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Landwirtschaft
Süßer Nichtsnutz

Männliche Küken sitzen nebeneinander. Millionen männlicher Küken werden jährlich vergast, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich ist: Nach jahrelangem Rechtsstreit um die Brüder von künftigen Legehennen rückt eine Entscheidung näher: Geflügelzüchter und Tierschützer blicken am Donnerstag (13. Juni) mit Spannung nach Leipzig, wo die Bundesrichter ihr Urteil verkünden wollen.
Männliche Küken sitzen nebeneinander. Millionen männlicher Küken werden jährlich vergast, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich ist: Nach jahrelangem Rechtsstreit um die Brüder von künftigen Legehennen rückt eine Entscheidung näher: Geflügelzüchter und Tierschützer blicken am Donnerstag (13. Juni) mit Spannung nach Leipzig, wo die Bundesrichter ihr Urteil verkünden wollen. © Foto: dpa-ZB/Bernd Wüstneck
Mathias Puddig / 13.06.2019, 07:00 Uhr
Berlin (MOZ) Spätestens nach 72 Stunden ist Schluss. Jahr für Jahr werden in deutschen Brütereien 45 Millionen männliche Küken getötet, und zwar direkt, nachdem sie geschlüpft sind.

Meist werden sie erst vergast, dann geschreddert. Der Grund: Sie sind wirtschaftlich nutzlos. Als Hähne legen sie später keine Eier. Für die Mast setzen sie zu wenig Fleisch an, weil sie eben von Legehennen abstammen. Für Betriebe der Lebensmittelindustrie, die streng auf Effizienz getrimmt sind, sind sie deshalb nichts als ein wahnsinnig niedlich aussehender Kostenfaktor – süße Nichtsnutze.

Doch reicht das aus, um Tag für Tag tausende junger Tiere umzubringen? Damit musste sich das Bundesverwaltungsgericht beschäftigen, nachdem das Land Nordrhein-Westfalen schon 2013 die umstrittene Praxis untersagt hatte. An diesem Donnerstag wollen die Richter in Leipzig ihr Urteil verkünden – und damit voraussichtlich einen jahrelangen Rechtsstreit beenden. Eine andere Frage werden die Richter aber nicht klären können, nämlich die nach dem Verhältnis von Mensch und Tier. Der Streit übers Kükentöten ist das perfekte Symbol dafür.

Dabei steckt rein rechtlich eine ziemlich einfache Frage hinter dem Streit. Das deutsche Tierschutzgesetz verlangt: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen." Ist es ein "vernünftiger Grund", dass männliche Küken sich nicht vermarkten lassen? Zumindest das Oberverwaltungsgericht in Münster sieht das so: 2016 entschied es, dass die wirtschaftlichen Bedingungen der Brütereien das Kükentöten rechtfertigen. Tierschutz-Aktivisten widersprechen diesem Urteil natürlich.

Politiker sind für ein Verbot

Allerdings scheint die Frage politisch ohnehin entschieden zu sein. Kein führender Politiker würde es derzeit wagen, sich fürs Kükentöten stark zu machen. Selbst Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) verweist darauf, dass ihr Ministerium 6,5 Millionen Euro investiert hat, "um die Entwicklung von Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei zu fördern". Der Gedanke dahinter: Wenn schon früh klar ist, dass in dem Ei ein männliches Küken steckt, braucht es gar nicht erst ausgebrütet zu werden.

Bereits im April hatte Klöckner angekündigt, das Kükentöten zu verbieten, sobald solche Verfahren verfügbar seien – ein Weg, den sogar der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft mitgehen will. "Das Küken­schreddern ist ethisch nicht vertretbar und muss so schnell wie möglich beendet werden", findet die Ministerin. Der Deutsche Tierschutzbund findet unterdessen, dass jedes Urteil, das das Kükentöten verlängert, "ein ethischer Skandal" wäre.

Ausgerechnet Ethiker sind sich aber gar nicht so sicher. Christian Dürnberger beschäftigt sich am Messerli Forschungsinstitut in Wien mit Fragen der Mensch-Tier-Beziehung, und er sagt zuallererst: "Das muss man immer wieder gesellschaftlich aushandeln." Einerseits gebe es Philosophen wie den Australier Peter Singer, die das Interesse der Tiere, am Leben zu bleiben, über das Verlangen der Menschen nach Fleisch und Eiern stellen. Tiere aus wirtschaftlichen Gründen zu töten, ist dann prinzipiell unmoralisch.

Andere – und ihnen würden die meisten Menschen wohl intuitiv folgen – finden durchaus, dass die Tötung von Tieren zur Ernährung moralisch zu rechtfertigen ist. Hauptsache, sie findet leidens- und stressfrei statt. Zur Begründung wird der Unterschied zum Menschen herangezogen. "Tiere haben nicht dasselbe Bewusstsein über sich selbst als Individuum, und sie haben nicht dasselbe Bewusstsein über Zukunft", erklärt Dürnberger. "Tiere schmieden keine Pläne. Sie sind im Vergleich zum Menschen Gegenwartsgeschöpfe. Deswegen ist stress-, schmerz- und leidensfreies Töten kein moralischer Skandal." Wer so argumentiert, sollte mit dem Kükentöten kein Problem haben. Wer das ethisch falsch findet, müsste konsequenterweise auch auf Fleisch verzichten.

Das Unwohlsein beim Gedanken an geschredderte Küken kann jedoch auch die Ethik nicht wegdiskutieren: "Kükentöten ist das perfekte Symbol für die Schattenseiten moderner Produktionsbedingungen", sagt Dürnberger. Denn einerseits lieben die Menschen die moderne Landwirtschaft. Sie hat die Lebensmittel sicher und billig gemacht. "Sogar frühere Luxusprodukte wie Fleisch sind heute alltäglich", sagt Dürnberger. Andererseits führen Bilder aus Großställen den Verbrauchern auch vor Augen, dass Tiere "zur bloßen ökonomischen Ressource" geworden sind, dass es an Wertschätzung fürs Leben und für Nahrungsmittel fehlt.

Für all das steht das süße Küken. Aus ethischer Sicht macht es jedoch gar keinen Unterschied, ob das Tier besonders niedlich ist oder gerade erst geschlüpft. "Die Alltagsmoral gerät ins Stolpern", gibt Dürnberger zu, denn: "Wenn Tiere tatsächlich leidensfähige Gegenwartsgeschöpfe sind, dann schulden wir ihnen ein leidensfreies, gutes Leben. Wie lange dieses Leben dauert, ist nicht entscheidend."

Dass das den Verbrauchern nicht aus ihren Gewissensbissen hilft, sieht auch der Ethiker. Dürnberger fordert deshalb ethische Reflexion. "Da predige ich nicht, was richtig ist, sondern überlege mir, was für mich richtig ist, und versuche, danach irgendwie konsistent zu leben", erklärt er. "Und wenn ich diese Widersprüche nicht loswerde, dann kann ich nur immer wieder strukturiert und kritisch darüber nachdenken." Bei der Gelegenheit kann man sich dann gleich auch noch Gedanken über den eigenen Fleischkonsum machen. "Sich dabei nur auf die Tradition und auf die Kochbücher zu berufen, das ist mir zu wenig", sagt Dürnberger.

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