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Papst Benedikt im Bundestag: Vorsichtige Botschaften an die Politik

23.09.2011, 00:12 Uhr
Berlin (dpa) Es wird vielleicht Jahrhunderte dauern, bis wieder ein deutscher Papst im Bundestag spricht. Die Erwartungen an den so umstrittenen Auftritt waren hoch. Am Ende bekommt er auch von Kritikern Beifall.

Es hört sich wie ein frommer, wie ein leicht zu erfüllender Wunsch an, den der Papst äußert. Doch so einfach macht er es den Bundestagsabgeordneten nicht. Sein Anliegen durchzieht die 22 Minuten seiner Rede im Parlament wie ein roter Faden. Er wünscht sich – und den Politikern – ein „hörendes Herz“. So wie der junge König Salomon bei seiner Thronbesteigung Gott um diese Fähigkeit gebeten habe, damit er sein Volk zu regieren verstehe.

Etliche Abgeordnete der Opposition – bei den Linken bleiben ganze Reihen leer – erreicht er damit nicht. Sie erscheinen nicht, weil ein Auftritt des Oberhauptes der katholischen Kirche im Bundestag ihrer Ansicht nach die Trennung von Kirche und Staat missachtet.

Die große Mehrheit aber, ob katholisch, anderen Glaubens oder konfessionslos, verfolgt mit Respekt und Konzentration die anspruchsvolle Rede des 84-Jährigen auf dem Niveau einer rechtsphilosophischen Vorlesung. Selten war es während einer Rede in diesem Parlament so still.

Für Heiterkeit und Entspannung sorgt ganz am Anfang ein Versehen des Papstes. Er geht am Rednerpult vorbei und auf den erhöhten Platz des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) zu. Lammert bringt ihn zurück, dann kurzes Innenhalten: Der Papst kann nicht weiter, Lammert steht auf dessen weißem Gewand.

Der als konservativ geltende Papst Benedikt XVI. will bei dieser von so hohen Erwartungen begleiteten und im Vorfeld so umstrittenen Rede ganz offensichtlich nicht provozieren. Doch wer ihm zuhört, erkennt kritische Botschaften an die Politik, auch wenn er die Themen nicht beim Namen nennt.

So warnt er vor der Manipulation des Menschen, ohne Stammzellenforschung oder Präimplantationsdiagnostik (PID) zu nennen: „Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.“ Im Juli hat die Mehrheit des Bundestags über die Parteigrenzen hinweg ein Gesetz zur PID verabschiedet.

Eine Botschaft liegt Papst Benedikt XVI. besonders am Herzen. Er spricht von einer „dramatischen Situation“ und der „wesentlichen Absicht dieser Rede“. Er warnt davor, die Welt auf ein rein naturwissenschaftliches Vernunftdenken zu reduzieren. Ohne Glauben an eine höhere Wahrheit seien Recht, Moral und Menschlichkeit gefährdet.

Die Bundeskanzlerin und Physikerin Angela Merkel (CDU) ist bekannt für ihre nüchterne Herangehensweise an schwierige Themen. Am Vorabend des Papstbesuches hatte sie die katholische Kirche indirekt zu Reformen aufgefordert. Das Verhältnis des Papstes und der Kanzlerin ist auch geprägt von Merkels Tabubruch 2009. Sie kritisierte damals den Papst für sein Zugehen auf die erzkonservativen Pius-Brüder mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson.

Doch die liberalen Kräfte in der Kirche, die zu einer Modernisierung in der Lage wären, sind spätestens mit diesem Papst ins Hintertreffen geraten. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der liberale Gegenspieler des konservativen Kurienkardinals Joseph Ratzinger in den 90er Jahren, hat sich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen. Und unter seinem liberalen Amtsnachfolger bei der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, haben offenbar konservative Kirchenfürsten die Oberhand gewonnen.

Vieles hat der Papst in dieser Rede nicht gesagt. Kein Wort zu Homosexuellen, kein Wort zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Kirche, kein Wort zu Geschiedenen und Wiederverheirateten. Danach müsste nämlich der katholische Bundespräsident Christian Wulff – in zweiter Ehe verheiratet – von der Kommunion ausgeschlossen werden. Auch die Protestantin Merkel ist in zweiter Ehe verheiratet. Katholiken erwarten aber, dass ihr Oberhaupt heikle Themen während seines Deutschlandbesuches noch ansprechen wird – nach innen an die Kirche gerichtet, nicht vor Politikern.

Der Papst schließt seine Rede, wie er sie begonnen hat. Mit König Salomon. Auch die Gesetzgeber von heute könnten sich „letztlich nichts anderes wünschen“ als ein hörendes Herz. Jene Grüne, die der Rede fernblieben, konnten nicht hören, wie der Papst den „Schrei nach frischer Luft“ würdigte, der von der „ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren“ ausging und bis heute seine Wirkung habe. Der Papst versichert verschmitzt, das sei keine Propaganda für eine bestimmte Partei. Das ist der Moment, in dem das gesamte Parlament lachen kann.

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Reinhard Moysich 23.09.2011 - 03:51:29

Papst missbraucht Bundestag zur Missionierung.

Der Bundestag ist nur für politische Reden da. Der Papst jedoch hielt eine Rede, welche die Menschen überzeugen sollte, an seine spezielle Vorstellung eines "Gottes" zu glauben - also an ein Wesen außerhalb dieser Welt, welches all das für richtig hält, was die Menschenrechte (aber auch die für einen "Christen" unbedingt notwendige christliche Nächstenliebe!) als massiv falsch verurteilen: wie z.B. Ungleichbehandlung von religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen, Ungleichbehandlung von Frauen und Männern, Zölibat, Verbot von Kondomen und Homosexualität. Jeder Mensch kann sich einbilden, dass seine Taten (und sind sie noch so verbrecherisch) von "Gott" gutgeheißen werden, wie es z.B. auch islamische Terroristen tun - und sogar Hitler hielt sich für gottgläubig! Die Rede beweist, dass es ein Riesenfehler war, den Papst zu solch einer Rede einzuladen und dass es eine Schande für Deutschland ist, dass nur ca. 100 Abgeordnete den Mut hatten, solch einer missionarischen Rede fernzubleiben. Sie wissen, dass es sehr wichtig ist, gerade in der heutigen Zeit der Multi-Weltanschauungen strikt weltanschauungsneutral zu sein - gemäß dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichts. Denn nur dann kann Deutschland eine gesellschafts- und friedensnotwendige "Heimstatt" für all seine Bürgerinnen und Bürger sein, egal welche Weltanschauung sie haben!

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