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Waldbrände in Australien
Apokalypse in Down Under - australische und deutsche Schicksale

Jacqueline Westermann / 20.01.2020, 08:33 Uhr - Aktualisiert 20.01.2020, 19:15
Canberra (MOZ) Es kann jeden Tag soweit sein. Das hat die Hebamme Renee Jones zu verstehen gegeben. Ausgerechnet zu der Zeit, in der in Australiens Hauptstadt dicke Luft herrscht, soll ihr Kind auf die Welt kommen. Canberra führte zuletzt tagelang die Übersicht der Städte mit der schlechtesten Luftqualität der Welt an. "Seit Wochen liegt eine dicke Rauch-Decke über der Stadt, verursacht durch die zahlreichen Buschfeuer im Umfeld. Wann ich das letzte Mal blauen Himmel gesehen habe, weiß ich nicht. Ich sitze eigentlich nur im Haus", sagt die werdende Mutter. Dabei hat die 30-Jährige noch Glück. Weil sie schon im Mutterschutz ist, muss sie nicht die giftige Luft auf dem Weg zur Arbeit atmen. "Wenn ich das Haus doch einmal verlassen muss, trage ich eine P2-Maske, die mir Freunde besorgt haben. Hier waren sie überall ausverkauft", berichtet Jones. P2-Masken sind Atemschutzmasken mit einem Partikelfilter.

Die Luftverschmutzung Canberras mit seinen knapp 400 000 Einwohnern ist schlimmer als im indischen Delhi oder Shenyang in China, den beiden Städten, die regelmäßig die Statistik der schlechtesten Luftqualität anführen. Eine interaktive Online-Karte gibt Aufschluss über die Luftverschmutzung hunderter Städte weltweit. Der Luftqualitätsindex (Air Quality Index, AQI) basiert auf Luftpartikelmessungen, die von offiziellen Behörden abgefragt und in einen Skalen-Wert von 0 bis 500 umgerechnet werden. Unterteilt sind die Kategorien in "Gut" (0-50), "mäßig" (51-100), "ungesund für sensible Gruppen" (101-150), "ungesund" (151-200), "sehr ungesund" (201-300) und "gefährlich" (301-500). Die Luft in Canberra überschreitet den Wert "gefährlich" an einigen Tagen im Januar bis zu dreißigfach.

Vom Feuer eingeschlossen

Katja Theodorakis geht es ähnlich wie Renee Jones. Die Deutsche lebt seit 13 Jahren in Australien und seit 2017 mit ihren Kindern in Canberra. Im Moment muss sie sich und sogar ihrem Hund vor dem Gassigehen Atemschutzmasken umlegen. "Am schlimmsten waren aber Silvester und die letzten beiden Wochenenden", erzählt sie. Zum Jahresausklang erwartete sie ihre Kinder zurück, die im zweieinhalb Stunden entfernten Moruya Heads an der Südküste campen waren. Plötzlich erreichte sie jedoch die Nachricht, dass die Kinder festsaßen – wie so viele, die die Zeit zwischen den Jahren an dem beliebten Küstenabschnitt verbrachten. Die Feuer hatten die Region eingeschlossen. "Die Feuerwehr befahl, dass die Zelte am Campingplatz abgebaut werden mussten", berichtet Theodorakis. Ihre Kinder warnten sie vor, dass es zu Stromausfall kommen könne und auch Telefonleitungen schon Opfer der Flammen geworden waren. "Ob wir in Kontakt bleiben könnten, war nicht sicher." Dazu kam, dass die Treibstoffversorgung zusammenbrach. An den Tankstellen gab es nicht mehr genug Benzin für alle, die die Gegend verlassen wollten. Erst am 2. Januar dann die Entwarnung: Die Kinder ergatterten Benzin und machten sich um drei Uhr morgens auf den Weg.

