200, 400, 800, 1600 Euro - die Preise für neue Smartphones scheinen nur einen Weg zu kennen: nach oben. Schaut man auf derzeitige Spitzenmodelle, sind die mittlerweile in Regionen angekommen, in denen es vor kurzem noch gute Notebooks gab. Richtig ist, die preisliche Entwicklung geht meistens auch mit einer technischen einher. Deshalb fragt man sich, wie viel Handy braucht es wirklich fürs Geld?
Die Antwort ist allerdings nicht nur bei den Flaggschiffen von Samsung oder Apple nicht so einfach. Auch im Midrange- oder Budget-Bereich sagt der Preis nicht alles aus. Ein direkter Vergleich zweier Handys einer Serie aber unterschiedlicher Ausführungen bringt einige erhellende Einsichten.

Optisch kaum Unterschiede

Angetreten sind dabei das 9 Pro Plus von realme sowie das 9i, ebenfalls von der Oppo-Tochter. Für letzteres verlangen die Chinesen nicht einmal halb so viel wie für das derzeitige Spitzenmodell in der Mittelklasse. Und dennoch ist das kein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Beide Smartphones sehen sich äußerlich fast zum verwechseln ähnlich. 190 Gramm treffen auf 182, und 6,6 Zoll auf 6,4. Rückseitig finden wir ein dreiteiliges Kamera-Modul. Der Body ist Kunststoff bzw Gorilla-Glas, eine Schutzfolie klebt werksseitig auf beiden Displays. Wirkliche Unterschiede macht man auf den ersten Blick eigentlich nur designmäßig aus. Hier eine gestreifte Rückseite, dort eine glitzernde, die sich je nach Lichteinfall verändert.

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Allerdings, da, wo gemeinhin beim Smartphone rechts der Universalschalter platziert wird, findet sich beim i eher eine Delle. Wie schon beim Vorgänger wurde hier zusätzlich zum Button der Fingerabdrucksensor untergebracht. Das folgt aus dem Display. Während die Ober- und Luxusklasse mittlerweile OLED verbaut, muss das Budget-Phone mit einem TFT-LCD auskommen, das den Fingerprint nicht erkennen kann. Beim Pro sorgt dagegen ein Super AMOLED von Samsung für die Ansichten, über das das Sicherheitsfeature funktioniert.

TFT gegen Amoled

Dabei gibt es bei der Auflösung beider noch keinen Unterschied und selbst die Bildwiederholrate ist mit 90Hz gleich. Die Displayhelligkeit differiert kaum bei normalen Anwendung. Erst, wenn es in die 3-D-Darstellung geht, dreht das Pro Plus so richtig auf. Und auch der Betrachtungswinkel samt Farbstabilität ist hier deutlich besser. In beiden Geräten werkelt ein Achtkern-Prozessor. Während der Snapdragon 680 in der sechs Nanometer-Fertigung im 9i seine Weltpremiere in einem Smartphone feiert, kommt der MediaTek Dimensity 920 5G aus dem Pro Plus in hochwertigeren Mittelklassemodellen auch anderer Hersteller schon zum Einsatz. Der ermöglicht vor allem aufwendigere Kamera-Lösungen. Und trennen sich dann die Wege der beiden Kandidaten.

Fotosensor wie im S22

Denn mit dem Sony IMX766 OIS verbaut realme einen Sensor, der bisher der Handy-Champions-League vorbehalten war, so dem brandneuen Samsung Galaxy S22. Die Hauptkamera löst zwar „nur“ mit 50 MP auf, darf dabei aber auf zahlreiche Hilfsprogramme zurückgreifen, was vor allem bei schwachem Licht für bessere Bilder sorgen soll. Freunde analoger Fotografie kennen die Problematik ja. Wenig Helligkeit braucht eine offene Blende und eine lange Belichtungszeit. Letztere sorgt aber für unscharfe Bilder oder aber der ISO-Wert wird angehoben und es rauscht. Sonys Sensor ist nun besonders lichtempfindlich. Dazu wird immer eine ganze Fotoserie geschossen, aus der die Software das Minimum an Bildrauschen und Unschärfe errechnet. Am Ende stehen für ein Mittelklasse-Handy wirklich ansehnliche Fotos bei nicht optimalen Bedingungen. Die sind in Sachen Farbgebung und Tiefenschärfe sogar besser als beim realme Klassenprimus GT Neo 2.

Beste Kamera

Im Profimodus offenbart sich dann, was Software und Technik zu leisten vermögen. Denn der ISO-Wert ist deutlich höher als bei anderen Smartphones, dennoch gibt es kein Rauschen oder sichtbar geglättete Kanten in der Mittel- und Nahdistanz. Bei normalen Bedingungen sind die Aufnahmen durch die Bank sehr gut, farblich nicht übersteuert und bei maßvollem Einsatz des Zooms auch scharf und detailreich. Dazu gibt es die gewohnte Auswahl an verschiedenen Programmen, etwa Bokeh im Porträtmodus oder Tilt-Shift bei normalen Aufnahmen. Mit an Bord ist auch der Street-Modus, der nicht nur einen besonderen Blickwinkel auf das Straßengeschehen bietet, sondern zudem mit einer Ein-Knopf-Bedienung über den Auslöser verschiedene Einstellungen ermöglicht. Anfänglich eher gewöhnungsbedürftig, aber schlussendlich was neues.

