Im Zeitalter gepushter E-Mobilität möchte man die gerade eröffnete Motorworld München glatt für einen Anachronismus halten. Denn hier, im Norden der bayerischen Landeshauptstadt, versammelt sich alles, was zum kollektiven Feindbild all jener geworden ist, die den Verbrenner lieber heute als morgen begraben sehen möchten. Luxusautomobile und PS-Schleudern sind aber nur ein Teil des Konzeptes, das womöglich für andere der Arche Noah gleichkommen könnte.

Sportwagen statt Lokomotiven

„Am Ausbesserungswerk“ ist dabei vom Namen her eine eher wenig einladende Adresse. Und auch die Zufahrt zum Industriegebiet ist alles andere als spektakulär, wenngleich sie von der das Land durchziehenden A9 nur einen Steinwurf entfernt liegt. Ganz klar, ein alter Lockschuppen umgeben von nüchternen Betonbauten. Hier ist auf den ersten Blick nicht so viel, was einen Design-Fan in Wallung versetzen könnte. Gleichwohl, die alte Front des ehemaligen Einsenbahn-Ausbesserungswerkes wurde geschickt in moderne Architektur-Elemente überführt.
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Das hier vieles eher ungewöhnlich denn normal ist, schwant dem Besucher dann in der Tiefgarage des zum Komplex gehörigen Hotels. Dort stehen zwischen den Fahrzeugen der Gäste des Ameron zugelassene britische Supersportwagen neben deutschen und italienischen, in trauter Nachbarschaft zu wohl unbezahlbaren Oldtimern in Bestform. Der Fahrstuhl Richtung Lobby dann quittiert den Druck auf den Etagenknopf mit dem Geräusch vom Kavaliersstart eines fetten Achtzylinders. Im Empfangsbereich steht man irgendwo zwischen italienischem Boulevard und Autowerkstatt und muss erst hinausgehen, um den Gesamtkomplex zu erfassen. Wobei, hinaus bedeutet hier eigentlich hinein. Denn das Ameron wurde in den Lokschuppenkomplex gebaut. Das Gebäude im Gebäude dürfte ziemlichen Seltenheitswert haben.

25 Marken und mehr unter einem Dach

Wer dann auf der Piazza steht und einen Blick in die glasüberdachte Mall wirft, der erkennt zwar noch die alte Industriearchitektur dank der erhaltenen Stahlträger und Laufkatzen. Dazwischen aber wurde ein Einkaufsquartier installiert, das auf 45.000 Quadratmetern vor allem viele Shops bietet. Und in (fast) all denen werden - Sportwagen verkauft. Oder aber zumindest ausgestellt. McLaren, Ferrari, BWM, „Gemischtwaren“ von allem, was schnell ist und viel kostet. Auch ein Edeltuner findet sich, der aus dem teuren Auto ein noch teureres macht. Insgesamt 25 Marken sind es schlussendlich. Ob hier tatsächlich rege ge- und verkauft wird, sei einmal dahingestellt. Autofans jedenfalls bekommen jede Menge zu sehen. Auch, weil die Halle zu einem großen Teil Ausstellung ist. Offiziell wie inoffiziell. Automobile Pretiosen wie das BWM-Cabrio von Elvis, der Nissan GTR von Paul Walker oder Schumis erster WM-Benneton stehen einträchtig neben privaten Edelkarossen aller Klassen und jeden Alters. Denn deren Besitzer nutzen die vorhandenen Glascontainer, um ihre Lieblinge sicher verwahrt zu wissen. Gleichzeitig sind sie damit den Blicken der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

Renn-Idole und Design-Ideen

Zu den Raritäten gehören ganz sicher auch ein Teil der 22 Konferenz-Räume der Motorworld. Den Rennfahrern Poldi von Bayern und Strietzl Stuck wurde je einer gewidmet, ein anderer der Ralley-Ikone Walter Röhrl. Ein weiterer thematisiert die Helme zahlreicher Formel-1-Legenden von Hunt über Senna bis Rosberg. Motorsport-Fans dürften Schwierigkeiten haben, immer bei der Seminar-Sache zu bleiben. Spannender als mancher Vortrag ist sicher die original Tanke aus knatternder Vergangenheit, die als Pausendesk dient. Sie ist eben Teil des Gesamtkonzeptes, Automobil, Motor und Fortbewegung von früher bis heute zu betrachten. So gibt es an jeder Ecke etwas zu entdecken, mitunter erst auf den zweiten oder gar dritten Blick. Denn nicht nur das robuste Industrie-Design ist gewollt, sondern so vieles andere, teils Kleinigkeiten. Auch die Reifenspuren auf dem Fußboden, die nicht etwa die Putzfrau übersehen hat. Selbst die Toilette im Outfit einer Auto-Waschstraße ist nicht nur bei Notwendigkeit einen Besuch Wert.

