Gerade der Corona-Lockdown hat zu Beginn der diesjährigen Golfsaison den Liebhabern des Sports deutlich vor Augen geführt, wie trist das Leben ohne Drives und Putts sein kann. Und auch, wenn die meisten Fairways mittlerweile wieder bespielt werden können, das Ende des Open-Air-Vergnügens mit dem kleinen weißen Ball rückt gnadenlos näher. Doch selbst für einen langen Winter ist vorgesorgt. Denn mit PGA Tour 2K21 steht eine Software bereit, die auf PC und Konsolen durchaus in der Lage scheint, ein unterhaltsamer und fordernder Ersatz für eine gewisse Zeit zu sein.
Die HB Studios und 2K stoßen damit in eine Lücke, die nach dem Siechtum von Tiger Woods sich auch in der virtuellen Golfwelt aufgetan hat. EA Sports trennte sich zwar zügig vom gefallenen Helden, doch Nachfolger Rory McIllroy konnte nicht wirklich das Game retten. So waren es die kanadischen Entwickler - bisher vor allem mit Rugby- und Cricket-Spielen in Erscheinung getreten - die sich des Themas Golf u.a. mit "The Golf Club 2019" annahmen. Ein ordentliche Umsetzung, allerdings ohne große Lizenzen und Namen.

Justin Thomas statt Tiger Woods und Rory McIlroy

Das sieht im Verbund mit dem neuen Publisher nun ganz anders aus. Zwar hat Cover-Gesicht Justin Thomas nicht das gleiche weltweite Standing wie einst der Tiger. Doch als PGA-Championchip- und FedEx Cup-Sieger ist er alles andere als ein Nobody. Und der Mann aus Florida kommt ja auch nicht allein. Elf seine Professional-Kollegen sind mit am Start, darunter alte Haudegen wie Sergio Garcia oder Ian Poulter. Jüngere Jahrgänge freuen sich dagegen wohl eher, mit Toni Finau oder Bryson DeChambeau ein paar Runden zu drehen. Andererseits, der Auftritt der virtuellen Größen ist ja ganz hübsch, aber eigentlich nur eine nette Dreingabe. Denn wo, wenn nicht in der virtuellen (Golf)Welt will der Spieler mit seinem Alter Ego groß rauskommen. Das ist nun wahrlich keine neue Erfindung.
Und deshalb wartet wie bekannt und beliebt eine umfangreiche Menüabteilung, in der man seine Figur nach Gusto oder Vorbild selbst gestalten kann. Auf einen Scan des eigenen Gesichtes und dessen Umsetzung - wie wir es vor ein paar Jahren mal probieren konnten - gibt es zwar nicht. Aber so richtig hat das auch nie funktioniert... Der Rest gehört zu den Game-Basics. Unser Golfer tritt mit einer Grundausstattung an Klamotten und Schlägern an, die im Laufe der Karriere immer erweitert wird. Erfahrungspunkte für die Erledigung einer schier unendliche Menge an Herausforderungen schalten immer neue Items frei, die es dann entweder als Belohnung gibt oder die mit InGame-Cash bezahlt werden können, das für absolvierte Runden und Erfolge ausgereicht wird. Sowohl bei der Kleidung wie auch beim Equipment haben die HB Studios Big Player der Branche ins Boot geholt. adidas ist mit dabei und damit natürlich auch TaylorMade. Callaway, Ben Hogan oder Bridgestone sind ebenso vertreten wie Polo Ralph Lauren. Während die Outfits, anders als in der früheren PGA-Serie, keinen Einfluss auf die Skills haben, unterscheiden sich die Schläger natürlich schon. Hier wird eine ganze Latte von Parametern zu Grunde gelegt, die die Performance in Sachen Länge, Fehlerverzeihung, Roll usw. beeinflussen. Per grünem bzw. rotem Balken wird die Veränderung zu gerade ausgerüsteten angezeigt. Während sich die Länge carry natürlich immer auswirkt, sind andere Faktoren davon abhängig, wie der User seine Spieleinstellungen gewählt hat.