Abstriche im Bereich Foto

In der Kategorie Foto muss man dagegen beim 9i deutliche Abstriche machen. Bei Tageslicht und guten Bedingungen auf normale Entfernung sind die Aufnahmen gut und detailreich. Allerdings fehlen einige Modi. Profi-Einstellungen sind dennoch möglich, sofern jemand darauf zurückgreifen möchte. Sobald es aber schlechter wird mit den Lichtverhältnissen, gehen Kontrast und Schärfe verloren. Das setzt sich ein wenig bei den Videos fort. Während diese beim 9Pro Plus farbneutral und ruckelfrei daherkommen und mit bis zu 4K aufgenommen werden, mag das i schnelle Schwenks und sich plötzlich verändernde Lichtverhältnisse nicht. Dazu ist bei HD-Auflösung Schluss.

Sehr gute Benchmark-Werte

Die Gründe für die Unterschiede liegen nicht nur im Fotosensor, sondern natürlich auch beim Chipsatz. Mit dem MediaTek Dimensity 920 5G braucht sich das Pro Plus selbst vor ehemaligen Flaggschiffen wie dem Galaxy S 21 nicht zu verstecken. Beim CPU-Benchmark rangiert es auf Augenhöhe mit dem Samsung-Gerät. Und auch die Videodarstellung ist über jeden Zweifel erhaben. Mit High-Resolution werden diese stabil mit 60 fps wiedergegeben. Um immer entsprechend Luft zur Verfügung zu haben, arbeitet realme hier mit Dynamic RAM, erzeugt also, wenn gebraucht, virtuellen Speicher und kann so bis zu 13 GB zur Verfügung stellen. Immerhin elf schafft das 9i, gleichwohl sind dessen Benchmark- und Video-Ergebnisse der Klasse angemessen. Das gilt auch generell für die Verwendung von Apps, die schnell und ohne Verzögerung öffnen, aber mit dem Pro Plus natürlich nicht mithalten können. Zu Ehrenrettung des Budget-Phones muss aber gesagt werden, dass das Spitzenmodell auf Basis von Android 12 werkelt und dazu die brandneue eigene Benutzeroberläche UI 3.0 einsetzt. Zusammen mit dem 9 Pro als erstes in der realme-Familie.

WiFi 6, aber keine Micro-SD

Bei der Konnektivität setzt sich das Ungleichgewicht fort. WiFi 6 und Bluetooth 5.2, das wiederum aptX HD ermöglicht, stehen WiFi 5 und BT 5.0 gegenüber. Und dann ist das Pro Plus natürlich 5G-tauglich, was der Chipsatz des 9i nicht zulässt. Das sind Klassenunterschiede. Dafür punktet das Einsteiger-Handy beim erweiterbaren Speicher, der zuzüglich der zwei Nano-SIMs per Mirco-SD eingesetzt werden kann. Etwas unverständlich bietet das Plus diese Möglichkeit nicht. Man muss sich - ähnlich Apple - einmalig für 128 oder 256 GB entscheiden und Schluss. Und auch beim Akku hat der Primus das Nachsehen. Allerdings sind 4500 mAh zu satten 5000 eher klagen auf hohem Niveau. Denn mit dem stärkeren Ladegerät ist der große Bruder knapp ein Drittel mal schneller wieder aufgefüllt.

Stereo plus Klinke

Zum Ende hin nähern sich beide Kontrahenten wieder an. Denn in Sachen Sound gibt es keine großen Unterschiede mehr. Beide Smartphones verfügen über Stereo-Lautsprecher, wobei die des Plus HiRes-Audio zertifiziert sind. In der praktischen Anwendung allerdings fällt es schwer, wirklich Unterschiede auszumachen. Und tatsächlich nutzen wohl die wenigsten die Handy-Lautsprecher, um Musik zu hören. Da sind für audiophile Zeitgenossen die 3.5-mm-Klinkenstecker für Kopfhörer wichtiger, über die nun wieder beide Modelle verfügen.

Teils eine höhere Liga

Für das 9i wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Mit rund 200 Euro markiert es preislich den Einsteigerbereich in der Mittelklasse und bietet entsprechende Leistungen. Die sind durchweg gut und dem angemessen, was die Chinesen dafür verlangen. Das sieht, im positiven Sinne, beim 9 Pro Plus schon etwas anders aus. Zwar doppelt so teuer, aber immer noch um die Hälfte billiger als Smartphones, mit denen es durchaus vergleichbar wäre. Gut, es müssen noch einige Abstriche in Sachen Staub- und Feuchtigkeitsresistenz gemacht werden, kabelloses Laden gibt es weiterhin nicht, aber in Sachen Display, Leistung und vor allem Kamera spielt es in einer deutlich höheren Liga, als es die etwas mehr als 400 Euro annehmen lassen. Insofern zeigt sich, dass bis zu einem bestimmten Punkt mehr bekommt, wer mehr zahlt, sich die Unterschiede beim Preis auch bei der Gesamtperformance niederschlagen. Aber ab der Region von 800 Euro und mehr fallen die Steigerungsraten deutlich geringer aus, zumindest, was den im Alltag nutzbaren Anteil ausmacht. Dann ist es vor allem eine Frage, was der Nutzer will, braucht und was es ihm letztlich Wert ist.

Test-Fazit

Mit dem 9i bringt realme ein günstiges Smartphone für alle, die mehr als nur telefonieren wollen. Das große Display und die Leistung entsprechen dabei mindestens dem Preissegment, ebenso die Kamera. Stereolautsprecher hingegen sind schon eine echte Zugabe. Fürs knapp doppelte Geld hingegen darf man mit dem Midrange-Spitzenmodell 9Pro Plus dann gleich Oberklassen-Luft schnuppern. Das Kamera-Modul von Sony wird auch im S22 von Samsung verbaut. Entsprechend sehr gut sind die Fotos. Aber auch die Performance lässt kaum Wünsche offen. Insgesamt gibt es fürs Budget deutlich mehr Leistung als zu erwarten gewesen wäre.