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Stammzell-Forschung: Stichtag wird verschoben

Interessiertes Publikum: Die Mitglieder des Nationalen Ethikrates verfolgten am Freitag in Berlin die Debatte des Bundestages zum Thema Stammzellenforschung. Foto: dpa
Interessiertes Publikum: Die Mitglieder des Nationalen Ethikrates verfolgten am Freitag in Berlin die Debatte des Bundestages zum Thema Stammzellenforschung. Foto: dpa © Foto:
11.04.2008, 11:38 Uhr
Berlin Die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen in Deutschland wird erleichtert. Nach kontroverser Debatte beschloss der Bundestag am Freitag in Berlin eine Lockerung des Stammzellgesetzes. Forscher dürfen nun embryonale Stammzellen aus dem Ausland einführen, die vor dem 1. Mai 2007 entstanden. Bisheriger Stichtag war der 1. Januar 2002. Zuvor waren im Parlament sowohl ein Vorstoß zur völligen Abschaffung der Stichtagsregelung als auch ein Gesetzentwurf zum Verbot der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen gescheitert. Die Bundestagsabstimmung war in allen Fraktionen freigegeben, da es sich um eine Gewissensentscheidung handelte. Bisher kann in Deutschland nur an embryonalen Stammzellen geforscht werden, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden und aus dem Ausland stammen. Nach Angaben deutscher Wissenschaftler kann aber mit den rund 20 verwendeten Zelllinien in Deutschland in absehbarer Zeit nicht mehr gearbeitet werden. Durch die Verschiebung des Stichtages können deutsche Forscher auf etwa 500 Zelllinien zurückgreifen. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte in der Aussprache für die einmalige Stichtagsverschiebung geworben. Die Forschung gewinne embryonale Stammzelllinien nur aus solchen Embryonen, bei denen schon die Entscheidung gefallen sei, sie nicht für eine Schwangerschaft einzusetzen, argumentierte sie. Ihnen sei damit "die Voraussetzung zum Leben bereits genommen". Auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sprach sich für den neuen Stichtag aus. Dies sei verfassungsrechtlich zulässig. Der SPD-Abgeordnete René Röspel sah darin die Chance, "eine stabile Übereinkunft in einem ethischen Dilemma" zu treffen. Die Mitautorin des bislang geltenden Stammzellgesetzes, Maria Böhmer (CDU), befürchtete dagegen einen "Dammbruch beim Embryonenschutz". Mit Blick auf den Stichtag sagte sie: "Wenn der Bedarf einmal der Grund für die Verschiebung ist, kann er es auch ein zweites und drittes Mal sein und dann sind wir auf einer schiefen Ebene." Die FDP-Forschungsexpertin Ulrike Flach forderte eine Freigabe der Forschung an embryonalen Stammzellen. Die Forschung solle "ohne das beliebige Instrument des Stichtags" ermöglicht werden. Flach betonte: "Auch das Heilen von Menschen ist moralisch." Der Grünen-Parlamentarier Volker Beck plädierte für ein völliges Verbot. Dabei gehe es letztlich um die Frage, ob man menschliches Leben für Forschungszwecke und die medizinische Behandlung anderer Menschen opfern dürfe. Man könne jedoch nicht Leben gegen Leben abwägen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte, es gebe kein ihn überzeugendes Argument für eine Verschiebung oder Aufhebung des Stichtages. Die Forschung mit embryonalen Stammzellen sei ein "Eingriff" in das Lebensrecht des Embryos. Menschliches Leben sei aber ein "höherwertiges Gut" als die Forschungsfreiheit. Der CDU-Abgeordnete Hubert Hüppe hob hervor, kein Mensch sei bislang mit embryonalen Stammzellen geheilt worden. Die Linke-Abgeordnete Petra Sitte verwies darauf, dass es aus Sicht der Stammzellforschung, Ethik oder Verfassungsrecht in der Frage keine Gewissheiten gebe. Nötig sei daher eine gesellschaftliche Diskussion, die zu einem schlüssigen, politischen und rechtlichen Kompromiss führe.

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