Auf den Tabakfeldern von Yara wird ein Mittel gewonnen, das Krebs heilen kann. Diktator Antón Castillo sieht darin eine perfekte Einnahmequelle für sich und unterdrückt die Untertanen mit eiserner Hand. Dagegen wehrt sich die Guerilla-Gruppe Libertad. Der Name ist dabei Programm.

Geschlecht für die Revolution egal

Als  Dani Rojas nimmt der Spieler in „Far Cry 6“ an diesem Kampf teil. Ob in weiblichem oder männlichem Aussehen ist dabei egal, der Name bleibt immer gleich. Das trifft auch auf alles folgende zu. Das Geschlecht des Protagonisten verändert nämlich das Gameplay nicht. Auch das wäre mal ein interessanter Ansatz gewesen und vielleicht gar Ansporn, den Shooter ein weiteres Mal in Angriff zu nehmen. So erwartet den Kenner der Serie viel Bekanntes, manche Neuerung und vor allem viel Action.
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Die Einführung in die Geschichte ist gut und emotional gekonnt gemacht. Die Freude, ein neues und spannendes Abenteuer zu erleben, hält allerdings nicht lange an. Denn schnell zeigt sich, Ubisoft setzt vor allem auf Spielzüge, die wir aus früheren Far Cry wie auch aus anderen Open World Titeln ähnlichen Kalibers kennen. Über die ganze Insel verteilt finden sich Unmengen an Quests, die neben dem Hauptstrang erfüllt werden können. Dafür gibt es Belohnungen, die wiederum die Fähigkeiten und Ausrüstung unseres Helden verbessern. Statt eines Skill-Baumes, den es zu entwickeln gibt, hängen die Fertigkeiten nun an der Kleidung. Gut angezogen zu sein macht also nicht nur für Mode-Interessierte hier Sinn. Die Jagd hingegen, einst fundamentales Handwerk, um Waffen und Gadgets zu verbessern, gerät völlig in den Hintergrund. Man kann zwar einiges Getier erlegen, da es nötige Rohstoffe aber auch leichter und auf anderen Wegen gibt, ist das Töten von Tieren auch handlungsseitig völlig unsinnig geworden.

Gewalt gewinnt

Das gilt gewissermaßen auch für den Stealth-Anteil, dem in den Einführungsminuten noch reichlich Platz eingeräumt wird. Da das Game nur zwei Schwierigkeitsgrade kennt, die dem Wort nicht immer gerecht werden, kann sich der Gamer ab einer bestimmten Ausstattung den Weg durch die Hintertür sparen. Mit Krawall vorne rein ist die effektivere Methode. Action-Aficinados dürfen jubeln, zumal das Feuerwerk immer sehr beeindruckend aussieht. Und Wummen für den direkten Weg gibt es einige, die, wie gewohnt, mächtig aufgemotzt werden können. Da auch an Munition und Medipacks kein Mangel herrscht, ist hier weniger Taktik gefragt. Das muss den Entwicklern irgendwann aufgefallen sein, die zum Ausgleich gemäß dem Motto „viel Feind, viel Ehr’“ gehandelt haben. Welle um Welle sorgt dafür, dass die Geschichte nicht gar so einseitig ausfällt. Keine Frage, das macht Laune. Aber nicht über Stunden hinweg. Hier fehlt dann doch die Abwechslung.

Tierische Besonderheiten

Die bringen, zumindest für eine Zeit, die Amigos mit. Tierische Begleiter, die uneigennützig unterstützen. Alligator Guapo kann man so aus sicherer Deckung auf die Feinde hetzen und den Dickhäuter die Drecksarbeit machen lassen. Dass die Tiere einem immer folgen, selbst, wenn man flotter unterwegs ist, gehört zu den Eigenartigkeiten des Spiels. Apropos Fortbewegung: Yara ist groß. Da will niemand alles laufen. Auto & Co werden wie bekannt einfach requiriert. Neu sind Pferde, die sich vor allem abseits der Wege und im Dschungel bewähren. On top dürfen aber nun auch eigene Autos gehalten und sogar waffentechnisch aufgerüstet werden. Die ruft man dann per Drehrad tatsächlich ähnlich einem Pferd, egal, wo man gerade ist. Das ist einerseits sehr praktisch, hält aber die strategischen Anforderungen noch flacher.

Von Action bis Sightseeing

Yara ist groß, wirklich groß. Entsprechend viele Aufgaben finden sich, die das Gesamtgeschehen aber auch unübersichtlich machen. Und irgendwann wiederholen sich die Quests im Stamm natürlich. Insofern ist der Overkill an Anforderung nicht zwingend ein Beleg für Abwechslung. Allerdings gibt es genügend zu entdecken. Tatsächlich ähnelt die Spielewelt natürlich Kuba, Oldtimer inklusive. Wer will, kann also zur Entspannung auch mal nur so auf Sightseeing gehen. Dafür eignet sich die abwechslungsreiche und sehr detaillierte Landschaft dann schon. Zudem muss der Spieler abseits der Hotspots nicht permanent fürchten, in Gefechte verwickelt zu werden.

Nur für Erwachsene

Wenn dann doch, wird’s natürlich blutig. Zudem übt sich die gute deutsche Synchro in einer eher deftigen Sprache. Es gibt reichlich Alkohol und Drogen sind auch im Spiel. Am Ende wundert es dann nicht, dass „Far Cry 6“ nur für erwachsene Spieler freigegeben wurde. Für die sollte der Ausflug in die Karibik so nach rund 20 Stunden enden. Gefühlslage zwiespältig. Viele gute Ansätze, auch interessante Neuerungen, aber in manchen Dingen zu viel, in anderen zu wenig. Grafik und Action top, Tiefgang und Abwechslung ausbaufähig.

Far Cry 6

Ubisoft