Mit F1 2020 kam Codemasters fast zeitgleich zum Saisonbeginn der Formel 1 auf den Markt. Im Gegensatz zum echten Rennzirkus steht im virtuellen allerdings der gesamte Jahreskalender zur Verfügung. Dazu das komplette Lizenzpaket des Motorsport Oberhauses wie auch der Formel 2. Und als Sahnehäubchen präsentieren die Briten noch "Mein Team", eine Mischung aus Fahrer- und Manager-Sim, wie es sie in der Vergangenheit - wenn auch selten - schon gegeben hat. Im Prinzip orientiert sich dieser Modus an der erweiterten Karriere, wie wir sie schon vom Vorgänger kennen. Nur das wir heuer nicht als Fahrer bei einem bekannten Rennstall ins Cockpit klettern, sondern gleich mit zwei eigenen Boliden extra zum bekannten Feld an der Start gehen.
Bis es soweit ist, muss Aufbauarbeit geleistet werden. Farben, Design, Namen, Motorenlieferant, zweiter Fahrer, Team-Logo und vor allem der richtige Sponsor müssen gefunden bzw. entworfen werden. Das Budget entscheidet von Anfang an über die Leistungsfähigkeit auf und abseits der Strecke. Ist genügend Geld in der Kasse, können die vier Entwicklungsabteilungen für Aerodynamik, Motor, Chassis und Strapazierfähigkeit arbeiten. Vorausgesetzt, es sind zudem ausreichend Entwicklungspunkte auf dem Konto. Und die erfährt man sich u.a. bei speziellen Programmen während der freien Trainingsessions. Kommt bekannt vor? Richtig. Hier beginnen die Überschneidungen zur Karriere. Und der Rest verläuft im Prinzip auch so.

F-1-Weltmeister mit eigenem Team

Da natürlich jeder Gamer angefixt ist von der Vorstellung, als Nobody im eigenen Renner die WM zu gewinnen, macht es Codemasters über verschiedene Stellschrauben möglich, während einer vollen oder verkürzten Saison zum Meistertitel zu rasen. Die bekannten Fahrhilfen bis hin zur Einstellung, mit wie viel Prozent Können die KI mitfährt, sollen’s richten. Da man das auch während des Jahres nachjustieren kann, müssen die Races nicht zwangsläufig in Langeweile enden. Im Zweifelsfall dürfen Rennpannen oder gleich ganze Sessions per Rückblende ausgebessert oder wiederholt werden. Erfolg ist also durchaus planbar. Das gilt ebenso für die Ausstattung des Rennstalls. Denn mit zunehmender Bekanntheit stehen weitere Sponsoren bereit, die ihre Zuwendung von bestimmten Bedingungen abhängig machen. Hier sollte man realistisch seine Möglichkeiten einschätzen und dem Meistbietenden den Zuschlag erteilen. Nur dem Teamkollegen kann der Spieler nicht wirklich auf die Sprünge helfen. Als Rookie im neuen Auto gurkt der meist hinterher. Da hilft oft nur der Austausch. Dank eines dynamischen Fahrermarktes darf sich so der Fahrer-Eigner mit Geld auch bessere Kollegen einkaufen.
Neben der Sponsoren-Suche und der Ausstattung der Fachabteilungen gehört ebenso der Ausbau des Forschungs- und Entwicklungsbaumes zu den Manager-Aufgaben. Allerdings bietet das Game hier Hilfe in der Form, dass Ziele anhand des aktuellen Punkte-Budgets vorgeschlagen werden. Schon die erste Saison zeigt dabei deutlich, dass die Strapazierfähigkeit des Renners oberste Prio haben sollte. Denn um Grid-Strafen zu vermeiden, ist ja nur eine bestimmte Anzahl von Motoren, Getrieben etc. pro Jahr erlaubt. Und der Bolide zeigt recht bald per Rauchfahne oder in der entsprechenden Grafik an, dass Teile verschleißen. Mitunter ist es sinnvoll, in Trainingsessions alte und im Rennen neue Teile zu fahren, um über die Gesamtzeit zu kommen. In der Technikfrage zeigen sich dann auch die ersten kleinen Mängel im Programm. So wechselt das Team bei Totalschäden nicht automatisch die entsprechenden Baugruppen. Und wenn beauftragt, steht einen Tag später vor der nächsten Session "ausstehend" im entsprechenden Fenster. Eigenartig, wo doch über Nacht ganze Autos neu aufgebaut werden könnten.