Doch die Gefahr war nicht gebannt, denn die Temperaturen stiegen weiter und der Wind nahm zu. Die Regierung des Bundesstaats rief Alarmbereitschaft aus, behielt sich eine Erweiterung zum Notstand vor. Menschen, die in der Nähe des Buschs lebten, sollten einen Evakuierungsplan vorbereiten. Katja Theodorakis erzählt: "Dadurch, dass Canberra von Feuern umzingelt war, konnten wir nicht in eine andere Stadt fahren und in einem sicheren Gebäude oder einer Shopping-Mall mit Sprinkleranlage unterkommen." Trotzdem packten sie die wichtigsten Dokumente, Pässe, Versicherungsscheine, aber auch Fotos und natürlich die Haustiere. Den Auflagen gemäß füllten Sie auch Wasser ab und packten Vorräte für zwei Tage ein. "In Haus und Garten mussten wir trockene und entflammbare Gegenstände entfernen, alles mit dem Gartenschlauch einnässen, um eine mögliche Ausbreitung des Feuers zu erschweren", berichtet die Deutsche.

Nie so heiß wie 2019

Die Feuersaison beginnt in Australien normalerweise im Sommer. 2019 begann sie schon mitten im Frühling. Laut offizieller Statistiken des australischen Wetterdienstes war 2019 das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Seit Jahren wird bereits vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Im letzten Jahr appellierten Vertreter der Feuerwehren und des Katastrophenschutzes an die australische Regierung, diesen anzuerkennen und die Einsatzbereitschaft der zuständigen Behörden zu gewährleisten. Der Wirtschaftsprofessor Ross Garnaut warnte schon 2008 in einem unabhängigen Bericht, der von der damaligen Regierung in Auftrag gegeben wurde: Die Buschfeuersaison beginne immer früher, dauere länger und falle immer intensiver aus. 2020, so schrieb Garnaut vor zwölf Jahren, werde dies spätestens direkt wahrzunehmen sein.

Das können mittlerweile Tausende Menschen bestätigen. In Mallacoota am östlichsten Rand des Bundesstaates Victoria verdunkelte sich der Himmel mitten am Tag: erst dunkelrot, dann  nachtschwarz. Die Feuerwand rückte näher. 4000 Menschen flohen aus ihren Häusern und versammelten sich mit Sack und Pack am Strand. Die Ansage der Feuerwehr: Wenn die Sirene ertönt, müssten sie ins Meer. Im Zweifelsfall unter Wasser. Soldaten der Kriegsschiffe MV Sycamore und HMAS Choules retteten dort über 1000 Einwohner und Touristen vom Strand.

Flucht nach Sydney

Die mittlerweile mobilisierten Soldaten unterstützen die Berufs- und freiwilligen Feuerwehren, die seit Monaten im Dauereinsatz gegen die Flammen sind. Viele Freiwillige haben ihre regulären Jobs aufgegeben. Arbeitssuchende verpassen durch ihre Beteiligung an der Brandbekämpfung Pflichttermine beim Arbeits- oder Sozialamt und verlieren dadurch Leistungen. Nach heftigen Protesten der Bevölkerung gab Premierminister Scott Morrison schließlich dem öffentlichen Druck nach und Gelder für die Betroffenen frei.

Andrew Greene berichtet über die Unterstützung der Streitkräfte für die ABC, dem australischen Pendant der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland. Zuletzt begleitete er Verteidigungsministerin Linda Reynolds und Generalstabschef General Angus Campbell auf Australiens größtes Kriegsschiff, HMAS Adelaide, das momentan in der Katastrophenhilfe vor der südlichen Küste von New South Wales (NSW) eingesetzt wird. Greene lebt sonst auch in Canberra, seit 30 Jahren schon. „2003 gab es ein besonders heftiges Feuer in Canberra, mit zahlreichen Toten. Ich kenne einige, die damals ihre Häuser verloren haben. Zu der Zeit lebte ich selbst im Ausland, sodass ich verschont blieb. Aber dieser Sommer scheint mit Abstand die schlimmste Feuersaison zu sein“, sagt er. Als der Rauch in der Hauptstadt besonders extrem wurde, flüchtete der 36-Jährige für einige Tage nach Sydney.

