Saugmotor daherkommt. Die maximale Leistung beträgt 640 PS bei unglaublichen 8000 Umdrehungen pro Minute, das maximale Drehmoment liegt bei 600 Newtonmetern. Neben seinem Konzernbruder, dem Audi R8, tobt er damit auf einsamem Posten, denn Zehnzylinder sind mittlerweile nur noch als Exoten auf dem (Gebrauchtwagen-) Markt vertreten.
Mit der Kraftübertragung hat man ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe betraut, das auf den Namen Lamborghini Doppia Frizione hört. Unser Testwagen verfügte über einen vollvariablen Allradantrieb; auf Wunsch ist der Stier auch als reiner Hecktriebler zu haben. Die Messwerte sind faszinierend: Aus dem Stand beschleunigt der Huracán Spyder in 3,1 Sekunden auf 100 km/h, die 200 Sachen sind ebenfalls in unter zehn Sekunden erledigt. Die Höchstgeschwindigkeit gibt Lamborghini mit „größer als 325 km/h“ an.

Karosserie/Ausstattung

Seinem Dasein als Supersportwagen wird der Huracán Evo Spyder absolut gerecht. Die gerade einmal 1,18 Meter hohe Flunder strahlt bereits auf den ersten Blick ultimatives Rennsportflair aus, was nicht zuletzt den vielen Ecken und Kanten geschuldet ist. Nicht umsonst wurden und werden Fahrzeuge der italienischen Nobelschmiede gern mit Kampfjets vergleichen.
Im Zuge eines Facelifts erhielt der Huracán nicht nur seinen Namenszusatz „Evo“ sondern auch einige optische Neuerungen. So rollt das Fahrzeug nun mit neuer Frontschürze samt modifiziertem Frontsplitter zu Kunden. Die Seitenansicht des Spyder gibt den Blick frei auf eine keilartige Silhouette, die dem Supersportler eine regelrechte Lauerstellung verpasst. Oder, um es kurz zu sagen: Das Fahrzeug sieht bereits im Stand schnell aus.
Auch mit geöffnetem Verdeck wird die Designlinie nahtlos fortgesetzt. 17 Sekunden dauert es übrigens, bis die kleine Stoffmütze platzsparend in einer dafür vorgesehenen Ablage verschwunden ist. Bis Tempo 50 funktioniert dieser Mechanismus. Das Heck orientiert sich derweil an Rennfahrzeugen ohne Straßenzulassung. Die beiden Endrohre sind weit oben im hinteren Stoßfänger integriert, was den „Evo“ deutlich von seinen Modellgeschwistern unterscheidet. Natürlich sind all diese Neuerungen nicht nur rein optischer Natur. Durch die vielen Modifikationen – einschließlich eines aerodynamisch optimierten Unterbodens – soll der Italiener noch besser performen.
Wer nun glaubt, dass der Huracán über Scherentüren verfügt, der irrt. Diese Form der Türen bleibt ausschließlich den V12-Modellen vorbehalten – beispielsweise dem Aventador. Besonders auffällig ist die Lackierung unseres Testwagens. Das matte Blu Uranus steht dem Heißsporn bestens zu Gesicht und sorgte während des Testzeitraum ständig für interessierte Blicke.
Im Inneren geht es supersportwagenkonform relativ eng zu. Alle Redakteure, welche die 1,85 Meter Gardemaß überschritten, hatten zumindest bei geschlossenem Verdeck Mühe, eine angenehme Sitzposition zu finden. Ist diese jedoch einmal gefunden, zeigt sich der heißblütige Italiener erstaunlich bequem. Die Infotainmentzentrale ist ein hochkant integrierter 8,4-Zoll-Touchscreen, dessen Bedienung nach kurzer Zeit verinnerlicht ist. Gleiches gilt für das 12,4 Zoll große, volldigitale Cockpit, welches auch bei direkter Sonneneinstrahlung bestens ablesbar bleibt.
Die Verarbeitung ist einwandfrei und auch die Materialauswahl lässt keinen Grund für etwaige Kritik zu. In unserem Fall wurde das Interieur von hellem Nappaleder und dunklem Carbon dominiert, das insbesondere mit der hellblauen Außenhaut hervorragend harmoniert.
Der Kofferraum des offenen Supersportwagens befindet sich vorne und hat ein Volumen von 100 Litern. Das ist sicher nicht viel, doch als waschechten Alltagswagen nutzt wohl niemand solch ein Fahrzeug.