Auf Grüns und Fairways wie im echten Leben

Diese sind das entscheidende Kriterium, ob man es mit einem munteren Golfgame oder einer beinharten Simulation zu tun hat. Im Prinzip wurde an der üblichen Steuerung wenig verändert. Für Back- und Downswing gibt es es einen schmalen Toleranzbereich, der einen geraden Ballflug sicherstellt. Dazu findet sich eine Kraftanzeige, über die die Schlagweite abhängig vom gewählten Club angesteuert wird. Und schließlich informiert eine weitere grafische Einblendung den Spieler darüber, wie groß seine Schlägerkopfgeschwindigkeit im Verhältnis zum Normalwert war. Die Steuerung dafür erfolgt nicht über ein Anzeige-Element, sondern liegt allein im Gefühl des Gamers. Wenn der den gewählten Analogstick zu schnell nach vorn bringt, also hier die Aktion fürden Durchschwung, schließt sich die Schlagfläche und ein Hook ist die Folge - der Ball fliegt mit Kurve nach links. Wenn zu langsam folgt eine Kurve nach rechts, Slice. Das ist golfphysikalisch nicht ganz richtig, da es somit kaum einen Unterschied zu Draw (links) und Fade gibt, die ja durchaus gewollt sein können. Denn die Fehler, also Slice und Hook, resultieren meist aus falscher Schlägerblattstellung, sind aber weniger in der Schwunggeschwindigkeit begründet. Ziel der Entwickler war offensichtlich, aus Technik, Timing und Gefühl ein Ergebnis zu kreieren, das der Komplexität des Golfschwunges sehr nahe kommt. Und dies ist ausgezeichnet gelungen.
Birgt allerdings auch großes Frustpotential. Denn Richtung und Tempo unter einen Hut zu bekommen ist schon sehr tricky. Wenn dazu nicht volle Schwünge ausgeführt werden müssen, um eine gewünschte Länge zu erzielen, dann wird’s wirklich eng. Denn die Kraftanzeige stoppt nicht einfach bei der Schwungumkehr, sondern läuft, sehr realistisch, über. Wer bei 90 Prozent also umkehrt, wird meist bei fast 100 landen. Viel Spaß also bei 60, 70 oder 80 Prozent und willkommen in der golferischen Wirklichkeit. Nicht von ungefähr wird dort geraten, möglichst immer den gleichen, vollen Schwung zu nutzen und den Rest über Schlägerlänge und -Winkel zu steuern. Mit letzterem können Experten zudem arbeiten, um Zwischenlängen zu erzielen. Das Loft lässt sich dabei einfach um einige Grad erhöhen bzw. reduzieren. Nicht zuletzt stehen die bekannten Schwungarten voll, Pitch, Chip usw. zur Verfügung. Gameplayseitig ist PGA Tour 2K21 bestens aufgestellt.

