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Ausstellung

Landesmuseum
Hang zum Wehmütigen

Camillo Kupke / 24.02.2018, 07:15 Uhr - Aktualisiert 12.04.2018, 17:00
Frankfurt (Oder) (MOZ) Als Anfang 2012 in der Münchener Wohnung von Cornelius Gurlitt Hunderte seit 1945 als verschollen geltende Gemälde und Grafiken entdeckt und beschlagnahmt werden, befinden sich darunter auch zwei Aquarelle von Wilhelm Lachnit: „Mädchen am Tisch“ und „Mann und Frau am Fenster“. Nur wenigen, vor allem jenseits der Elbe, ist der Name des Künstlers gleich ein Begriff. Dabei zählte Lachnit (1899–1962) in den 20er-Jahren zu den wichtigsten Vertretern der Neuen Sachlichkeit in Dresden, später aber auch zu jenen Malern, die sich in der Nachkriegszeit der Klassischen Moderne verpflichtet fühlten – und dadurch in den Strudel der Formalismusdebatte Anfang der 50er-Jahre in der DDR gerieten.

Zu einer Wiederentdeckung des Dresdener Künstlers lädt ab Sonntag das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst in Frankfurt (Oder) ein. Die Ausstellung „Wilhelm Lachnit. Sachlichkeit und Melancholie“, die aus der Sammlung der Einrichtung schöpft, wirft mit rund 50 Gemälden, Radierungen, Pastellen und Monotypien ein signifikantes Schlaglicht auf dessen umfangreiches Schaffen.

Vom „Dresdener Raffael“ bis zum „Entarteten Künstler“ reichen die Zuschreibungen, mit denen Lachnit belegt wird. Und tatsächlich ist sein Œuvre äußert vielfältig, wie die Schau im Packhof eindrucksvoll belegt. Jeder bespielte Raum des Museums für sich allein betrachtet ließe rasch den Schluss zu, dort würden Bilder verschiedener Künstler gezeigt. Der Dresdener hat tatsächlich sein Leben lang mit Stilen, Techniken sowie Sujets, darunter Porträts, Stillleben, Akte, Landschaften und mythologische Szenen, experimentiert. All das zeigt die auf sechs Räume verteilte Ausstellung auf das Schönste. Wobei sich die ersten drei Kabinette auf die Zeit vor 1945, die anderen auf die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrieren.

Die künstlerischen Anfänge Lachnits, der von 1921 bis 1923 an der Dresdener Akademie für Bildende Künste studiert und Bekanntschaft mit Otto Dix, Otto Griebel, Conrad Felixmüller sowie Hans und Lea Grundig schließt, reichen bis zum Beginn der 20er-Jahre zurück. Er tritt der KPD bei, fertigt Agitationsmaterial, wird Mitglied verschiedener Künstlergruppen, darunter der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler. Und er zeichnet sehr persönliche Porträts von Menschen aus den unteren sozialen Schichten – im Stil der Neuen Sachlichkeit. Doch im Gegensatz zu Dix liegt ihm weniger das Aggressive der künstlerischen Gestaltung. Lachnit interessiert sich mehr für das Innenleben, für das Seelische, Zärtliche seines Gegenübers. Er hält das Einfühlsame in einer ihm eigenen spröden, gleichwohl poetische Bildsprache fest, die oft einen Hang zum Melancholischen ausstrahlt.

Dazu zählen auch seine Landschaftsbilder wie die Grafik „Haus mit Garten. Weihnachten“ (1922). Sie zeigt ein Bauerngehöft, allerdings ohne Schnee oder festliche Symbole. Von seinem hohen handwerklichen Können kündet wiederum sein an Albrecht Dürers Aquarell „Rasenstück“ (1503) erinnerndes, ebenfalls aus der Käferperspektive radiertes „Wiesenstück“ (1922).

In den 30er- und frühen 40er-Jahren wird Lachnits Ausdrucksweise neoklassizistischer. Ein „Knabenbildnis“ (1940) malt er in altmeisterlicher Lasurtechnik. Im Pastell „Abschied des Kriegers“ nimmt er 1940 – das Jahr, in dem Deutschland Frankreich überfällt – mythologisierend auf die Gegenwart Bezug. Die dargestellte Szene könnte einer antiken griechischen Tragödie entsprungen sein.

Von den Nazis als „entartet“ diffamiert, verliert Lachnit einen Großteil seiner Werke während der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 und stellt sich wie viele andere Künstler nach Kriegsende die Frage: Wie male ich weiter? Knüpfe ich an die 20er-/30er-Jahre an? Oder wende ich mich Neuem zu? Für den Dresdener stehen zunächst Trauer und Mitgefühl im Vordergrund. Das Pastell „Erst das Kind, dann die Mutter“ (1945) nimmt deutlich Bezug zu mittelalterlichen Mariendarstellungen. Das klassische Mutter-Kind-Motiv wird er auch später immer wieder variieren, etwa 1950/55 im spätexpressionistisch anmutenden Ölgemälde „Ruhende Mutter mit Kind“.

Von den Nazis noch als „entartet“ diffamiert und kurzzeitig inhaftiert, wird Lachnit 1947 Professor für Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Zu seinen Schülern zählen Harald Metzges, Strawalde (Jürgen Böttcher) und Manfred Böttcher. Doch auch in der DDR eckt Lachnit an. Die altmeisterliche Malweise verschwindet zunehmend aus seinen Bildern, stattdessen experimentiert er mit der Monotypie, seine Personen, Landschaften und Gegenstände auf den Ölgemälden, Pastellen und Aquarellen werden abstrahierender, flächiger, farbintensiver und häufig auf Grundformen reduziert. Lachnit holt sich Anregungen bei der Klassischen Moderne, bei Pablo Picasso, Henri Matisse, George Braque und Karl Hofer. Typisch für den flächigen, aber nie ganz der Gegenständlichkeit entsagenden Malstil seines Spätwerkes werden Bilder wie „Lesende mit Papagei“ (1957), Stillleben mit Maske“ (1954) oder auch die Dresdener Alltagsszene „In der Straßenbahn“ (1950), die ebenfalls im Packhof zu sehen sind.

Indem Lachnit den Dialog mit der Moderne aufrechterhält und ihr eigene schöpferische Beiträge hinzufügt, gerät er zunehmend in Konflikt mit der Forderung der SED-Kulturpolitik nach Agitation und Propaganda im Stil des Sozialistischen Realismus. Er wird als „Formalist“ diffamiert und gemaßregelt und muss schließlich 1954 seine Professur an der Dresdener Hochschule aufgeben. Der einst – im Gegensatz zu seiner oft melancholischen Bildsprache – so humorvolle, dem Feiern, insbesondere dem Karneval zugeneigte Lachnit leidet zunehmend unter finanzieller Not und Depressionen und stirbt 63-jährig an den Folgen eines zweiten Herzinfarktes.

„Wilhelm Lachnit. Sachlichkeit und Melancholie“, Eröffnung: Sonntag, 11 Uhr, dann bis 13.5., Di–So 11–17 Uhr, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Packhof, Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str. 11, Frankfurt (Oder), Tel. 0335 4015629

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