Der Begleiter der Frau hält sie fest. „Ich kann es einfach nicht verstehen“, flüstert sie mit schmerzerfüllter Stimme, in britischem Akzent. Sie kann sich kaum auf den Beinen halten. Egal wo man hinschaut, egal welchen Raum oder welche Halle man in Yad Veshem betritt, überall trifft man auf Menschen, die von ihren Gefühlen übermannt werden. Es schmerzt, sie so zu sehen. Es schmerzt, hier zu sein.
Acht Kilometer westlich der Altstadt Jerusalems, am Berg des Gedenkens, wurde die Gedenkstätte am 19. August 1953 gegründet. Über zwei Millionen Besucher durchlaufen die Stätte jährlich. Das weitläufige Gelände in und auf dem Berg lädt zu einem gemütlichen Spaziergang ein. Der weite Blick ins Tal, das oft gute Wetter, die tolle Architektur und die grüne Natur: wunderschön. Doch die Idylle täuscht. Die Museen und Denkmäler machen den Gang durch die Vergangenheit zu einer schweren Aufgabe für jeden, der bereit ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Auf 4200 Quadratmeter, fast ausschließlich unterirdisch verlaufend, können die Besucher in eine Zeit zurückreisen, die so düster war, dass die Hoffnungen vieler Menschen im Schatten der Gräuel verschluckt wurden. Die „Halle der Erinnerung“, der „Garten der Gerechten unter den Völkern“, das „Denkmal für Kinder“, die „Halle der Namen“ oder das „Denkmal zur Erinnerung an die Deportierten“ wurden errichtet, um niemals zu vergessen, um zu erinnern und die kommenden Generationen aufzuklären – eine mentale Herausforderung.
Die Menschen, die sich entschlossen haben, hierher zu kommen, wandern schweigend und tief berührt durch die Räume. Nicht wenige brechen die Besichtigung ab. Es ist die Lebendigkeit und Echtheit dessen, was hier zu sehen ist, was viele bis tief ins Mark erschüttert. Das ist es was dieser Ort erreichen will: die Wahrheit zeigen. Die Vergangenheit so unverfälscht wie nur möglich darzustellen. Und es gelingt.
Eine Gruppe von ungefähr 25 Frauen in Uniform betritt die „Halle der Erinnerungen“. Ein flaches Dach aus Beton, mit einem kleinen Loch in der Mitte, durch das ein Lichtstrahl fällt, scheint über einem Boden aus schwarzen Granitplatten zu schweben. Mauern aus dicken Feldsteinen umrahmen das Gebilde. Nur das lodern einer Flamme ist zu vernehmen. Auf dem dunklen Grund stehen die Namen der Konzentrationslager in Europa. Die Gruppe schweigt. Es kullern Tränen. In manchen Gesichtern ist so etwas wie Wut zu erkennen.
Die Frauen der israelischen Armee ziehen weiter. Durch den „Garten der Gerechten unter den Völkern“ zum „Denkmal für Kinder“. Dunkelheit erwartet sie dort. Sie betreten den Raum behutsam und strecken ihre Hände aus, um sich durch einen schmalen, verwinkelten Gang mit meterhohen Wänden aus Glas zu tasten. Die Decke ist verspiegelt. Hinter den Scheiben flackern Kerzen in der Finsternis. Und alles was man hört, sind Namen. Namen der im Nationalsozialismus getöteten Kinder und das Wimmern der Soldatinnen, die um Fassung ringen. Es ist als wandele man im Jenseits, ganz nah bei den Kindern die damals ihr Leben ließen.
Als die Frauen die Halle verlassen, schnaufen sie durch und pausieren. Helligkeit und Ablenkung ist das was sie jetzt brauchen. Das Museum zur Geschichte des Holocaust steht noch aus.
Imposant ragt ein dreieckiges, längliches Gebilde aus Beton, mit einem Dach aus Glas, aus dem Gestein des Berges des Gedenkens. Im Inneren: das Museum. Die eindrucksvolle Architektur im modernen Stil wird schnell zur Nebensache. Durch zahlreiche düstere Gänge mit hohen Wänden schreitet man die Geschichte ab und erlebt sie lebendig und ungeschönt. Besucher aus aller Welt wandern durch unzählige Räume. Räume mit Fotografien aus den Lagern. Räume mit Gegenständen der Ermordeten.
Sie blicken auf große Informtionstafeln, beschriftet mit Daten, die eine schreckliche Zeit bis ins Detail dokumentieren. Viele Münder stehen offen. Viele blicken fassungslos an die Wände. Sie schauen auf Bilder die berühren, die wütend machen und verstören. Und bei manchen alle Dämme brechen lassen.
Ein Mann im hohen Alter liegt seiner Frau in den Armen. Sein Gesicht vergräbt er tief in seiner Hand. Beide schluchzen. Die Hälfte der Ausstellung liegt hinter den beiden. Doch bei den Betten aus dem Konzentrationslager Auschwitz bricht es aus ihnen heraus.
Es sind Gegenstände wie die Betten mit tiefen Kerben im Holz, die es so schwer machen. Gegenstände wie einWagon eines Deportationszuges, in dem tausende und mehr in den Tod gefahren wurden. Es sind die ausgewetzten Kleider, die Symbole, die Worte aus der Vergangenheit, die überall zu sehen und zu hören sind. Es sind die Zeitzeugen, die an die Wand gestrahlt werden, und zwischen den lebendigen und düsteren Museumsräumen von ihren Erfahrungen und Erinnerungen berichten. Alles in Yad Vashem ist so nah, so echt, dass einem ein Schauer über den Rücken läuft. Niemand bleibt hier unberührt.
Yad Vashem ist ein Ort an dem die Vergangenheit vergegenwärtigt wird. Er soll an all das erinnern, was nie wiederkehren darf. An das, was mit aller Kraft verhindert werden muss. Yad Vashem ist ein Denkmal, das all jenen einen Namen gibt, die ihr Leben ließen.