Fahrverhalten

Ein Ausritt mit einem Kampfstier ist immer ein besonderes Ereignis. So auch mit dem Lamborghini Huracán Evo Spyder. Nach einem kurzen Druck auf den hinter einer Klappe verborgenen Startknopf, meldet sich der Zehnzylinder mit kräftigem Fauchen zum Dienst, um kurz darauf in einen gurgelnden Leerlauf zu verfallen. Durch die Stadt geht es im Modus „Strada“ – das zivilste Fahrprogramm neben Sport und Corsa (= italienisch für Rennstrecke). Nach den ersten Kilometern fällt schnell auf, dass sich der Italiener verhältnismäßig normal im Straßenverkehr bewegen lässt. Die Gasannahme ist nicht übermäßig sensibel, das Fahrwerk weist zwar eine gesunde Härte auf, doch der Restkomfort ist noch immer vollkommen ausreichend. Selbst der Klang hält sich in besagtem Fahrmodus weitgehend zurück, sodass ein Mitschwimmen im Verkehr – von optischen Begehren anderer Verkehrsteilnehmer mal abgesehen – problemlos möglich ist.
Ein Wechsel auf die Landstraße zieht für uns auch ein Wechsel in den Sportmodus nach sich. Und diese Änderung ist gleich in vielerlei Hinsicht signifikant. Die Abgasanlage öffnet ihre Klappen, der Sound geht nun wahrhaft unter die Haut und der Huracán scheint sämtliche Muskeln anzuspannen. Das Gas wird nun weitaus bissiger angenommen und die Lenkung reagiert auf jede noch so kleine Bewegung am Lenkrad. Insbesondere die neue Hinterachslenkung hilft dem Boliden in der Stadt wendiger und bei höheren Geschwindigkeiten stabiler zu bleiben. Das Durchfahren von Kurven aller Art scheint den Lamborghini nicht einmal ansatzweise zu fordern, das Potential vermag schier endlos zu sein und dank des Allradantriebs gibt es nur bei massivem Übertreiben ein leichtes Übersteuern – meist am Kurvenausgang.
Wir wechseln noch einmal das Terrain und begeben uns auf die Autobahn. Wohlweislich auf ein Teilstück, das keine Geschwindigkeitsbegrenzung hat. Hier lassen wir dem Boliden freien Lauf und erfreuen uns an dem markerschütternden Sound, der sich von dumpfem Grollen über heiseres Brüllen bis hin zu Formel-1-gleichem Schreien erstreckt. Ein Fest für die Ohren, möchte man meinen. Derweil beschleunigt das Fahrzeug derart massiv, dass die 300 Stundenkilometer schneller auf dem Tacho stehen, als man glauben möchte. Wir erreichen an diesem Tag die Schnapszahl 333. Sicherlich sind noch ein paar km/h mehr drin, doch es reicht uns zu wissen, dass die angegebenen 325 Sachen spielend zu erreichen sind. Das alles fühlt sich übrigens nicht unsicher oder wagemutig an. Nein, der Lamborghini glänzt mit absoluter Souveränität, selbst jenseits der 300-km/h-Marke.
Da es sich bei unserem Testkandidaten um einen Spyder – also ein Cabriolet – handelt, möchten wir noch ein Wort über das Offenfahren verlieren. Grundsätzlich kann man diesem bedenkenlos auch bei weniger sommerlichen Temperaturen frönen. Im Inneren bleibt es bis Tempo 140 relativ windstill und selbst darüber sollte ein simpler Schal etwaigen Rachenbeschwerden vorbeugen. Natürlich ist die Lautstärke ab Autobahntempo nicht wegzureden. Wen dies stört, der sollte für Autobahnetappen das Verdeck schließen. Dann bleibt es bis circa 230 Sachen ruhig im Passagierraum.

Wirtschaftlichkeit

Bei einem Lamborghini von Wirtschaftlichkeit zu sprechen, mag für viele ein wenig ironisch klingen, doch wir tun es – wie bei allen anderen Testfahrzeugen – auch bei diesem italienischen Präzisionswerkzeug. Der Grundpreis für den offenen Huracán Evo beträgt rund 241.400 Euro. Die Extras sind überwiegend optischer Natur, lediglich die Liftfunktion für die Vorderachse (3500 Euro) und die Rückfahrkamera (1900 Euro) sollten unbedingt hinzu gebucht werden. Unser sehr üppig ausgestatteter Testwagen verfügte zudem über eine matte Sonderlackierung im Wert eines Kleinwagens (14.800 Euro) sowie über spezielle Sportsitze mit feinem Leder samt Evo-Trimm und gesticktem Lamborghini-Logo auf den Kopfstützen (11.000 Euro). Auch das Soundsystem aus dem Hause Sensonum (3300 Euro) ist sehr empfehlenswert. Am Ende steht ein Fahrzeugpreis von 313.780 Euro, der in seiner Höhe sicherlich mit dem ein oder anderen Eigenheim konkurriert.
Der Verbrauch des offenen Italieners belief sich im Drittelmix auf 13,4 Liter Super pro 100 Kilometer, was etwa einen halben Liter unterhalb der Werksangabe liegt. Für einen 640 PS starken Supersportwagen ist dies kein schlechter Wert. Wer als Sonnenanbeter das Gleiten über weitläufige Landstraßen vorzieht, erntet sogar Werte unterhalb von zehn Litern. Nur wer die 640 putzmunteren Pferde galoppieren lässt, kratzt gelegentlich die 20-Liter-Marke an. Im Übrigen tankt der Bolide auch E10 – Super Plus wird nicht verlangt.

Fazit

Der Lamborghini Huracán Evo Spyder ist ein Traumwagen für Groß und Klein. Ein blechgewordener Traum, der leider für die meisten Menschen unerreichbar bleibt. Dennoch erfreut man sich an dem Dasein solcher Schönheiten, die in der aktuellen Zeit um ihre Existenz bangen müssen.
In Summe vereint der italienische Stealth-Bomber martialische Ästhetik mit purer Leidenschaft und Fahreigenschaften, die weit jenseits von dem liegen, was herkömmliche Fahrzeuge zu bieten in der Lage sind. Diese daraus resultierende Faszination weckt Begehrlichkeiten und zeigt, dass Vernunft nicht immer an erster Stelle stehen muss. Zumindest nicht dann, wenn ein goldener Stier auf schwarzem Hintergrund thront.