Beim Odin, in die raue Welt der Nordmänner ist die Gleichberechtigung eingezogen. Als Eivor, wahlweise männlich oder weiblich, darf der Spieler im neuesten Abenteuer des Assassin’s Creed Franchise Norwegen und England in der Zeit des dunklen Mittelalters erobern.

Echtes Open-World-RPG

Doch auch beim weiteren Fortgang der Geschichte machen sich Veränderungen bemerkbar, wie sie Ubisoft schon bei Vorgängern begonnen hat. Die Spielewelt ist jetzt wirklich „open“, sowohl was die Ausmaße wie auch den Handlungsspielraum betrifft. Dem Hauptstrang der Geschichte sind unzählige Nebenquests untergeordnet, die das Spielerlebnis einerseits auflockern und andererseits natürlich für zusätzliche Stunden vor PC oder Konsole sorgen. Zudem wird die Rollenspielseite des Titels deutlich gestärkt, während der ursprüngliche Ansatz vom Assassinen-Geheimbund immer mehr in den Hintergrund gerät.

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Gerade letzteres dürfte so mancher Fan der ersten Stunde bedauern, denn mit den Attentats-Aufträgen geraten auch deren genaue Planung und die Skills, sie auszuführen, deutlich in den Hintergrund. Valhalla gerät hier eher zum Haudrauf-RPG. Gerade im Nordmann-Setting allerdings macht dies wiederum auch einen Heidenspaß, in der brüllenden Gruppe durch die Lande zu ziehen, Freund und Feind einen Schrecken einzujagen, zu rauben und zu plündern, um anschließend mit viel Met die Erfolge zu feiern. Sicher, oberflächlich betrachtet werden hier vor allem niedere Gelüste befriedigt. Und die Entwickler gehen auch bei einigen der Nebenquests, wenngleich selbstironisch, dann aber doch teils schlüpfrig zu Werke. Die Wikinger waren eben wenig zimperliche Typen - in allen Belangen.

Schwer bewaffnete Wikinger

Das schlägt sich im wahrsten Sinne des Wortes dann auch beim Gameplay nieder. Primär- und Sekundär-Waffe, die wahlweise gegen ein Schild getauscht werden kann, eine Distanzwaffe sowie die obligatorischen versteckten Klingen - wenn dann doch mal der Sinn nach einem Attentat steht - Eivor ist vor allem bewaffnet. Wie schwer, kann der Gamer im Menü selbst bestimmen. Denn mit der Zeit sammelt sich so allerhand Hieb-, Stich- und Schlagzeug, das zudem vom Schmied noch veredelt werden kann. Wie auch bei der gesamten Schutzausrüstung ist die Qualität für Angriff und Verteidigung über eine Punkte-Charakteristik sortiert. Das ist reinstes RPG. Ebenso der Skil-Baum, wenngleich die Individualisierung sich in Grenzen hält. Zudem ist gerade am Anfang nicht so recht klar, welche Eigenschaften von welchen Begleitumständen beeinflusst werden.

Mit Siedlungsbau zur virtuellen Heimat

Überhaupt muss man ersteinmal ein paar Stunden überstehen, bevor „Valhalla“ zu voller Blüte reift. Mit dem Siedlungsbau bekommt der Spieler so etwas wie eine virtuelle Heimat, von hier aus lassen sich Raub- und Beutezüge dann auch deutlich besser ins Gesamtgeschehen einordnen. Zudem bereichert die Aufbaufunktion - die Basis braucht schließlich Rohstoffe und soll wachsen - das Gesamterlebnis. Dem ist das nordische Setting sehrwohl zuträglich, kann aber dann doch nicht ganz die Vernachlässigung des Assassinen-Parts kompensieren.

Entfernt von den AC-Wurzeln

Mit mehr geradliniger Action statt Taktik hat die Reihe sicher neue Freunde gewonnen, sich aber von den eigenen Wurzeln weit entfernt. Während man früher das, zugegeben deutlich kleinere Areal genau kennen und die Wege einstudieren musste, um dem einzelnen Gegner den Garaus zu machen, wird dieser nun einfach überrannt und niedergemäht. Und selbst wenn hier und da Möglichkeiten für Schleichangriffe gegeben sind, so verhält sich die KI mitunter strunzdumm.

Bugs im virtuellen Mittelalter

Das kann allerdings kann auch Teil des leider technisch relativ großen Mängelpaketes sein, mit dem „Valhalla“ zu kämpfen hat. Ubisoft bessert zwar laufend nach, doch der Community ist zu entnehmen, dass sich auch immer wieder neue Baustellen auftun. Die gröbsten beschriebenen Bugs (Schiffe an Land) haben wir zwar nicht erlebt und auf der relativ alten XBoOne lief das Game auch recht komplikationslos, dafür fing immer mal wieder das Bild zu schwimmen an, so als ob die Hardware mit dem Nachschub nicht zurechtkam.

Tolles Game mit Luft nach oben

Unterm Strich ergibt sich ein ambivalentes Bild. Das Wikinger-Setting ist durchweg gelungen. Hier bietet das Game, was man erwartet, vor allem viel Action, teils echt brutale Szenen (im Menü kann individuell der Gore-Faktor eingestellt werden). Schleichen, taktieren, meucheln ist dabei in den Hintergrund getreten - etwas zu sehr für unseren Geschmack. Die Entwickler haben eine unglaublich authentische und große Welt erschaffen, die es allemal lohnt, zu erkunden. Und das Ganze ist grafisch in tolle Bilder mit tollen Effekten gegossen worden. Die Steuerung ist intuitiv. Dafür ärgern so einige Bugs, die, Stand jetzt, zwar erfolgreich bekämpft, aber dann offensichtlich durch neue ersetzt wurden. Wer eine neue XBox Series X auf dem Wunschzettel zu stehen hat, kann auch jetzt schon zugreifen, da der Transfer von alter zu neuer Hardware per smart delivery und kostenlos funktioniert.

Assassin’s Creed Valhalla


Entwickler Ubisoft Mantreal

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