Übernachtung wie ein Boxenstopp

Wer im Ameron eincheckt kann dann weiter in den Zimmern auf Entdeckungsreise gehen. Auf den ersten Blick ein modernes Stadthotel, finden sich überall die Auto-Anleihen, bis hin zum Reifenprofil-Kachelmuster den Bädern. Oder auf den Teppichen in den Fluren, die gewissermaßen die Pit-Lane einer Rennstrecke symbolisieren. Den Stoppover hier wie einen Boxenstopp bei der Formel-1 zu betrachten, wäre dann aber im Wortsinn zu schnell gedacht. Auch, wenn die Lage perfekt für eine Übernachtung für alle jene ist, die von nördlich des Weißwurst-Äquators Richtung Süden unterwegs sind, sollte man sich ein wenig mehr Zeit für die Location nehmen. Denn sowohl die Supersportwagen und Luxuskarossen wie auch die Oldtimer hat der Gast irgendwann exklusiv. Nicht nur beim Blick aus dem Fenster, sofern das Zimmer Richtung Innenraum liegt, sondern generell. Zwar schließt die Motorworld um 22.00 Uhr, doch vom Ameron aus kann sie immer noch betreten werden.

Mit dem geliebten Auto aufs Hotel-Zimmer

Doch es gibt noch eine Steigerungsform zu Bugatti & Co vor dem Fenster. Den Schlitten im Zimmer. Allerdings muss man seinen eigenen mitbringen. Die sogenannten Car- oder Bike-Studios kombinieren Hotelzimmer mit Garage. Wer mag, kann also sein Haupt gleich auf der Motorhaube der geliebten Karosse oder direkt daneben betten. Verrückte Idee? Sicher, aber stets gut gebucht, wie das Management bereitwillig Auskunft erteilt. Dann wäre das eigene Fortbewegungsmittel auch gleich gut untergebracht, wenn ein City-Trip geplant sein sollte. Denn mit der U-Bahn ist der Besucher in nur knapp einer Viertelstunde mitten im Münchner Zentrum. Ganz ohne Stau und nervige Parkplatzsuche. Rund um den Marienplatz allerdings sollte man nicht ausschließlich den Gaumenfreuden Bayerns erliegen. Denn im Ameron wird der Gast kulinarisch von Mamma geküsst. So jedenfalls heißt die Trattoria: „Bacio della Mamma“. Nicht der Herbergsmutter, sondern den Köchen darf während der Zubereitung durch die Glasscheiben der Showküche beim Handwerk zugeschaut werden, sofern nicht die Edelkarossen auf der anderen Seiten der bodentiefen Fenster die Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen.

Event-Arena mit Formel-1-Feeling

Doch nicht nur für Autonarren ist die Motorworld mittlerweile ein zentraler Anlaufpunkt. Gleich gegenüber befindet sich mit dem Zenith eine von Münchens angesagten Kulturhallen. Nico Santos hat dort gerade vor 10.000 Zuschauern die Post-Corona-Konzertsaison eröffnet. Aber natürlich können hier Veranstaltungen aller Genres erlebt werden. Mit dem Kesselhaus und dem Kohlebunker kommen zwei weitere Event-Location hinzu, die die Gesamtfläche der Motorworld auf knapp 75.000 Quadratmeter erhöhen. Hier finden reichlich Besucher Platz, zu denen man noch die echten Racer zählen muss. Denn in der oberen Etage des Ex-Ausbesserungswerkes ist Racing Unleashed zu finden. Das Schweizer StartUp hat sich dem professionellen E-Sport verschrieben und lädt dazu ein, die Welt der Formel 1 so realistisch wie sonst nicht zu erleben. In den echten Boliden nachempfundenen Renn-Simulatoren mit vom Design her originalen F-1-Lenkrädern, eingepresst in Carbonschalen und dank ausgeklügelter Hydraulik darf der Hobby-Pilot zumindest virtuell die Bestzeiten von Monza, Spa oder dem Nürburgring in Angriff nehmen. Nicht vergleichbar mit einem normalen Videogame. Dafür sorgen nicht nur Aussehen und Aufbau des Simulators, sondern auch die fest stehende Bremse wie im F-1-Boliden oder die Simulation der G-Kräfte beim Treten auf dieses Pedal.
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Das Auto für die Nachwelt

Bei all dem Event-Angebot kann es schonmal voll und mit den etwas über 150 Zimmern des Ameron dann eng werden. Denn alle lieben kurze Wege nach dem Vergnügen. Da man sich meist noch zu einem Absacker an der Bar trifft, wird es dort zudem bunt. Denn das Publikum verschiedenster Couleur ist, mitunter den Interessen geschuldet, dann auch am Outfit zu erkennen. Die meisten eint jedoch die Liebe zu allem, was vier Räder und einen Motor hat. Wenn der blubbernde, röhrende oder kreischende Geräusche macht, um so besser. Und so könnte die Motorworld auf lange Sicht ein Ort werden, an dem der Verbrenner eine letzte Heimstatt hat, vergleichbar einer Arche Noah, die mehr als 100 Jahre mobiler Ingenieurskunst der Nachwelt erhält.

Ameron Motorworld München