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Interview
Bürgermeister will 2023 im neuen Stadbad anbaden

Thomas Günther an seinem Bürgermeister-Schreibtisch, der stets aufgeräumt wirkt. Zumindest, wenn sich Besuch ankündigt.
Thomas Günther an seinem Bürgermeister-Schreibtisch, der stets aufgeräumt wirkt. Zumindest, wenn sich Besuch ankündigt. © Foto: Roland Becker
Roland Becker / 30.12.2019, 17:00 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) Auch in Hennigsdorf sind die goldenen Jahre für die Sozialdemokratie vorbei, in denen sie bei Wahlen über 40 Prozent holte. Bürgermeister Thomas Günther (SPD) spricht über Freuden und Sorgen, die ihm sein Amt in für seine Partei schwierigen Zeiten bereitet.

Herr Günther, Heiligabend oder Silvester: Was ist Ihnen lieber?

Thomas Günther: Heiligabend. Da ist es gemütlicher. Silvester ist mit mehr Trubel verbunden. Man muss sich überlegen, wo man was macht.

Am Weihnachtsbaum: elektrische oder richtige Kerzen?

Elektrische. Ich habe noch nie einen Weihnachtsbaum mit richtigen Kerzen gehabt. Sie haben einen mit echten Kerzen? Da muss man so aufpassen. Ich habe mir voriges Jahr diese drahtlosen Kerzen gekauft, die man dranknipsen kann.

Vom heutigen Tag aus: lieber zurück- oder vorausschauen?

Was erledigt ist, da mache ich schnell einen Haken dran. Es gibt ja immer wieder tolle Herausforderungen. Also immer nach vorn schauen!

Wer für die SPD seinen Job macht, schaut derzeit frustriert auf die Wahlergebnisse. Gibt es für Sie ein Rezept, damit Sozialdemokratie trotzdem noch Spaß macht?

Was mir Sorgen macht, war der lange Prozess, wieder eine Parteispitze zu bekommen. Ich hoffe, dass jetzt Ruhe und Klarheit in die Bundespartei hineinkommt. Ich schöpfe meine Kraft daraus, dass die SPD in Hennigsdorf und im Landkreis immer noch ein positives Ansehen hat. Einfach, weil sie seit 1990 einen Großteil der Verbesserungen initiiert und verantwortet hat. Das merken die Menschen. Das Entscheidende ist, dass man Politik mit dem Gesicht zum Menschen macht. Mit diesem Grundsatz kann man auch durch schlechte Zeiten gehen. Wenn man auf Augenhöhe mit den Menschen ist, kann man auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Das ist der Punkt: Wenn die Leute einen nicht mehr verstehen, dann sehen wir eine Entwicklung wie die, die wir jetzt haben.

Was meinen Sie mit "der Entwicklung, die wir jetzt haben"?

Dass auf Bundesebene eine Wahl nach der anderen verloren geht und man schon 20 Prozent als Riesenerfolg feiern würde. Ich glaube aber, dass sich die Politiklandschaft dauerhaft ausdifferenzieren wird. Es wird kaum mehr eine Partei geben, die regelmäßig über 30 Prozent kommt.

Bei der Wahl zum Hennigsdorfer Stadtparlament wurde die AfD zweitstärkste Kraft. Wie haben Sie diese Fraktion bisher wahrgenommen?

Eher als unauffällig. Sie ist bisher nicht mit Polemik oder besonderer Unsachlichkeit aufgetreten. Sie hat zuletzt versucht, das Thema Ausländer, das sie sich ans Revers geheftet hat, in allen Facetten zu spielen. Die AfD steht vor der Situation, entscheiden zu müssen: Polemik oder Pragmatik?

Eine der jüngsten AfD-Anfragen im Parlament bezog sich auf das Vorhaben der Hennigsdorfer SPD, darauf einzuwirken, dass Asylbewerber auf den gesamten Landkreis verteilt werden. Jetzt schließt der Kreis die Kremmener Unterkunft, Hennigsdorf bekommt einen Block mehr.

Wir bekommen ja nicht einen Block mehr. Das Asylbewerberheim hat sechs Häuser. Die sind alle baurechtlich dafür gesichert. Der Landkreis kann die alle nutzen. Insofern umfasst eine 100-prozentige Kapazität alle sechs Häuser.

Aber jetzt sind diese nicht zu 100 Prozent belegt.

Eines ist nicht belegt. Der Landkreis schöpft einfach seine Kapazitäten am hiesigen Standort aus. Man muss das aus der Sicht von 2015 bedenken, als es nur den Standort Hennigsdorf gab: Jetzt gibt es eine ganze Reihe. Falls es in Zukunft wieder einmal um Kapazitätserweiterungen gehen sollte, gehe ich davon aus, dass auch die anderen Kommunen ihren Anteil tragen sollen.

Die SPD wollte aber auf Dauer eine gerechte Verteilung.

