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Die Stasi und die Bierdose

Schwarz-weißes Zeitdokument: Dieses Foto entstand am 5. Dezember 1989, als mutige Bürgerbewegte die Kreisdienststelle der Stasi in Eberswalde besetzten. Zu sehen sind unter anderem der inzwischen verstorbene Christian Trill und Lutz Landmann (v. l.), der
Schwarz-weißes Zeitdokument: Dieses Foto entstand am 5. Dezember 1989, als mutige Bürgerbewegte die Kreisdienststelle der Stasi in Eberswalde besetzten. Zu sehen sind unter anderem der inzwischen verstorbene Christian Trill und Lutz Landmann (v. l.), der © Foto: Matthias Gürtler, Sammlung Museum Eberswalde
Sven Klamann / 22.03.2017, 22:39 Uhr
Eberswalde (MOZ) Im 28. Jahr nach dem Fall der Mauer ist das Interesse daran noch immer riesig, Details darüber zu erfahren, wie die Staatssicherheit vor der Wende in Eberswalde agierte. Ein Vortrag im Museum hat mehr Licht ins Dunkel gebracht.

Manchmal reichen schon Zahlen, eine Atmosphäre der andauernden Bedrohung heraufzubeschwören: 68 hauptamtliche Mitarbeiter hatte die Eberswalder Dienststelle der Stasi im Wendejahr 1989 vorzuweisen. Ihr Arbeitsort war die im Volksmund so getaufte "Villa Sonnenschein" an der Straße der Jugend 110, heute Breite Straße. "Im Vergleich zu anderen Dienststellen war die in Eberswalde relativ groß", sagte Rüdiger Sielaff, der für die Stasi-Unterlagenbehörde die Außenstelle in Frankfurt (Oder) leitet, am Dienstagabend im überfüllten Dachgeschoss des Museums. Das könne an der Vielzahl der als für die Volkswirtschaft wichtig eingestuften Betriebe gelegen haben, zu denen unter anderem der Kranbau, das Schlacht- und Verarbeitungskombinat, das Walzwerk und die Chemische Fabrik gehörten.

Die Dienststelle sei in sechs Referate aufgeteilt gewesen, von denen die für PID und PUT wohl am gefährlichsten gewesen sei. Die Kürzel hätten für Politisch-ideologische Diversion und für Politische Untergrundtätigkeit gestanden, die Aufgabe der in diesem Referat Beschäftigten habe vor allem darin gelegen, Feindkontakte aufzuspüren und zu unterbinden, erläuterte Rüdiger Sielaff in seinem Vortrag.

Ihren Überwachungsauftrag als Schild und Schwert der Partei hätte die Eberswalder Dienststelle nur erfüllen können, indem sie in heute unvorstellbaren Größenordnungen Zuträger verpflichtete. "1989 standen allein der Dienststelle für den Kreis Eberswalde 405 Inoffizielle Mitarbeiter zur Verfügung", berichtete der Leiter der Außenstelle.Es dürfte jedoch noch weit mehr IM's gegeben haben, da die Bezirksverwaltung in Frankfurt (Oder) und das Ministerium an der Dienststelle vorbei besonders wichtige Aufträge an Kräfte weiterreichten, die sie selbst angenommen hatten.

20 der von der Kreisdienststelle gelisteten IM's seien mit Führungsaufgaben betraut gewesen und hätten Spitzel angeleitet. 50 IM's hätten ihre Wohnungen für konspirative Treffen angeboten, teilte Rüdiger Sielaff mit. 46 IM's seien Frauen gewesen, 112 der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, acht der National-Demokratischen Partei und drei der Christlich Demokratischen Union angehört, hieß es in seinem Vortrag.

Ohne Klarnamen zu nennen, ging der Leiter der Außenstelle auf einige Fallbeispiele ein. So habe eine IM Helga zwischen 1966 und 1988 unzählige Berichte geschrieben - unter anderem über ihre Nachbarn in Westend und über ihre Kollegen im Forstwirtschaftlichen Institut. Einem Nachbarn kreidete sie an, dass er bei einer Solidaritätssammlung nur fünf Mark gegeben habe, weil er gerade sein Haus renoviere. Dabei fahre er doch einen Lada. Einem IM Hannes, der seit 1983 als Spitzel aktiv war, missfiel, dass ein Kollege im Schlacht- und Verarbeitungskombinat von einem Fernfahrer aus dem Westen eine Bierdose angenommen habe. Dies sei im Arbeitskollektiv ausgewertet worden.

"Solche Ausführungen mögen heute lächerlich klingen. Doch auch derartige Belanglosigkeiten konnten durchaus Karrieren zerstören", sagte Rüdiger Sielaff.

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Kurt Crampmeyer 25.03.2017 - 19:16:59

leider bezeichnend

dass sowohl die Denunziations-Aufruf-Broschüre noch die eilige Distanzierung Bsirskes keine Thema in den etablierten Medien sind. Müsste man sich doch mit sich selbst bzw. mit den Auswüchsen der Blockwartsmetalität in der ur-linken Institution: Gewerkschaftsbund auseinandersetzen.

Paul Müller 25.03.2017 - 08:19:12

Vorzeigedemokraten :D ...

... kein Wunder das Gewerkschaften (SPD) mit solchen Stasi-Methoden immer mehr an Rückhalt verlieren :)

Kurt Crampmeyer 24.03.2017 - 22:15:08

hier die entsprechende Verdi-Pressemitteilung

https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++11cb9508-10a0-11e7-8c46-525400940f89

Kurt Crampmeyer 24.03.2017 - 21:55:14

hier die Vorlage von vor 28 Jahren

http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/MfS-Dokumente/Downloads/Grundsatzdokumente/richtlinie-1-76_ov.pdf?__blob=publicationFile

Kurt Crampmeyer 24.03.2017 - 21:54:03

hier das gesicherte Dokument der Schande

http://webcache.googleusercontent.com/search?client=safari&rls=en&q=cache:https://weser-ems.verdi.de/%2B%2Bfile%2B%2B58d28c754f5e92083f602fe2/download/FB_Handlungshilfe_gg_AfD_2KA%2520.pdf&ie=UTF-8&oe=UTF-8&gws_rd=cr&ei=UvzUWOPlJ8etsAGPy5fQDA

Kurt Crampmeyer 24.03.2017 - 19:28:04

Warum eigentlich so weit in die Vergangenheit schweifen? Die Stasi lebt unter anderem Namen fort.

Heute wurde bekannt, dass der Verdi-Bezirksverband Niedersachen für seine Mitglieder eine Handlungsempfehlung in Form einer Broschüre zur Bespitzelung von Arbeitskollegen ob ihrer politischen Gesinnung und anschließende Anschwärzung beim Arbeitgeber herausgegeben hat, die in nichts eine Stasi-Dienstanweisung nachsteht.. Nachdem dies nun publik wurde und sich Verdi-Oberboss Bsirske eiligst distanziert hat, wurde die Broschüre flugs wieder gelöscht. Falls wer Bedarf hat zu erfahren, was in Deutschland 28 Jahre nach dem Mauerfall schon wieder möglich ist, bitte melden! Ich habe das üble Machwerk gesichert und könnte es hier reinstellen.

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