Frau Thürmer, nach 49 000 Kilometern zu Fuß — sind Sie vor einem Start noch aufgeregt?
Total. Ich habe eine Prä-Trip-Depression. Aber kaum bin ich losgelaufen, ist das nach ein, zwei Kilometern weg.
Wie sieht ein typischer Wandertag aus?
Oft weckt mich Vogelgezwitscher in meinem Zelt. Zum Frühstück gibt es ein halbes Pfund Müsli mit kaltem Wasser. In der Regel laufe ich mit den ersten Sonnenstrahlen los. Wenn mir langweilig ist oder ich schlechte Laune habe, höre ich Musik, Hörbücher und Podcasts.
Was haben Sie diesmal nach Italien mitgenommen?
Wenn ein Berg kommt, hilft Techno! Für Italien habe ich außerdem Donna-Leon-Krimis und Johann Gottfried Seumes "Spaziergang nach Syrakus" im Gepäck.
Wann machen Sie Pause?
Zum Mittagessen. In Deutschland komme ich an vielen Supermärkten vorbei. Damit ich das, was ich dort kaufe, wie Brezeln, Croissants, Schinken oder Käse, nicht tragen muss, esse ich auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt.
Und wenn es keinen Supermarkt auf der Strecke gibt?
Wie in den Bergdörfern in Italien, wo ich zur Mittagszeit dann eine Kirche ansteuere. Nicht weil ich religiös bin, sondern weil sie alles bietet, was das Wandererherz braucht: Schutz bei schlechtem Wetter und eine Steckdose, wo ich mein Handy aufladen kann. Nebenan ist außerdem ein Friedhof. Dort gibt es Wasser! Hurra! Ich lasse auch immer eine kleine Spende im Opferstock.
Wie geht es nach der Mittagspause weiter?
In der Regel laufe ich bis Sonnenuntergang. Ich bin, mit maximal drei Stundenkilometern, höchst gemütlich unterwegs. Wenn es dunkel wird, schlage ich mich in die Büsche. Dann wird das Zelt aufgebaut und noch was gekocht. In dem Moment, wo ich im Zelt die Schuhe ausziehe, ist der Tag für mich vorbei.
Ihr Leben klingt wie eine Hollywoodgeschichte: Eine Managerin schmeißt ihren Job hin und erfindet sich durch das Wandern neu.
Ich habe meinen Job nicht hingeschmissen, ich bin auch keine Aussteigerin, ich bin eine Umsteigerin. Mein Job hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht.
Was waren Sie für eine Managerin?
Mein Spezialgebiet war die Sanierung mittelständischer Produktionsbetriebe. Ich bin zweimal gekündigt worden. Wenn die Sanierung erledigt ist, muss der Sanierer gehen.
Sie haben auch Leute vor die Tür gesetzt?
Ja, einige.
Welche Ziele hatten Sie damals?
Mein Spezialgebiet war Businessplanung. Ich überlegte mir, wo soll eine Firma in fünf, in zehn Jahren stehen. Welche Ressourcen, welche Finanzen, welche Termine, welche Projekte sind dafür nötig — das wird alles sehr detailliert geplant. Dann aber ist ein Freund von mir ganz unerwartet nach einem Schlaganfall gestorben. Durch sein Schicksal ist mir mit einem Mal klar geworden, dass die wichtigste Ressource im Leben Zeit ist — und nicht Geld. Weil Zeit weder planbar noch vermehrbar ist. Und da habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich für mein eigenes Leben keinen "Businessplan" habe?
Sie waren 36, als dieser Umschwung kam.
Ich habe dann meine erste Wanderung gemacht, bin aber zurückgekommen und habe noch mal zweieinhalb Jahre gearbeitet, bis ich 40 war. Dann habe ich endgültig aufgehört.
Wie konnten Sie sich nach dem Arbeits- das Wanderleben leisten?
Ich hatte sehr gut verdient und war ressourcenbewusst. Andere Leute sagen auch geizig. Ein Hobby von mir ist Geldanlage. Ich wollte finanziell unabhängig sein. Deshalb habe ich extrem sparsam gelebt und mir ein Polster geschaffen.
Was ist beim Wandern Ihr Ziel?
Ich habe beim Wandern feste Regeln. Es gibt immer einen definierten Punkt A, an dem ich starte, und einen definierten Punkt B, an dem ich ankomme. Und die Regel dazwischen lautet: connecting footsteps — verbindende Schritte. Ich laufe diese Strecke immer durchgängig.
Beflügelt Sie die Landschaft, durch die Sie wandern?
Die schöne Landschaft ist nicht das, woran Sie sich erinnern. Die verschmilzt zu einem angenehmen Grundrauschen. Es gibt eigentlich nur zwei Sachen, an die man sich erinnert: die Begegnungen mit anderen Menschen und Situationen, die richtig scheiße waren. Wie der fünfwöchige Dauerregen, bei dem mir fast die Zehennägel abfielen. Mich bei sowas durchzubeißen, das ist mein Ziel. Das gibt mir Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und dieses tolle Gefühl der Unbesiegbarkeit.
Klingt nach Disziplin!
Total. Mir sagte neulich jemand, ich hätte etwas Militärisches.
Sie nehmen sehr wenig Gepäck mit.
Nur fünf Kilo. Ich säge sogar die Zahnbürste ab und trenne die Etiketten aus der Kleidung. Ich hab nur einen Satz Klamotten dabei. Mit dem laufe ich eine Woche lang durch die Gegend. Sie können sich vorstellen, wie das hinterher aussieht und vor allem auch riecht.
In kalten Nächten, wenn die Füße schmerzen — verfluchen Sie dann das Wandern?
Es gibt schon Situationen, da schlage ich mit Treckingstöcken auf Bäume ein und brülle die Berge an. Glücklicherweise scheinen die nicht so gut Deutsch zu verstehen. Aber ich kenne mich mittlerweile so gut beim Wandern, dass ich weiß, es ist eine temporäre Überlastung. Dann muss ich mal kurz raus: In die nächste Stadt, in eine schöne Unterkunft. In 99 Prozent aller Fälle ist die Unzufriedenheit dann wieder weg.
Wo fühlen Sie sich zu Hause?
In meinem Zelt!
Sie wohnen in Berlin in einer Plattenbauwohnung in Marzahn…
Ich bin extrem lärmempfindlich. Ich kann ohne Ohrenstöpsel nicht schlafen, außer im Wald. Wenn aber zu Hause in meiner Plattenbauwohnung ein Auto vorbeifährt, wache ich sofort auf.
Was planen Sie in den nächsten Jahren?
Erstmal weiterwandern. Ich habe noch sehr viele Touren vor mir. Außerdem habe ich ein Marketingziel. Ich möchte das Rollenmodell für die aktive Frau 50plus werden: Frauen ermutigen, sich auch mal zu trauen. Die Outdoorszene ist ja sehr männlich geprägt. Die wenigen Frauen dort haben wie die Männer einen Sixpack-Bauch, also sind durchtrainiert. Eine 50-jährige Frau denkt erst mal: Das kann ich bestimmt nicht. Aber dann komme ich: Plattfüße, X-Beine, fünf Kilo Übergewicht. Wenn ich das kann — dann könnt ihr anderen Frauen das auch!