Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Hochwasserschutz
Der Deich, der Slubice spaltet

Marcin Kalinowski vor seinem Haus in Nowy Lubusz (Kolonia)
Marcin Kalinowski vor seinem Haus in Nowy Lubusz (Kolonia) © Foto: Nancy Waldmann
Nancy Waldmann / 03.07.2019, 12:00 Uhr
Slubice (MOZ) Das Bau des neuen Damms soll Słubice vor künftigen Oderfluten schützen. Doch was wird aus den Dörfern dahinter? Bewohner von Nowy Lubusz und Pławidło fühlen sich preisgegeben.

Im Stillen und an ihnen vorbei sei dieser Deichbau beschlossen worden. "Es ist ein Tabuthema!" Marcin Kalinowski sitzt angespannt in seinem Wohnzimmer im Ortsteil Nowy Lubusz Kolonie, einer früheren LPG-Siedlung, sieben Kilometer oderabwärts von Słubice. Der 41-jährige Polizist lebt mit Frau und Mutter in dem einstöckigen Haus, das sie 1984 bezogen haben. Draußen flache Felder, die Häuser reihen sich entlang der einzigen Straße. Zur Oder sind es zwei Kilometer. Zum neuen Ringdeich, der gerade aufgeschüttet wird, etwa fünf. Man kreuzt ihn, kurz bevor man auf die Landstraße nach Słubice-Küstrin biegt. Der Ringdeich zweigt nördlich der Stadt ab vom bestehenden Deich und verläuft über sechs Kilometer bis nach Drzecin. Der bestehende Oderdeich wird mit Spundwänden verstärkt, aber nur bis zu dem Punkt, wo der neue Deich abzweigt.

Insgesamt drei Siedlungen – Nowy Lubusz, Nowy Lubusz Kolonie und Pławidło – liegen künftig hinter dem neuen Deich. Sie sind die Verlierer der 26 Millionen Euro schweren, von der Weltbank geförderten Investition, die Słubice schützt, aber die insgesamt rund 430 Dorfbewohner auflaufen lässt, so empfinden sie es. Ihre Häuser sind künftig nur noch vom alten Oderdeich geschützt, der um das Jahr 2000 saniert wurde. Der einzige bekannte Dammbruch ist datiert auf April 1785. Doch wer weiß, was der Klimawandel bringt.

"Sind wir dann Schwemmland, falls der alte Deich nicht hält?", fragt sich Marcin Kalinowski. Von den Verantwortlichen nehme keiner das Wort in den Mund. In all den Jahren seit das Mammutprojekt geplant wird, habe niemand offen mit den Dorfbewohnern geredet. Nicht über eine Krisensituation, nicht über Entschädigung für möglichen Wertverlust ihrer Grundstücke. Verfassungswidrig, glaubt Kalinowski. Er holt einen dicken Ordner.

Als er 2010 zum Ortsvorsteher gewählt wurde, schrieb er: den Bürgermeistern, den Stadtverordneten, dem Landrat, sogar dem damaligen Premierminister Donald Tusk und dem Präsidenten Komorowski. Eine Antwort bekam er nur von der Beauftragten für Bürgerrechte. Sein Anliegen sei verständlich, allerdings seien bereits rechtskräftige Beschlüsse gefasst. Am 29. September 2004 – sieben Jahre nach dem Oderhochwasser von 1997, als Słubice gerade so davon kam – entschied sich der Stadtrat für Variante III der vorgelegten Hochwasserschutzkonzeption für Słubice: jene, die jetzt umgesetzt wird.

Die Alternativen waren Varianten, die einen Entlastungskanal südöstlich vom Stadtzentrum etwa auf Höhe des Basars vorsahen, da, wo auch historisch Oderarme verliefen. So wäre das Wasser abgeleitet worden, bevor es das Stadtzentrum erreicht hätte. Beteiligte erinnern sich an eine "heftige Debatte". Es ging um Kleingärtner, die dem Kanal hätten Platz machen müssen und um den Basar, auf den nichts kommen sollte.

Fünf Jahre später, 2009, wurde dann der Raumentwicklungsplan beschlossen. Ausgerechnet Mariusz Olejniczak, damals Stadtrat, stellte damals der Chefin des Gorzower Wasserwirtschaftsamts die Frage, ob die Orte Überschwemmungsgebiet werden. So liest man es im Protokoll der Stadtratssitzung. Nein, lautete die Antwort. Allerdings sei man nicht in der Lage jedes Dorf und jedes Haus zu sichern. Spundwände bis nach Küstrin zu bauen sei zu teuer. Der Schutz der Stadt Słubice habe Priorität.

Olejniczak ist heute Bürgermeister. Zu dem Thema äußert er sich ungern. "Man muss anerkennen, dass die Dörfer jetzt weniger attraktiv sind", sagt er. Allerdings werde sie niemand absichtlich fluten. Entschädigung werde Słubice den Bewohnern nicht zahlen. Investor sei schließlich die staatliche Wasserwirtschaft. Anna Tarka von der Regionaldirektion Wrocław schreibt: Man habe das Konzept 2017 nochmals geprüft und Variante III nicht nur unter Umwelt-, Technik- und Finanzaspekten als die beste Lösung erachtet, sondern auch sozial als die effektivste. Ausgleich sehe das polnische Recht nur dann vor, so Tarka weiter, wenn der Deichbau klare Beschränkungen bei der Nutzung der Grundstücke mit sich bringe, etwa ein Bauverbot oder Verbot von landwirtschaftlicher Nutzung. Das alles sei in den genannten Orten nicht der Fall.

Marcin Kalinowski wäre schon bereit umzuziehen, wenn man ihm ein Ersatzgrundstück mit Haus vor dem Deich anbieten würde. Wenn der Damm fertiggestellt ist, will er vor Gericht ziehen. Das Amt des Ortsvorstehers hat er aus Zeitgründen vor Kurzem an Jonatan Sawarski abgegeben. Auch der will kämpfen, mindestens für eine Senkung der Grundsteuern für die Leute hinterm Deich. "Ein Słubicer Versicherungsagent hat mir gesagt, dass sie unsere Häuser gar nicht mehr versichern werden", sagt Sawarski am Telefon. Eine erste Einwohnerversammlung habe es schon gegeben. "Wir suchen jetzt einen Anwalt, der uns hilft", sagt Sawarski.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG