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Kunst
Wie sagt der Narr die Wahrheit?

Blicke aus und auf Polen: Besucher in der Rathaushalle bei der Ausstellung „Sasiedztwo i Distanz / Nähe und Dystans“. Die Exponate zeigen polnische und deutsche Druckgrafik aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst noch bis zum 4. November in der Rathaushalle am Marktplatz.
Blicke aus und auf Polen: Besucher in der Rathaushalle bei der Ausstellung „Sasiedztwo i Distanz / Nähe und Dystans“. Die Exponate zeigen polnische und deutsche Druckgrafik aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst noch bis zum 4. November in der Rathaushalle am Marktplatz. © Foto: Gerrit Freitag
Silvia Fichtner / 19.09.2018, 07:00 Uhr
Frankfurt (MOZ) Bis zum 4. November wird in der Rathaushalle die Ausstellung „Blicke auf Polen/Blicke aus Polen“ gezeigt. Das Brandenburgische Landesmuseum für Moderne Kunst lädt zu mehreren Führungen ein.

„Wenn in tausend Jahren künftige Generationen die Reste unserer Kultur ausgraben – was werden sie dann finden? Badewannen und Spülmaschinen!“ Das ist eine ziemlich pessimistische Sicht auf unseren Alltag, die der 1959 gestorbene US-amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright, der stets darauf achtete, dass sich seine Bauten in die jeweilige Landschaft integrierten, vertrat. Unbegründet? Ja! möchte man laut widersprechen, wenn man sich die gegenwärtige Ausstellung von Bildkunst in der Frankfurter Rathaushalle angeschaut hat. Sie spricht so mannigfaltig über die Zeit, in der wir leben, greift mitten hinein in den Alltag, in die Fragwürdigkeiten, die Konflikte, die Erscheinungen, in die offenen Fragen unseres Daseins. Und das auf eine künstlerisch vielfältige Art und Weise wie man sie nicht so oft zu Gesicht bekommt.

Zu Monatsbeginn eröffnet, trägt die Ausstellung den grammatikalischen und sprachlichen Titelmix „Nähe und Dystans / Sasiedztwo i Distanz – Blicke auf Polen/Blicke aus Polen“. Wobei der Nachsatz nur bedingt zutrifft, denn in der Rathaushalle ist polnische und deutsche Druckgrafik gleichermaßen zu sehen – und nicht nur mit Blick auf oder aus Polen. Der Nachsatz zielt eher auf ein Ausstellungsprojekt des Brandenburgischen Landesmuseums für Moderne Kunst, zu dem sich das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) und das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus im zurückliegenden Jahr zusammengetan haben. Das angesprochene Projekt beinhaltet fünf verschiedene Ausstellungen, zwei in Frankfurt, drei in Cottbus, die dem interessierten Besucher sehr unterschiedliche „Blicke auf Polen/Blicke aus Polen“ ermöglichen. Die zweite Frankfurter Ausstellung ist im Packhof zu sehen unter dem Titel „Dieser fatale Hang der Geschichte zu Wiederholungen“, eine Schau mit ganz modernen medialen Mitteln.

Wenn sich in tausend Jahren jemand dafür interessiert wie wir gelebt haben, miteinander umgesprungen sind, wie feige oder wie mutig wir waren, wie egozentrisch, wie umsichtig, wie grob, wie zärtlich, der trifft vielleicht auf die Kunst unserer Zeit, die beredt ist wie jene in der Rathaushalle. Die 120 Arbeiten, von 16 deutschen Künstlern, von denen die Mehrzahl in der DDR lebte, zumindest eine Zeit lang, und von 20 polnischen Künstlern geschaffen, stammen aus der eigenen Sammlung des Landesmuseums. Die von Kurator Armin Hauer präsentierten Kunstwerke umspannen einen Zeitraum von über 50 Jahren bis heute, und Hauer hat sie chronologisch gehängt. Wer sie anschaut, sollte vom Eingang in die Halle aus links beginnen, empfiehlt der Kurator. Die Holz- und Linolschnitte, die Lithografien und variationsreichen Radierungen, die Siebdrucke, die Digitaldrucke, die fotografischen Verwendungen und Einflüsse darin,  die Videostills genannten modifizierten Standbilder von Lebensmomenten, als das entspringt dem Erleben, den Erfahrungen, den Auffassungen der Künstler verschiedenen Alters und Geschlechts.

Ihre Kunstwerke sprechen von Zeiten der Suche nach Selbstfindung, nach Selbstbestimmung, nach Individualität, aber auch von Zeiten der Entfremdung, des Zweifelns, der Abkehr. Es sind Zeiten,  in denen sich Künstler metaphorisch ausdrücken wollten/mussten oder mythisch, in denen sie zurückgriffen auf surrealistische Elemente, auf expressive oder sich konkret bzw. abstrakt äußerten oder auch vielsagend figurativ. Wie sagt der Narr die Wahrheit am Hofe? Wie der Künstler sie in diktatorischen Gesellschaftssystemen?

Von wegen Badewannen und Spülmaschinen als Zeugnisse unserer Kultur! Das Aufeinandertreffen von deutschen und polnischen Künstlern ist ein wundervolles Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz, zwischen Tuchfühlung und Abgrenzung, zwischen Vertrautheit und Kluft, doch mit einem Ziel: Kunst zu schaffen, die den Betrachter nicht kalt lässt, die ihn tröstet oder erschüttert, die ihn verwickelt – in Gespräche, in Gedanken, ganz so, wie es mit den Künstlern selber geschieht in der Frankfurter Rathaushalle. Was mag da des Nachts los sein, wenn sich abends der Schlüssel im Schloss gedreht hat!

Eines ist allerdings wie immer: Wer statt des stillen Zwiegesprächs mit mehr als seinen eigenen Augen sehen möchte, kann das Angebot annehmen, sich sachkundig durch die Ausstellung begleiten zu lassen.

Ausstellung „Nähe und Dystans / Sasiedztwo i Distanz – Blicke auf Polen/Blicke aus Polen“, Rathaushalle, bis 4.11.; Ausstellung „Dieser fatale Hang der Geschichte zu Wiederholungen“, Packhof, bis 18.11.; Führungen: Do 20.9., 16.45 Uhr, Rathaushalle; Mi 26.9., 15 Uhr, 60+, Packhof;  Mi 10.10., 60+, 15 Uhr, Rathaushalle; Di 16.10., 16.45 Uhr, Rathaushalle und Ausstellung im Packhof; So 28.10., 15 Uhr, Packhof

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