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Küstriner Zeitzeuge dokumentiert Zusammenhang von Krieg und Hochwasserkatastrophe 1947 an der Oder

Blick in die Geschichte
Dammbruch nach Vorwarnung

Ulf Grieger / 27.02.2019, 08:00 Uhr
Küstrin-Kietz (MOZ) Wie konnte es im März 1947 zur Hochwasserkatastrophe im Oderbruch kommen? Dazu gibt es bei Untersuchungen. Im Archiv des Vereins für die Geschichte Küstrins wird ein Zeitzeugenbericht bewahrt, der den Zusammenhang von Krieg und Dammbruch herausstellt.

Günter Schulze aus Küstrin-Kietz verfasste seine Schilderungen, die er mit Skizzen verdeutlichte, erst nach seiner Flucht aus der DDR — zwölf Jahre nach dem Hochwasser. Er konnte allerdings auf viele Zeitzeugenberichte zurückgreifen, die er nach dem Hochwasser gesammelt hatte.

Peter Trömel, der viele Jahre im Deichhaus Bad Freienwalde für die Hochwassersicherheit im Oderbruch verantwortlich war, beruft sich in seiner Darstellung auf die Unterlagen, die es aus der Hochwasserzeit gibt. So auf den Bericht des damaligen Deichhauptmanns Graßnick, der Ende April im Kreistag Oberbarnim über die Katastrophen-Ursachen festgestellt hatte: „Alle Alarmmeldungen von russischen Fliegerbomben, die die Deiche verlegt hätten, oder Schädigungen der Deiche durch Polen oder der Umstand, dass die Deiche durch Kriegsschäden noch nicht die erforderliche Festigkeit hatten, sind völlig abwegig.“

Schulzes Darstellung ist als Zeitzeugenbericht wesentlich differenzierter. Ähnlich wie zuvor bereits Max Hampe kritisiert er, dass die sowjetische Besatzungsmacht die eindringlichen Warnungen von Fachleuten ignoriert hatte und eher SED-Funktionären vertraut habe, die jedoch nicht kompetent waren. Der damalige Altwustrower Bürgermeister Max Hampe hatte als stellvertretender Deichhauptmann und CDU-Landtagsabgeordneter diese Kritik vor allem am Beispiel einer möglichen Verteidigung des Glietzener Polders verdeutlicht.

Schulze stellt heraus, dass der Damm bei Neu Manschnow/Carlsfelde am 22. März 47 dort brach, wo die Rote Armee 1945 eine Behelfsbrücke errichtet und im Zuge des Wiederaufbaus der Küstriner Brücken abgerissen hatte. Er betont, dass die Küstriner Oderbrücken am 1. Januar 1948 fertiggestellt sein sollten. Die Bauarbeiten liefen im März auf Hochtouren. Gewaltige Sperren und Widerstände wurden errichtet. Davor staute sich das Treibeis. „Russische Flieger bombardierten das Eis auf der Oder von Frankfurt bis Küstrin“, schreibt Schulze. Die Eisstücke sollten so klein sein, dass sie die neuen Pfeiler nicht beschädigen.

Als eine Ursache der Katastrophe benennt Schulze den Krieg. Er wirft dem Kommandeur des Abschnittes Oder-Mitte, General Gretschkow, Versagen vor. Der Küstrin-Kietzer Bürgermeister Schimmeyer habe die sowjetische Brücken-Bauleitung auf die Gefahren hingewiesen, die durch die neuen Anlagen bei einem Eishochwasser entstehen. Doch Major Sawinski, Stabschef des Wiederaufbauprojekts, hätte das nicht ernst genommen. „Der Rat der Gemeinde schrieb Warnbriefe an die Sowjetstellen, die Absender wurden der Sabotage und Spionage-Tätigkeit zugunsten des Westens beschuldigt“, schreibt Schulze. Und beschreibt, dass die 8000 Brückenbauarbeiter, die in der Artilleriekaserne untergebracht waren, nicht zur Deichverteidigung gerufen wurden, als am 22. März 1947 um 3.40 Uhr der Damm brach.

Um 4.30 Uhr verkündete Bürgermeister Schimmeyer die Evakuierung von Kietz. Um 7.11 Uhr kam noch ein Zug zum Kietzer Bahnhof und nahm etwa 150 Menschen mit in Sicherheit. Schulze und seine Mutter blieben in Kietz, bargen Lebensmittel und harrten auf dem Dachboden aus. Ein Strommast rammte das Haus und ließ es in den Grundfesten erschüttern. Am dritten Überschwemmungstag stand das Wasser 2,75 Meter hoch — das war der Höchststand dort. „Ab und zu patrouillierten russische Amphibienfahrzeuge die Straße lang. Sie brachten vielen Überraschten am 1. Tag die Rettung. Und später überraschten diese russischen Soldaten manchen Plünderer. Auch Russen plünderten!“, schreibt Schulze. Am 16. Tag wurde wieder die Straßenmitte sichtbar, Die Gefahr war gebannt. Das Wasser ging rasant zurück. Am 21. Tag konnten die nach Müncheberg evakuieren Großeltern heimkehren. Schulze vermerkt, dass die verantwortlichen Offiziere später durch ein Militärgericht verurteilt wurden.

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