Hoch oben auf dem Solaki-Gebirgskamm über der Altstadt von Tiflis thront die mittelalterliche Burgruine Narikala. Die Festung stammt aus dem dritten Jahrhundert nach Christus und wurde unter persischer Herrschaft erbaut. Die meisten der noch erhaltenen Gebäudereste stammen aus dem achten Jahrhundert.
Unterhalb der Burg liegt die Altstadt. Im Bethlehem-Viertel tragen viele Wohnhäuser die für Georgien typischen Holzbalkone, die sich mit kunstvollen Ornamenten über mehrere Etagen ausbreiten. Auch auf der Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert sind bis zu dreigeschossige Häuser dieser Art aufgesetzt. Das Mauerwerk und die dazugehörigen Häuser wurden in den 1970er Jahren restauriert.
Klassizismus und neomaurischer Stil
Zeitenwechsel jenseits der Stadtmauer an der Baratschwili-Straße. Georgien musste sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gegen Angriffe verteidigen. Ende des 18. Jahrhunderts rief das Land Russland zu Hilfe, als Tiflis von Schah Aga Khan Mohammed überfallen wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Provinzen in das Russische Reich eingegliedert. 1844 wurde General-Feldmarschall Graf Michail Semjonowich Woronzow zum Vizekönig ernannt.
Woronzow wollte die Stadt nach westeuropäischem Vorbild aufbauen lassen. Aus dieser Zeit stammen die im Stil des russischen Klassizismus gebauten Häuser rund um den Freiheitsplatz. In der Mitte glänzt seit 2006 eine riesige Säule mit dem vergoldeten Heiligen Georg. Bis 1990 stand hier ein Lenin-Denkmal, das nach dem Zerfall der Sowjetunion von Einheimischen umgerissen wurde.
Vom Rathaus geht direkt der Rustaweli Boulevard ab, Flaniermeile und Hauptstraße von Tiflis. Dort stehen Prachtbauten aus dem 19. Jahrhundert im Stile europäischer Großstädte wie Paris oder Barcelona. Dazwischen das alte Parlamentsgebäude, das Institut für Georgische Literatur und das Gymnasium. Auch das Opernhaus befindet sich am Rustaweli Boulevard. Es wurde vom deutsch-baltischen Architekten Viktor Schröter aus Sankt Petersburg im neomaurischen Stil gebaut und 1875 fertiggestellt.
Das Ende der Straße markiert ein großes Wohn- und Geschäftshaus (1913-1915) mit zahlreichen Jugendstil-Elementen an Giebeln, Erkern und Fenstern. Ein Kaufmann hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den Architekten Mikolaj Obolonski mit dem Bau beauftragt, der sich über einen ganzen Straßenblock zieht.
Etwas weiter stadtauswärts Richtung Schwarzmeerküste steht am Ufer der Kura das ehemalige Ministerium für Straßenbau von 1975. Unverkennbar ein Beispiel für sowjetischen Brutalismus mit seiner klaren Struktur aus geometrischen Formen und Sichtbeton. Seit 2011 sitzt in dem Gebäude mit den markant aufeinander gestapelten Riegeln die Georgische Staatsbank. Hochhäuser im sozialistischen 70er-Jahre-Stil findet man vor allem in den Außenbezirken von Tiflis.
Nach dem Fall der Sowjetunion erklärte sich Georgien 1991 für unabhängig. Die politische Situation in der ehemaligen Sowjetrepublik war jahrelang unsicher. Es herrschten phasenweise bürgerkriegsähnliche Zustände, bis 2004 infolge der Rosenrevolution Micheil Saakaschwili mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde.
Saakaschwili wollte das Verwaltungssystem des Landes umgestalten und den Blick nach Europa richten. Dies sollte für die Georgier auch sichtbar werden in neuen Formen öffentlicher Gebäude. Dazu holte er mehrere europäische Architekten ins Land, allen voran den deutschen Jürgen Mayer H. aus Berlin. Mayer gestaltete unter anderem in der Kleinstadt Mestia im Großen Kaukasus das Flughafengebäude in Form des Buchstabens J, mehrere Polizeistationen und Autobahn-Raststätten.
Das neue Tiflis
Weniger wuchtig wirkt das Innenministerium in Tiflis. Die Fassade besteht aus gerundetem Glas. Das wellenförmige Äußere bildet mit der anschließenden Grünfläche ein Ensemble. Im Inneren ist der Bau L-förmig angelegt. Entworfen wurde das Gebäude von dem Italiener Michele de Lucchi, genauso wie die Friedensbrücke, die in der Stadtmitte die beiden Ufer der Kura verbindet. In der Nähe der Brücke liegt das nie eröffnete Kulturzentrum mit zwei überdimensionalen Röhren.
Massimiliano und Doriana Fuksas haben das markante Gebäude entworfen - leider bis heute ein Rohbau. Steht man am Ufer der Kura, kann man von dort das Bürgeramt sehen. Das Verwaltungsgebäude besteht aus sieben einzelnen, viergeschossigen Häusern. Die Konstruktion ist aus Stahlbeton mit angehängten Glasfassaden. Die Dächer erinnern an Pilze.
Wer all die Eindrücke bei einem guten Essen noch einmal Revue passieren lassen will, dem sei die Fabrika empfohlen. In dem Fabrikgebäude war zu Sowjetzeiten eine Großnäherei. Der Eingangsbereich lädt mit seinen meterhohen Sprossenfenstern, ausladenden Pflanzen und gemütliche Sofas zum Verweilen ein. Es gibt einen großen und grünen Innenhof. Beheimatet ist in dem großen Komplex ein Hostel mit 350 Betten. Es gibt Platz für Coworking, Ateliers, eine Schule für Design und ein gutes und nicht ganz günstiges Restaurant.

Service


Anreise: In der Vergangenheit gab es Nonstop-Flüge nach Tiflis von mehreren deutschen Flughäfen. Die georgianische Airline "Georgian Airlines" fliegt´von Tiflis in mehrere EU-Länder. Die Flugzeit beträgt etwa drei bis vier Stunden.

Einreise: Deutsche Urlauber brauchen kein Visum, aber einen gültigen Reisepass.

Währung: Der Georgische Lari. 1 Georgischer Lari entspricht etwa 0,29 Euro (Stand 3. Juli 2020).

Informationen: Georgian National Tourism (Tel.: +995 32 243 69 99, E-Mail:info@gnta.ge, www.gnta.ge).

Literatur:  "Architekturführer Tiflis" von Heike Maria Johenning und Peter Knoch.  "Tbilisi - Archive of Transition" von Klaus Neuburg, Sebastian Pranz, Aleksi Soselia, Wato Tsereteli, Jesse Vogler und Fabian Weiss. red