Das muss weiter das Ziel sein. Aber der Landkreis hat hier Kapazitäten, die er nutzt. Wir machen eine Menge in Sachen Integration. Aber das Schwierigste ist, diese Menschen in Arbeit zu bringen. Es wäre schön, wenn der Landkreis als Träger des Jobcenters mehr dahin orientieren würde, dass Flüchtlinge die Chance auf Arbeit bekommen.

Seit der Neuwahl wird im Stadtparlament deutlich mehr diskutiert. Hat sich das Klima dort verändert?

Ich mag kontroverse Diskussionen. Davon gibt es jetzt mehr. Solange die fair sind, finde ich das in Ordnung. Viele neue, motivierte Mitglieder versuchen, sich inhaltlich zu profilieren. Ich merke aber: Alle haben das im Auge, was für die Stadt machbar und finanziell leistbar ist. Das ist das Entscheidende.

Apropos machbar: Wann werden Sie das erste Mal im neuen Stadtbad schwimmen?

Ich wünsche mir sehr, dass ich 2023 anbaden kann. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das ist übrigens die Frage, die mir in diesem Jahr die Hennigsdorfer am häufigsten gestellt haben: Schaffen wir es, ein Bad zu bauen? Mit dem Vorentwurf ist festgelegt, wie das Bad grundsätzlich aussehen, was es beinhalten soll. Jetzt wird am Entwurf gearbeitet. Da geht es um Details wie Auswahl der Materialien und farblicher Entwurf, und natürlich um die technische Ausstattung. Dieser Entwurf soll im Januar vorgestellt werden und beinhaltet eine Kostenberechnung. Darauf kommt es jetzt an: Bleibt es beim Kostenrahmen von 25 Millionen Euro? Wir haben ausgemacht, sofort mitzuteilen, wenn es Anzeichen gibt, dass es teurer wird. Im Moment ist das nicht der Fall. Der kritische Punkt wird im zweiten Halbjahr 2020 erreicht, wenn die Ausschreibungen laufen. Dann sieht man anhand der Angebote, ob man die Kosten einhält.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie sicher ist für Sie der Bau des Bades?

Ich sage da mal: Sieben ist eine schöne Zahl.

Eine Zahl, die aber auch eine leichte Skepsis beinhaltet.

Ja.

Die  nächste Baustelle: Was wird sich im Alten Gymnasium 2020 tun?

2020 wird ein Zwischenjahr. Da wir nicht Tesla sind, schaffen wir die Sanierung nicht in einem Jahr. Ich bin im Moment ausgesprochen optimistisch. Unser Förderantrag ist in Potsdam abgegeben. Es gibt von beiden beteiligten Ministerien positive Stellungnahmen. Ich gehe davon, dass in den nächsten Tagen die Entscheidung zu den Fördermitteln fällt.

Kommen wir zum Aufreger Fernwärme-Preis der Stadtwerke. Weshalb ist es Ihnen so schwergefallen, die vom Stadtparlament beschlossene eine Million Euro zur Abmilderung der Preissteigerung zu geben?

Das hat zwei Gründe, abgesehen von der Prüfung der rechtlichen Situation. Gerade wenn es um Millionenforderungen geht, sehe ich es als meine Aufgabe, skeptisch und zurückhaltend zu sein. Wir haben bislang ein gutes Prinzip gepflegt: über die Preisgestaltung eine Kostendeckung anzustreben. Jetzt haben wir die Sondersituation, dass wir im Bereich erneuerbarer Energien sehr weit vorgeprescht sind. Ich kenne keine andere Kommune deutschlandweit, die 80 Prozent ihrer Fernwärme aus regenerativen Energien bezieht. Das erfordert eine Refinanzierung dieser Investitionen. Jetzt haben wir die besondere Situation, dass wir in der Tat hohe Fernwärmepreise haben, die nun nochmal etwas höher ausfallen.

Etwas?

Ja.

Preissteigerung von im Durchschnitt 13 Prozent, in Ausnahmen bis 40 Prozent sind schon sehr extrem.

Streichen Sie das Wort etwas. Aber das alles vor dem Hintergrund, dass die fossilen Energieträger noch günstig sind. Jetzt hat man sich auf Bundesebene geeinigt, mit 25 Euro pro Tonne in die CO2-Besteuerung einzusteigen. Ab 2021 werden die fossilen Brennstoffe deutlich teurer. Zu versuchen, diese bis dahin bei uns existierende finanzielle Lücke zu schließen, will ich gern probieren. Aber eins ist klar: Das muss eine Ausnahme bleiben.

Man kann auch sagen: Der Weg zur Klimaneutralität ist eine Aufgabe der Stadt, die wir nicht allein dem Bürger überlassen wollen. Da packen wir Geld rein.

Möglicherweise muss man künftige Investitionen im Rahmen unseres Klimaschutzkonzepts von Beginn an finanziell unterstützen. Die Stadt kann nicht die Preise stützen. Ich kann nur sagen, dass sich die Stadt an den Investitionen beteiligt. Wenn wir uns über mehr Maßnahmen zum Klimaschutz Gedanken machen, was ich für notwendig halte, müssen wir uns über Investitionen und die Folgekosten unterhalten, bevor wir anfangen.

Der Wohnungsbau wird die Stadt weiter beschäftigen. Kann Hennigsdorf das Problem bewältigen?

Bewältigen heißt ja: Ich mache etwas, und dann ist das Problem gelöst. Das wird bei dem Druck aus Berlin und bei unserer Lage nicht möglich sein. Hennigsdorf muss eine liebenswerte Kleinstadt mit viel Grün am Rande der Hauptstadt bleiben. Deshalb: Verdichtung muss Grenzen haben. Ich glaube, dass wir künftig auf Lückenschließungen, Eckbebauung und aufs Bebauen von Brachen setzen. Wir haben keine riesigen Flächen, wo Hunderte Wohnungen entstehen können. Wohnungsbau im großen Stil wie zu DDR-Zeiten, als Wald gerodet wurde, so einfach können und wollen wir es uns nicht machen. Das ist heute undenkbar.

Als ich Sie in diesem Jahr zu Ihren Visionen im ÖPNV fragte, äußerten Sie sich sehr vorsichtig. Bleiben wir beim Notwendigen: Was muss 2020 angepackt werden?

Da sehe ich zwei Dinge. 2020 wird sich das Gewerbegebiet in Nord weiterentwickeln. Das bringt neue Arbeitskräfte, die dorthin eine Verbindung brauchen. Bisher gibt es über die verlängerte Fabrikstraße keine Anbindung. Das ist die He­rausforderung für 2020 und sicher auch noch für die folgenden Jahre: dort eine Mobilität zu organisieren, wie immer die auch aussehen wird. Es gibt ja nicht nur den klassischen Busverkehr.

Was schwebt Ihnen da vor?

Zusammen mit dem Klimakompetenzzentrum soll ein E-Mobilitätskonzept entwickelt werden. Da ist die Frage, inwieweit es so etwas wie Ausleihstationen geben kann, zum Beispiel für E-Bikes.  Das Allerbeste wäre ein Shuttle als Gemeinschaftsprodukt, an dem sich Firmen beteiligen. Der andere Punkt zum ÖPNV ist das Konzept, den 809er-Bus vom Friedhof aus über die Wald- und Marwitzer Straße in die Fontanesiedlung und nach Nord zu führen. Wir werden im Rahmen des Kreis-Nahverkehrsplans darauf drängen, dass die Linie öfter als im Stundentakt fährt.

Was tut sich denn im Gewerbegebiet Nord hinsichtlich Ansiedlungen?

2019 haben die Stadtverordneten drei Verkäufe beschlossen. Zwei Unternehmen kommen aus der Metallbranche, eins aus dem IT-Bereich. Das kann insgesamt rund 90 neue Arbeitsplätze bringen.

2020: Was wünscht sich der Bürgermeister?

Ich wünsche mir bei dem, was wir 2019 an Vandalismus hatten, mehr gegenseitige Wertschätzung. Für die Menschen untereinander, aber auch für all das, was mit öffentlichem Geld geschaffen wurde.

Sie rauchen nicht, trinken wenig Alkohol. Gibt es da noch etwas, was Sie sich vornehmen können?

(lacht) Ich habe mir vorgenommen, öfter mal laufen zu gehen. Beim letzten Citylauf ist meine Zeit nicht besser geworden. Auch sonst merke ich, wie körperlich anstrengend mein Beruf sein kann. Weihnachtsfeiern können absehbare körperliche Folgen haben.

Seit fast zwei Jahrenim Amt

Der heutige ist für Thomas Günther der 694. Tag seiner Amtszeit als Bürgermeister von Hennigsdorf. Am 5. Februar 2018 hatte er im Rathaus unter Beisein seines Vorgängers Andreas Schulz (SPD) den Amtseid abgelegt. Die Hennigsdorfer hatten Günther am 24. September 2017 mit viel Vorschusslorbeeren bedacht. Bereits im ersten Wahlgang konnte er mit 60, Prozent klar die absolute Mehrheit erringen. Damit distanzierte er die zahlenmäßig schwache Konkurrenz. Dr. Dietmar Buchberger (AfD) erzielte 21,7 Prozent, Ursel Degner (Die Linke) brachte es auf 17,5 Prozent.

Anfangs hatte mancher Zweifel, ob Schulzes Fußstapfen nach fast 28 Jahren nicht zu groß seien für den bisherigen Landtagsabgeordneten. Nach fast zwei Jahren im Amt heißt es im Rathaus: Er sei in der Lage, klar die Richtung anzugeben. Dabei pflege er einen offenen und sachlichen Stil.⇥rol

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