Racing nah an der Wirklichkeit

Und wenn wir schonmal dabei sind, es finden sich durchaus weitere Fehler, die auch ärgerlich werden können. So passiert es immer wieder, dass ausgerechnet der Teamkollege einem von der Box aus vors Auto fährt. Solche Pannen würde man eher Ferrari zutrauen. Apropos: Auch die Boxenstopps erklären sich nicht. Wer der vorgeschlagenen Strategie folgt, landet zwangsläufig im dichten Mittelfeld, während die unmittelbaren Verfolger länger fahren und so dann wieder freie Bahn haben. Last but not least passen die Kommentare des Renningenieurs nicht zum aktuellen Stand der Aufstellung oder der Meisterschaft. Hier hat scheinbar niemand bei der Entwicklung damit gerechnet, dass der Neueinsteiger den Reigen einmal anführt. Schließlich sind die Reporterfragen teils dämlich, teils unpassend zum Rennverlauf und einfach nur nichtssagend. Der ganze Part des Ansehens und der Anerkennung ist der schwächste im gesamten Game.
Der beste dagegen ist das Racing. Und darauf schließlich kommt es an. Je nach Einstellung lassen sich die Boliden von kinderleicht bis hölleschwer bewegen, stets aber mit dem Feedback, als ob man selbst am Volant sitzt. Wer’s richtig krachen lässt, bekommt auf gewisse Weise auch realistisch die G-Kräfte zu spüren und der Geschwindigkeitseindruck ist ebenso grandios. Selbst die Aerodynamik wird erlebbar. Nicht nur beim Blick auf den Tacho, sondern beispielsweise auch, wenn man anderen hinterherfährt und in dirty air Grip verliert. ERS wird dank des Überholknopfes nun Spiel-Realität, gekoppelt mit DRS macht es spektakuläre Positionskämpfe möglich. Bei diesen verhält sich die KI deutlich besser als in den Vorjahren, hat nicht zwingend die Ideallinie gepachtet. Zudem machen die NPCs etwa bei blauen Flaggen oder wenn man sich auf einer schnellen Runde befindet, bereitwillig Platz. Auch das war nicht immer so. Als Fahrer hat der Gamer dazu alle Einstellmöglichkeiten wie Hamilton & Co. Lediglich die Handhabung ist etwas tricky. Denn die Ein- bzw. Verstellungen über die verschiedenen Klapp-Menüs und das digitale Steuerkreuz sind im Renntrim fast unmöglich, da sie nicht via Lenkrad intuitiv erfolgen, sondern visuell. Und dazu hat man bei Tempo 320 einfach keine Zeit und Aufmerksamkeit. Bestimmte Dinge lassen sich allerdings auch per Sprachbefehl lösen, sofern die technischen Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Mit Schumi in Jordan, Benneton und Ferrari

Zum Gesamterlebnis gehört natürlich die Grafik. Bei den Menüs und Einstellungen hat sich da recht wenig getan, die Reporterin wurde gar ganz aus dem Vorjahr übernommen. Ansonsten aber gibt es nichts zu meckern. Die Boliden sehen echt aus, verfügen über alle Details und auch die Kurse machen einen sehr realistischen Eindruck. Spezialeffekte wie Staub, Rauch, Funken, Licht oder Schatten kommen nahezu perfekt rüber. Hier fehlt nicht wirklich viel zu den TV-Bildern. Dazu bleibt das Geschehen stets scharf, geht die Framerate auch bei hohen Geschwindigkeiten nicht in den Keller. Die Weitsicht ist sehr gut. Sicher, es gibt Racing-Games mit perfekteren Ansichten, aber das ist wirklich schon meckern auf hohem Niveau. Keine Abstriche muss man beim Sound machen, mal abgesehen von der Menü-Musik, die aus ungemein tiefen, pumpenden Bässen besteht. Geht gar nicht. Ansonsten kommt das, was die mittlerweile kleinen 1,6-Liter-Aggregate hinten ausgeben, wenn gewollt, eins zu eins auch zuhause an. Die Ansagen des Ingenieurs allerdings sind dagegen etwas leise, was aber nicht wirklich rennentscheidend ist.
Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass F1 2020 nun auch wieder Races im Split-Screen-Modus bietet, Online-Rennen ebenso. Es gibt weiterhin die normale Karriere, die wie auch Mein Team Einladungsevents bereithält. Hier besteht dann immer wieder mal die Möglichkeit, in historische Renner zu steigen. Wer die Schumi-Edition sein eigen nennt, kommtzusätzlich in den Genuss von dessen Jordan, Benneton und Ferrari.
Keine Frage, keines der bisherigen F-1-Games hat es in dieser Art vermocht, die Faszination der Motorsport-Königsklasse für jedermann und zuhause so erlebbar zu machen. Die schier unendlichen Möglichkeiten der Personalisierung sowohl in Sachen Anforderung wie auch Bedingungen (z.B. Wetter), sollten jedem Fan das bestmögliche Rennerlebnis garantieren, stets mit Steigerungsmöglichkeiten. Es gibt noch Schwächen in Sachen Präsentation, doch die sind im Vergleich zum Spaß und der Langzeitmotivation zu vernachlässigen.
https://www.codemasters.com/game/f1-2020/