Die sieben Jahre zwischen beiden Handlungen haben auch inhaltliche Spuren hinterlassen. Ellie, eine der Hauptpersonen, ist mittlerweile 19 Jahre. Eine richtige Frau. Und das sorgte bereits im Vorfeld des Starts für reichlich Gesprächsstoff vor allem jenseits des Atlantiks. Denn Ellie liebt Dina, oder hat zumindest eine Affäre mit ihr. Weibliche Protagonisten sind zwar seit Lara Croft in den 1990-ern keine Besonderheit mehr, eine gleichgeschlechtliche Liebe ist dann etwas anderes. Ob nun damit das Patriarchat im virtuellen Action-Genre endet, wie mancher mutmaßt, sei mal dahingestellt. Zumindest jedoch sorgte der Fakt für Aufmerksamkeit und lässt auch das Feuilleton gnädig auf die Massenunterhaltung schauen.
Was es dort sieht, wird ihm allerdings nur teilweise gefallen. Denn die 18-er Alterseinstufung kommt nicht von ungefähr.Ob nun Männlein oder Weiblein, in einer Welt, die nach einer Pandemie nur noch zwischen Infizierten und Nicht-Infizierten unterteilt, was letztlich über Leben oder Tod entscheidet, geht es schlussendlich ums töten. Und da macht es keinen Unterschied, wer die Klinge oder die Eisenstange führt bzw. den Abzug drückt. Je nach Fähigkeit und Ausdauer des volljährigen Gamers braucht es knapp 40 Stunden, um den Abspann zu sehen. Der Bodycount in dieser Zeit ist irrwitzig hoch. Ein original "Doom" kommt da schon fast wie ein Kindergeburtstag daher. Und dennoch ist alles anders. Denn trotz der klar verteilten Rollen, zumindest zwischen Mensch und Zombie, streut Naughty Dog Zwischentöne ein. Treten auch andere Menschen auf den Plan, die sich als Gegner entpuppen, wenn es darum geht, die knappen Ressourcen fürs generelle Überleben zu sichern. Zumindest anfänglich wird sich so manches Gewissen regen und nach dem Sinn fragen, wenn die wenigen Verbliebenen sich nun noch gegenseitig an die Gurgel gehen.

Gleichgeschlechtliche Liebe und viele Tote

Die Entwickler bauen das alles in eine spannende Story ein, die von teils (über)langen Zwischensequenzen erzählt wird. Und sie schaffen reichlich Platz für Abwechslung vom metzeln mit ganz gegensätzlichen Tätigkeiten. Etwa dem Gitarrenspiel oder der Schnellballschlacht mit Kindern. Auch wenn die wohl als Tutorial fürs Schießen gedacht ist. Es wird zudem viel gelaufen und auch geritten, was unheimlich entspannend wirkt. Das ganze Gegenteil von Massenszenen, in denen ein geordneter Kampf überhaupt nicht möglich ist und das Herz nur nach Flucht schreit. Doch bis der Ausweg gefunden ist, wird die gesteuerte Figur nicht nur einmal gestorben sein. Da der Respawn umgehend und ortgerecht erfolgt, verliert aber selbst der eigene Tod ziemlich schnell an Schrecken. Naughty Dog versucht der Abstumpfung generell mit vielen Details, Gesten und auch Mimik sowohl der Spieler-Charaktere wieder NPCs zu begegnen, was zumindest bei neuen Einfällen eine Zeit ganz gut funktioniert.
Aber irgendwann tickt der Gamer nur noch im Überlebensmodus. Damit konzentriert man sich auf das Suchen und Finden von Materialien und Werkzeugen, um daraus Medikits oder Molotow-Cocktails zu basten oder an Werkbänken Upgrades an den Waffen durchzuführen. Das Prinzip kennen wir aus "The Devision", wie wir in "Part 2" viele Dinge wiederfinden, die es so oder ähnlich auch in anderen Games gibt. Das Zombi-Schlachten, ja selbst einige Verhaltensweisen von denen, ist "Resident Evil"-Standard. Und die Gestaltung der Gegend wie auch die Fortbewegung erinnern stark an "Red Dead Redamption". Apropos: Überhaupt scheinen Naughty Dog die apokalyptische Zukunft Nordamerikas als eine Art Rückbesinnung auf den Wilden Westen zu sehen, hält das Spiel den Zeitgeist der Entdeckung und Eroberung hoch.

Blockbuster zum mitspielen

Aber wie gesagt, eigentlich ist alles anders. Denn das Game sammelt nicht nur überall bewährtes zusammen, sondern hebt es gekonnt auf eine höhere Stufe. Auch wenn es reichlich gescripte Ereignisse gibt, so hat man nie das Gefühl, ferngesteuert zu sein. Die Welt ist relativ groß und frei erkundbar, Grenzen werden dezent gesetzt. Rätsel sind nicht Selbstzweck, weil jetzt mal Abwechslung her muss, sondern scheinen genau in diesem Augenblick notwendig. Anders als bei RE beispielsweise beschleicht den Spieler nie das Gefühl, dass er mit Absicht durch die Gegend geschickt wird, nur um Zeit zu schinden. Kurzum, der Plot ist durchdacht, die Handlung pfiffig inzeniert, um den Gamer über die recht lange Zeit abwechslungsreich bei Laune zu halten.
Dazu trägt ohne Frage das Gesamterscheinungsbild bei. Dass die Cut-Szenen mittlerweile Hollywood-Standard haben, wird erwartet. Dass die In-Game-Grafik dem in nichts nachsteht, zwar auch, ist aber nicht immer geboten. Die betagte PS4 geht sicherlich an ihre Leistungsgrenze, kann aber grafisch vollumfänglich überzeugen. Selbst ohne Pro-Version wird bei entsprechendem Bildschirm ein HDR-Signal ausgegeben, was also auch eine 4-K-Wiedergabe ermöglicht. Und das ist dann schon großes Kino. Auch wenn es abgedroschen klingt, dem Blockbuster zum mitspielen ist "The Last of Us Part 2" wohl so nahe wie kein Titel zuvor. Ob er auch ein Meisterwerk ist, wie manche meinen, hängt aber sehr vom persönlichen Empfinden ab. Inhaltlich wird starker Tobak geboten, ganz sicher nichts für zartbesaitete Gemüter. Um so weniger, als dass wir uns gegenwärtig ja in einer - sicher nicht gleichen - aber psychologisch ähnlichen Situation befinden. Für Freunde von Action- und Survival-Horror ganz klar eine Empfehlung, alle anderen sollten zuerst einen Probeblick riskieren.
Das Spiel gibt es sage und schreibe in sechs verschiedenen Versionen, von der normalen für knapp 60 Euro bis hin zur Collectors Edition, die das Vierfache kostet.
The Last of Us Part 2 Naughty Dog; Sony Interactive Entertainment