Erschaffe den eigenen Golfplatz

Weil all diese Feinheiten durchaus dazu angetan sein können, Einsteiger und Anfänger zu verschrecken - nicht zuletzt müssen auch Wind und Gelände berücksichtigt werden - haben die HB Studios die Möglichkeit geschaffen, den Schwung auch ganz simpel zu gestalten. Selbst der Wind lässt sich ausschalten. Dazu darf man das Niveau der KI-Spieler absenken, so dass auch der Schnuppergolfer recht bald Erfolge verzeichnen kann. Diese erhöhen dann zwar das Erfahrungslevel seines Alter Egos, was sich jedoch nicht in Länge und Präzision per sé auswirkt, sondern vor allem neue Items in Caddybox und Kleiderschrank freischaltet. Da jeder Gamer stets neue Herausforderungen sucht, kann man aber Stück für Stück an der Realitätsschraube drehen und so sich immer wieder über Fortschritte freuen. Wie auf dem echten Platz eben.
Apropos: 15 lizenzierte PGA-Kurse finden sich im Auswahlmenü, dazu mehr als doppelt so viele, die es sonst so auf der Welt gibt. Die Entwickler haben alle derzeit zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten genutzt, die Plätze wir originalgetreu zu virtualisieren. Wer einige der berühmten Bahnen selbst kennt, wird bezeugen, dass dies beeindruckend gelungen ist. Doch damit ist in Sachen Spielmöglichkeiten noch lange nicht Schluss. Mittels Platzdesigner kann man seine Lieblingsfairways nachbauen oder gleich eine 18-Loch-Anlage erschaffen, die man schon immer mal spielen wollte. Zwar ist das Handling via Konsole etwas kniffelig, aber das Ergebnis entschädigt für alle Mühen. Da die Eigenkreationen online gestellt werden und dann für alle zugänglich sind, ist mit defacto fast unendlichen Spielwiesen in der kommenden Zeit zu rechnen.
Auf denen sind dann alle Spielformen möglich, die es auch in der Wirklichkeit gibt, inklusive Skins und Handicap-Auswertung. Man geht allein, zu zweit oder online in der Gruppe auf die Runde. Lediglich in der Karriere, die bei der Q-School beginnt und bei der PGA-Tour endet, bleibt der Gamer Solospieler. Dank ungemein kurzer Ladezeiten sind 18 Loch in knapp einer halben Stunde absolviert. Wer nur einen Durchgang pro Turnier eingestellt hat, kann so ein Karrierejahr im Sauseschritt absolvieren. Zudem muss man keine Runde am Stück spielen. Wer mittendrin aufhört darf zu einem späteren Zeitpunkt verlustfrei fortsetzen. Sehr anwenderfreundlich.

Ansichten wie bei Sky-Übertragung

Beim Handling also ist alles top. Und auch der grafische Bereich kann durchaus beeindrucken. Texturen und Ansichten sind sehr realistisch, es gibt tolle Lichtreflexe und selbst die Pitchmarke sieht richtig echt aus - auf dem Grün zumindest. Ebenso gefallen die Gesamtansichten von Landschaft und Umgebung. In manchen Einstellungen gar ist kaum ein Unterschied zu den Sky TV-Bildern von der Tour zu erkennen. Wer allerdings genau hinsieht, wird abseits der Spielbahnen feststellen, dass hier manches vereinfacht wurde. Die Zuschauer klatschen zwar, aber alle im gleichen Rhythmus. Fliegt mal ein Ball in die Gruppe, scheint nie jemand getroffen zu werden. Nicht zuletzt hat zwar der Wind beachtlichen Einfluss auf den Ballflug, Bäume oder Gräser indes bewegt er nicht sichtbar. Und auch die Wasseroberflächen sind nicht animiert. Noch simpler geht es in Sachen Ton zu. Die Kommentare sind gut und situationsbezogen, hier keine Kritik. Aber sonst gibt es ein paar Standardtöne, die immer wieder verwendet werden. Der Ballaufschlag klingt immer gleich, egal ob Fairway, Rough oder Grün. Ebenso die Zuschauerreaktionen. Keine Hysterie an der 16 in Scottsdale... Bei den Dingen drumherum ist also noch einige Luft nach oben.
Sicher, das ist meckern auf hohem Niveau, denn da, wo es um Golfsport geht, überzeugt das Spielauf ganzer Linie. Vor allem, wie es gelungen ist, den Schwung als zweit komplexeste Sportbewegung überhaupt umzusetzen. Hier wird niemand dauerhaft auf gleich hohem Niveau unterwegs sein, es wird gute und weniger gute Tage geben, was die Freude über Erfolge noch weiter steigert. Damit ist der Spirit des Spiels nahezu perfekt eingefangen worden. Nicht von ungefähr sprechen die HB Studios von "Golf Got Game". Dem ist nichts hinzuzufügen.
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