Schon Mary Read wusste die Vielfalt des "flachen Meeres" zu schätzen, ebenso ihre Zunft-Kollegen Henry Jennings oder Blackbeard. Schließlich boten die rund 700 Inseln zwischen Florida, Kuba und dem Antillenbogen, die die Spanier als Baja Mar bezeichneten, genügend Platz für die Piraten, sich zu verstecken. Die gehören heute fest zur Geschichte der Bahamas, und so mancher Zeitgenosse meint gar, viel habe sich seit jener Zeit nicht verändert. Zwar prägte der erste Gouverneur Woodes Rogers mit "Expulsis Piratis Restituta Commercia" (Piraten vertrieben, Handel wiederhergestellt) den Leitspruch des Landes, doch wie das in der Neuzeit umgesetzt wird, erinnert so manchen an früher. Denn mit dem Verzicht auf Einkommens- und Vermögenssteuer sowie dem Fehlen einer Finanzkontrolle für Ausländer zieht die Inselgruppe im Nordatlantik nicht nur seriöse Geschäftsleute an. Das ehemalige Freibeuter-Nest Nassau, nach Englands König Wilhelm III. aus dem Hause Oranien- Nassau benannt, beherbergt heute mehr Banken und Offshore-Gesellschaften als Hotels. Und dabei leben dort in der Hauptstadt nicht nur rund 70 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die dazugehörige Insel New Providence ist auch das politische und touristische Zentrum des Archipels.
Der Prince George Wharf in Nassau ist beliebter Anlaufpunkt großer Kreuzfahrtschiffe, die meist im nur 80 Kilometer entfernten Miami zu Karibik-Touren starten. Dabei überragen die Ozeanriesen bei Weitem die pittoreske Architektur aus zweietagigen und pastellfarben angemalten Holzhäusern. Entlang der Bay Street finden sich für ein Hafenviertel typische Einrichtungen wie Souveniershops, T-Shirt-Läden und natürlich jede Menge Duty-Free-Geschäfte für Alkohol und Tabakwaren. Nicht zu vergessen die Dependancen internationaler Juweliermarken, die hier vermeintlich preiswerten Schmuck und Uhren an den Tagestouristen bringen wollen. Der wird wegen der vielen Shopping-Möglichkeiten kaum Gelegenheit finden, auch in die zweite oder dritte Reihe zu schauen. Schade, denn so entgehen ihm nicht nur die berühmten pinkfarbenen Regierungsgebäude, sondern auch allerlei kolonial-historische Bauten wie die Queen’s Staircase zwischen riesigen, majestätisch gerade aufragenden Palmen.
Vom 40 Meter hohen Wasserturm des Fort Fincastle aus bietet sich dazu ein perfekter Blick aufs hauptstädtische Gewusel, das von einem Mix aus karibischer Lässigkeit, britischem Style und amerikanischer Organisiertheit geprägt ist. Solcherart Atmosphäre findet sich nirgends sonst im karibischen Raum. Beleg für die Vielfalt mag auch sein, dass historische Kutschen, stinkende Mopeds und Stretch-Limousinen einträchtig im Stau der Rush-Hour stehen. Möchte man diesem entkommen, dann ist das billig und schnell möglich. Denn für rund zwei Dollar fahren die "Jitneys", lokale Busse, auf festgelegten Rundrouten durchs Inselinnere. Nach gut einer Viertelstunde erfüllen sich dort Urlaubsträume. Wer am Cable Beach im 30 Grad Celsius warmen türkisblauen Wasser steht, fühlt sich schon ein wenig im Paradies angekommen. Die Karibik-Nähe sollte allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass vor allem außerhalb der Hauptreisezeit von Dezember bis April die Bahamas keine Schönwettergarantie geben. Während sich die Amerikaner bei verhangenem Himmel gern in eines der riesigen Hotelcasinos verziehen, bietet das New Providence vorgelagerte Paradise Island eine echte Schlechtwetteralternative.

Abwechslung  von Atlantis bis Bond

Dort steht das Atlantis-Resort. Den Weg dorthin wählt man am besten per Fähre. Nicht nur, weil die beiden mautpflichtigen Brücken zur Nachbarinsel atemberaubend gefährlich aussehen oder man so einen netten Blick auf Nassau hat. Lohnenswert ist die Fahrt besonders wegen der filmhistorischen Highlights, die zu bestaunen sind. Denn die Boote schippern direkt an jenem Strandhaus vorbei, das im James-Bond- Streifen "Thunderball" eine Rolle spielte. Aber auch für "Sag niemals nie" sowie "Casino Royale" wurde auf den Bahamas gedreht. Die Inseln boten eben auch in der Neuzeit immer wieder Unterschlupf für (Film-)Schurken. Mit der Annäherung vom Wasser her kann der Besucher die Gigantomanie des Atlantis-Resorts allmählich auf sich wirken lassen. Denn dort ist alles größer, exklusiver und bombastischer als anderswo auf der Welt. Nicht nur die 3500 Zimmer stehen für sich. Das gilt auch für die berühmte Brücken-Suite mit fast 500 Quadratmetern und eingerahmt von zwei Türmen. Eine einzigartigere Übernachtungsmöglichkeit lässt sich für den wohlbetuchten Gast kaum finden. Ebenso sucht das 34 Hektar große Meeresaquarium seinesgleichen. Von der Seite, vom Rand oder von langen Tunneln im Wasser aus lassen sich 200 Arten von Meeresbewohnern, die dort mit 50 000 Exemplaren vertreten sind, bewundern. Darunter auch große Haie und Rochen, ebenso Schildkröten. Solch eine Vielfalt bietet nicht einmal das wirkliche Meer rund um die Bahamas. Wer es aufregender mag, kann sich im Wasserpark von mehreren Dutzend Meter langen Rutschen stürzen, die nachgebauten Mayatempeln entspringen und durch Becken mit echten Hammerhaien führen. Delphine und Seehunde streicheln ist dagegen in der Bucht vor dem Hotel angesagt.
Vergleichbaren Trubel sucht man auf den Out-Islands vergebens, jenen anderen 14 touristisch erschlossenen Inseln des Archipels. Schwieriger zu erreichen als New Providence, bieten sie neben viel Ruhe vor allem spezialisierte Vergnügen. Ob nun Blue- Hole-Tauchen vor Long Island, Segeln vor Abaco, Naturerkundungen auf Andros, Sportfischen vor Bimini, den Möglichkeiten scheinen keine Grenzen gesetzt. Doch nur wer viel Zeit hat, wird die wahre Vielfalt der Bahamas erleben können und sicher mit Kolumbus einer Meinung sein: "Vom Land her kam der Duft von Blumen und Bäumen so köstlich und süß, dass es nichts Schöneres auf der Welt zu geben schien", meinte der große Seefahrer, nachdem er am 12. Oktober 1492 als erster Europäer seinen Fuß auf die Bahamas gesetzt hatte.
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