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Neuzelle - Das Barock-Wunder

Neuzelle - Das Barock-Wunder

Jährlich pilgern etwa 200 000 Touristen nach Neuzelle in der Nähe von Eisenhüttenstadt. Der Ort besitzt einige der bedeutesten Kulturdenkmäler Brandenburgs - viel mehr - Europas. Das Kloster Neuzelle wurde 2014 nahezu komplett fertig saniert. 2015 eröffnete das Museum "Himmlisches Theater" mit einem aufwendig restaurierten Barock-Theater. Auch der Klostergarten sucht seinesgleichen in Deutschland.

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Bühnenbilder
Das Weltgericht mit Narben

Neuer Blick auf die Passionsdarstellungen:  Matthias Steier (l.) und Hans-Georg Wagner haben eine zeitgenössische Szene für das „Himmlische Theater“ in Neuzelle erschaffen. Erstmals zu sehen ist die Kulisse am Freitag.
Neuer Blick auf die Passionsdarstellungen:  Matthias Steier (l.) und Hans-Georg Wagner haben eine zeitgenössische Szene für das „Himmlische Theater“ in Neuzelle erschaffen. Erstmals zu sehen ist die Kulisse am Freitag. © Foto: Gerrit Freitag
Janet Neiser / 17.05.2018, 08:30 Uhr
Neuzelle (MOZ) „Sein Grab wird herrlich sein.“ Mit diesen Worten wird jeder begrüßt, der das „Himmlische Theater“ im Kloster betritt. Es ist ein Himmel unter der Erde, und dort ist es bei 18 Grad angenehm kühl. Doch in den vergangenen Tagen war es in dem Museum, das mit den Passionsdarstellungen europaweit einzigartige Schätze beherbergt, vergleichsweise unruhig.

Die „Kreuztragung Jesu“, eine von 15 Szenen aus fünf verschiedenen Bühnenbildern aus dem 18. Jahrhundert, die einst zur Passionszeit im katholischen Kloster Neuzelle (Oder-Spree) zu sehen waren, ist abgebaut worden. Die historischen Figuren und Holztafeln liegen wieder im Depot der Stiftung Stift Neuzelle.

Sie haben Platz gemacht für „Weltgericht – Festung Europa“. Eine Festung aus 120 Quadratmetern Sperrholzplatten, gefertigt von zwei zeitgenössischen Künstlern, die den biblischen Text vom Weltgericht in die Gegenwart holen, sich kritisch damit auseinandersetzen. Mit all ihren Ecken und Kanten. „Ich habe mit einer Kettensäge gearbeitet“, erklärt Hans-Georg Wagner aus Cottbus, der sozusagen die Kulisse für die moderne Passionsdarstellung erschaffen hat. Auf seinen Relieftafeln sind 134 Figurationen verewigt, die manch einer vielleicht erst auf den zweiten Blick erkennt. Spröde sind die Schnitte, die die Säge hinterlassen hat. „Das ist der Ästhetik der Zeit geschuldet“, sagt der Bildhauer und Grafiker Wagner. Kein Kitsch, keine Farbspielereien, aber harte Linien, die fast wie Narben wirken.

Matthias Steier hingegen hat in altmeisterlicher Lasurtechnik surreale Bildwelten geschaffen. Acht Bildträger mit Figuren, die sich zwar aus dem Bibeltext ableiten, aber dennoch Neuschöpfungen aus dem Ist sind. Gerade packt der Maler aus Eisenhüttenstadt eine innige Umarmung von Mann und Frau aus, die regelrecht miteinander verschmelzen. Vor allem das strahlende Blau brennt sich ins Gehirn des Betrachters ein. „Eine Steier’sche Mischung“, witzelt der 59-Jährige und fügt hinzu: „Ein Jahr haben die Planung, der Entwurf und die Realisierung gedauert.“ Zunächst war die Stiftung Stift Neuzelle mit ihrer Idee einer modernen Inszenierung des Kulissentheaters an den Eisenhüttenstädter Künstler herangetreten. Im Jubiläumsjahr zu „750 Jahre Kloster Neuzelle“ wollten die Verantwortlichen nämlich etwas ganz Besonderes schaffen. Sie sahen es als ihre Aufgabe, kulturelles Erbe wie die Passionsdarstellungen nicht nur zu sammeln, zu bewahren und zu pflegen, sondern sich aktiv damit auseinanderzusetzen.

Steier war von diesem ehrgeizigen Projekt sofort angetan. Die Herausforderung bestand darin, die historischen Kulissen nicht nachzuahmen, sondern etwas komplett Eigenes zu kreieren, etwas Modernes, etwas, das voll und ganz im Jetzt ist. „Aber allein wollte ich das nicht machen“, sagt Steier. Das stand schnell fest. Er erinnerte sich an Hans-Georg Wagner, den er im Jahr 2015 bei einem Pleinair auf der Burg Beeskow kennengelernt hatte. „Den wollte ich als Partner mit ins Boot holen. Er ist nämlich auch ein brillanter Tischler.“ Ein kluger Schachzug, wenn man bedenkt, dass die gesamte Kulisse aus Sperrholz besteht. 24 Platten, alle drei mal 1,50 Meter groß, so wie man sie im Baumarkt kaufen kann, das war die Ausgangssituation.

Zu Pinsel, Farben und Säge haben Steier und Wagner dann aber erst in diesem Jahr gegriffen. Sie hatten die Figuren zwar schon in ihren Köpfen, aber bis zur Umsetzung galt es, vor allem einen größeren Stolperstein zu meistern. Die Denkmalpflege hatte auch ein Wörtchen mitzureden. „Da gab es die Angst, dass die Lösungsmittel, mit denen wir arbeiten, die historischen Kulissen zerstören könnten“, erzählt Steier. Letztlich hat man sich auf unschädliche Acrylfarben geeinigt. „Ölfarben hätten auch zu lange gedauert, bis sie getrocknet wären.“

Das „Weltgericht“, das gegenüber vom barocken „Judaskuss“ steht, wird bis Mitte September zu sehen sein, dann geht es auf Wanderschaft. Am Freitag zur Eröffnung von „750 Jahre Kloster Neuzelle“ und Kulturland Brandenburg geht die Schiebetür zum unterirdischen Himmel in Neuzelle nach dem Umbau erstmals wieder auf.

Eröffnung Himmlisches Theater, 18.5., 15.30 Uhr, www.750jahre-klosterneuzelle.de

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