In der Hauptstadt des Bundesstaates NSW war die Luftverschmutzung nicht so schlimm wie in Canberra. Doch auch hier war der Himmel tagelang wolkenverhangen, fast wie ein Sandsturm sah es aus. Die 28-jährige Madeleine lebt auch in Sydney. Sie schätzt sich extrem glücklich, dass sie von den Feuern nicht direkt betroffen ist. „Kurz vor Weihnachten lief ich zu Fuß von der Arbeit nach Hause, die Luft war rauchgeschwängert. Als ich nach 30 Minuten zu Hause ankam, kratzte mein Rachen und meine Augen schmerzten. Ich habe mich fast schmutzig gefühlt. Meine Anziehsachen rochen intensiv nach Rauch und selbst nach dem Duschen fühlte es sich an, als sei eine Dunstschicht auf meiner Haut.“ Wie es sein muss, dieser Situation tagtäglich ausgesetzt zu sein, mag sie sich gar nicht vorstellen.

Internationale Solidarität und Unterstützung

Je mehr traurige Details der Buschfeuerkatastrophe bekannt werden, desto größer ist die internationale Anteilnahme. Das Nachbarland Neuseeland, wo der Ascherauch Gletscherschnee karamell-braun färbte, schickte Feuerwehrleute. Papua New Guinea sendete 100 Militär-Ingenieure. Aus aller Welt kommen Solidaritätsbekundungen. Sogar aus Polen: In Warschau wurde eine überdimensionale australische Flagge bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Publikum ausgebreitet.

Zahlreiche Spendenaufrufe in den sozialen Netzwerken, oft initiiert durch Prominente, bitten um Unterstützung. Die zahlreichen Freiwilligen, aber auch Betroffene, die alles verloren haben, die ländlichen Feuerwehren, aber auch Pflegestationen für Wildtiere sollen unterstützt werden. Dabei scheint jedes Mittel recht: Model und Influencerin Kaylen Ward versprach allen, die wenigstens zehn US-Dollar spenden, Nacktfotos von sich zu schicken. Sie hat so etwa eine Million Dollar mobilisiert.

Besondere Umstände erfordern eben besondere Maßnahmen. Denn Buschfeuer sind in Australien zwar keine Seltenheit, aber so extrem haben es weder die schwangere Renee Jones, noch die deutsche Auswanderin Katja Theodorakis jemals erlebt. Letztere schrieb dieser Tage eine Nachricht über Twitter: "Gerade erfahre ich, dass sich zwei riesige Feuer in den Snowy Mountains zu einem Mega-Feuer zusammengeschlossen haben." Die Snowy Mountains, das höchste Gebirge Australiens, liegen 200 Kilometer südlich von Canberra. Alleine das Feuer dort sei dreimal so groß wie das Saarland.

Fakten und Zahlen

Seit Oktober 2019 sind 29 Menschen in den Feuern umgekommen, davon 21 im Bundesstaat New South Wales. Unter den Toten sind sieben freiwillige Feuerwehrmänner. In Canberra starb eine ältere Frau an Atemnot, als sie aus einem Flugzeug stieg und die rauchige Luft einatmete, wie die Lokalzeitung "The New Daily" berichtete.

Über 11,8 Millionen Hektar Landfläche sind verbrannt oder stehen noch in Flammen stehen. Über 2000 Häuser wurden bisher zerstört. Von Kangaroo Island ist die Hälfte verbrannt. Die dem Bundesstaat South Australia vorgelagerte Insel ist nicht, wie der Name vermuten lässt, vor allem für die springenden Beuteltiere bekannt, sondern für seine zirka 50 000 Koalas. Experten befürchten, dass über die Hälfte dieser Population in den Flammen umgekommen ist.

Schätzungen des Ökologen Professor Chris Dickman von der Universität Sydney zu Folge sind landesweit insgesamt über eine Milliarde Tiere in den Feuern verendete; Käfer oder ähnliche Kleinstlebewesen nicht mitgerechnet. Wissenschaftler fürchten, dass ganze Spezies verloren gegangen sind. Eine genaue Analyse sei aber erst nach der Krise möglich, wenn die verbrannten Gebiete genauer erforscht werden könnten.

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