"Der Morgen" als Zentralorgan der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) nahm sich 1962 des Themas an und griff zu einem noch ganz anderen Vergleich aus dem mannigfaltigen Reich der Insekten: "Heuschreckenschwärme, die im Eiltempo vom Grabe Gerhart Hauptmanns durch dessen Haus Seedorn flattern und dann mit knurrendem Magen vor einer der Gaststätten warten", heißt es da. Bis zu 1500 Besucher am Tag kamen auf die Insel. Zuviel! Gaststätten und Dünen konnten die Massen nicht aufnehmen.

Lebensmittel im Reisekoffer

Auch jetzt in Corona-Zeiten, wo viele ihren Urlaub – wenn auch aus anderen Gründen – wieder im eigenen Land verbringen, ist die Insel ein gefragter Ferienort. Bis zu zweieinhalb Stunden Schlange stehen muss heute aber keiner mehr, wie vor der Konsum-Verkaufsstelle in Neuendorf, die in einem kleinen Holzschuppen untergebracht war. Lebensmittelläden waren rar auf der Insel. Aber die Leute akzeptierten das. Versorgungsprobleme gab es ja in der ganzen DDR. Warum sich also die Urlaubslaune vermiesen lassen? Viele brachten ihre Lebensmittel gleich von zu Hause mit.
Von der im Februar und März 1953 durchgeführten "Aktion Rose", bei der überall im Land private Hotel- und Pensionsbesitzer wegen angeblicher "Wirtschaftsvergehen" wie dem Horten von Lebensmitteln von der Volkspolizei verhaftet wurden, blieb Hiddensee weitgehend verschont, schreibt Manfred Faust in seinem Buch "Hiddensee. Die Geschichte einer Insel", das jedem empfohlen sei, der nach Fakten sucht und sich für die Historie interessiert. Doch viele der Hotel- und Gaststättenbesitzer flohen nach diesen Enteignungen von sich aus in den Westen, so dass der "Sozialisierung" des Hotel- und Gaststättenwesens nichts mehr im Weg stand.
Das 1947 verabschiedete "Urlaubsaufenthalts-Gesetz" schrieb vor, dass "in erster Linie die Werktätigen und ihre Familien das Recht auf Erholung" hatten. Notwendig dafür war jedoch eine vom FDGB, von Berufsorganisationen oder von der Sozialversicherungsanstalt Mecklenburg erteilte Genehmigung.
FDGB-Ferienheime wie das "Hitthim" in Kloster oder das "Dünenhaus" in Vitte entstanden. Private Häuser mussten sich vertraglich an den FDGB-Feriendienst binden. HO-Gaststätten wie der "Dornbusch" in Kloster oder das "Strandhotel" und das "Norderende" in Vitte sollten die Tagesgäste versorgen. Weil die Kapazitäten aber nicht ausreichten, gab es zwei bis drei Durchgänge bei Frühstück, Mittag- und Abendessen à 45 Minuten. Die Beschäftigten unter sich sprachen vom "Mexikanischen Schleuderservice". So viele Gäste zehrten an den Kräften.
Kein Wunder, dass meist ein Mangel an Saisonarbeitskräften auf Hiddensee herrschte. Der Schriftsteller Lutz Seiler vermittelt in seinem lesenswerten Roman "Kruso" (2014) einen guten Einblick, was für ein buntes Völkchen sich da so versammelte. Weil schwer an Personal zu kommen war, stellten viele Gaststätten auf Selbstbedienung um.
Bis zu 90 Prozent der Fremdenverkehrsplätze waren per Gesetz dem FDGB vorbehalten. Verteilt wurden sie durch die Betriebsgewerkschaftsleitung. Betriebe hatten ihre eigenen Heime, oder zumindest Verträge mit Betreibern. Die in Lutz Seilers Roman beschriebene Ausflugsgaststätte "Klausner" auf dem Dornbusch etwa wurde 1962 von den Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerken gekauft, der "Mühlenhof" in Vitte 1969 vom Reichsbahn-Betriebswerk Zittau.
Im Wendejahr 1989 hatten 60 Betriebe sogenannte "Erholungskapazitäten". Mit 160 Plätzen die meisten besaß der VEB Volkswerft Stralsund, gefolgt vom VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk "Ernst Thälmann" in Suhl (152 Plätze). Dazu kamen noch SED, Ministerrat, NVA und Staatssicherheit, die ebenfalls über Plätze für Urlauber verfügten.
Die Tagessätze standen fest, schreibt Manfred Faust in seinem Buch: "Ein zweiwöchiger FDGB-Urlaub kostete inclusive voller Verpflegung etwa 30 Mark pro Person." Die Versorgung durch den FDGB-Feriendienst war für DDR-Verhältnisse verhältnismäßig stabil. "Was nicht ausschloss, dass auch schon mal jemand von Hiddensee mit einem Lieferwagen auf die Schnelle nach Werder im Bezirk Potsdam fahren musste, um außerhalb der offiziellen Lieferwege eine Ladung Obst heranzuschaffen."
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Kleine Insel, großer Besucherzuspruch


Schon zu DDR-Zeiten war Hiddensee eines der begehrtesten Reiseziele im deutschen Osten. Die Zahl der Erholungsurlauber auf der Insel stieg von 1946 (2756 im gesamten Jahr) bis 1988 (36 297) kontinuierlich an. Diese Zahlen wiederum sind kein Vergleich zur heutigen Situation: Im Jahr 2019 wurden 1,49 Millionen Besucher der Insel gezählt, darunter Tagesgäste ebenso wie länger verweilende Urlauber. grom