Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Abschied nach 48 Jahren
Kremmener Friseurin Uta Welke geht heute in Rente

Nach 48 Jahren: Uta Welke geht nach fast fünf Jahrzehnten als Friseurin in Kremmen in Rente. Sie ist traurig, dass der Abschied von den Kunden ausfallen musste. Eine Ersatzfeier soll es in ihrem geliebten Garten in Schwante geben.
Nach 48 Jahren: Uta Welke geht nach fast fünf Jahrzehnten als Friseurin in Kremmen in Rente. Sie ist traurig, dass der Abschied von den Kunden ausfallen musste. Eine Ersatzfeier soll es in ihrem geliebten Garten in Schwante geben. © Foto: Amy Walker
Amy Walker / 25.04.2020, 08:00 Uhr
Kremmen (MOZ) Im Jahre 1972, als Uta Welke gerade mal 16 Jahre alt war, wurde sie die allererste Gesellin im Friseursalon von Kurt Werder in Kremmen. Heute, 48 Jahre später, verlässt sie zum ersten Mal seit dem Tag den Kremmener Salon, um in ihre wohlverdiente Rente zu gehen.

Bei allen Veränderungen in dem Salon war Uta Welke dabei: Als Kurt Werder seine Meisterprüfung ablegte, als die Firma auf fünf Geschäfte in der Region heranwuchs, als Kurt Werder plötzlich 1990 starb, als 1995 seine Schwiegertochter Dieka Werder als Friseurmeisterin das Ruder übernahm, als Vivien Werder ebenfalls im Salon anfing und als vergangenen August Utas Nichte dort auch ihre Ausbildung begann. Die gesamte Unternehmensgeschichte hat sie erlebt. Keinen Moment hat Uta Welke verpasst – nur jetzt ist es Zeit, zu gehen.

Friseuren wird alles erzählt

"Ich war mit Leib und Seele Friseurin. Ich würde es immer wieder machen", bekundet die frische Rentnerin. In dem Garten in Schwante wirkt Uta Welke rundum glücklich, sie lacht viel und unterhält sich gerne. Eigentlich wollte sie am 30. April einen großen Ausstand feiern, zusammen mit den Kolleginnen und einigen Stammkundinnen. Wie so vieles wurden diese Pläne vom Coronavirus durchkreuzt. Das ist besonders schade, da sie sich unbedingt bei den Kunden, die sie schon seit Jahrzehnten frisiert, bedanken und verabschieden wollte. "Ich habe einige Kundinnen, die weit über 80 Jahre alt sind, oder gar schon 90. Das ist ja noch die Generation, die jede Woche zum Waschen und Föhnen in den Salon gekommen ist", erzählt Uta Welke. Einige diese Frauen kennt sie schon ihr ganzes Leben. "Neulich hat mir eine Kundin erzählt, dass sie ihren 45. Hochzeitstag feiert. Da habe ich mich erinnert: Damals habe ich ihren Schleier gesteckt", erinnert sie sich – fast ein wenig erschrocken. Dass die Zeit so schnell vorbeigerast ist, kann sie kaum glauben. Natürlich wachsen einem die Kunden dadurch über die Jahre ans Herz. "Man hat ja mit denen alles erlebt." Die beiden erwachsenen Töchter von Uta Welke scherzen heute sogar manchmal, dass ihre Mutter mehr für ihre Kunden da war als für ihre Kinder.

Uta Welke sagt auch, dass der Spruch wahr ist: Seiner Friseurin erzählt man alles. "Aber mir war das immer wichtig, dass ich das, was mir erzählt wurde, nie weitererzählt habe. Das blieb alles bei mir," versichert sie.

Als der Friseursalon wegen der Corona-Krise Mitte März schließen musste, hat Uta Welke schon vermutet, dass der geplante Abschied ausfallen würde. Für ihre langjährigen Stammkundinnen sei die Schließung des Salons erschreckend. "Ich habe eine 90-jährige Kundin, die mir gesagt hat, dass sie ja selbst zu Kriegszeiten zum Friseur gehen konnte!" Manch ein Kunde habe sie angerufen und gefragt, ob sie denn nicht ausnahmsweise kommen könne. "Der Friseur ist für viele so wichtig. Ich kenne Menschen, die würden lieber hungern, als auf den Friseur verzichten", sagt Uta Welke lachend. Ihr habe es deshalb immer so viel Spaß gemacht: Eine gute Frisur gibt vielen Menschen ihr Selbstbewusstsein. "Und jede Frisur ist ein Unikat!" Dass die Tochter ihrer jüngsten Schwester, Tabea, sich auch für den Friseurberuf entschieden hat, macht Uta Welke sehr glücklich. "Somit habe ich meinen Platz an sie weitergegeben."

Natürlich freut sich die 65-Jährige jetzt auch auf die Rente, insbesondere auf ihren Garten. Und zurecht: Der Garten hinter ihrem Haus in Schwante lädt zum langen Verweilen ein. "Als Geschenk für die Rente habe ich auch einen Gartenplaner bekommen", erzählt sie stolz. Eine Kundin habe ihr noch zum Abschied eine "Schutzimpfung" (Schnaps) für die Rente vorbeigebracht. Wenn die Corona-Zeiten wieder vorbei sind, dann kann sie auch mit ihrem Mann nach Usedom an die Ostsee fahren, wo sie noch ein Gartengrundstück haben. Und natürlich hat sie ihre vier Enkelkinder. "Ich habe viel zu tun!"

Leider sei der Friseurberuf nicht mehr so beliebt, wie er einst war. "Wir wurden auch lange schlecht bezahlt. Uns hat man vergessen", sagt Uta Welke. Doch wenn sie eine Weisheit für junge Berufseinsteiger hat, dann das: "Geld ist nicht alles. Ich hatte den besten Beruf der Welt. Die Menschen haben sich immer gefreut, mich zu sehen."

Infokasten

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf.

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel.⇥kürzel

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG