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Ab Herbst 2005 verhandelte das Landgericht Cottbus den Fall des verhungerten Dennis - erster Teil unserer Serie

Spektakuläre Kriminalfälle
Tot in der Kühltruhe

Gemeinsam auf der Anklagebank: Das Ehepaar Falk und Angelika B. sitzt am 20. Februar 2006 nach der Urteilsverkündung im Prozess um seinen toten Sohn Dennis im Landgericht Cottbus.
Gemeinsam auf der Anklagebank: Das Ehepaar Falk und Angelika B. sitzt am 20. Februar 2006 nach der Urteilsverkündung im Prozess um seinen toten Sohn Dennis im Landgericht Cottbus. © Foto: dpa/Patrick Pleul
Harriet Stürmer / 20.09.2018, 09:30 Uhr - Aktualisiert 19.09.2018, 19:03
Cottbus (MOZ) Die vier Landgerichte in Brandenburg feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen – und blicken dabei auch auf zahlreiche spektakuläre Kriminalprozesse zurück. Einige dieser unvergessenen Fälle rollen wir in einer Serie noch mal auf. Heute: der Fall Dennis.

Es sollte einer dieser Prozesstage werden, die den Beteiligten alles abverlangen. Staatsanwalt Tobias Pinder hatte eine Tiefkühltruhe in den Gerichtssaal bringen lassen – leer und recht klein. Sie soll ihm als wichtiges Beweisstück dienen. Pinder streift sich Handschuhe über und hebt den Deckel. Ein stechender Gestank durchströmt den Saal – nach und nach zieht der Verwesungsgeruch bis in die letzte Reihe im Zuschauerraum. Die Protokollantin öffnet eilig die Fenster. Die Kammer unterbricht die Verhandlung, zieht sich zurück, ebenso Verteidiger und Zuschauer.

Zweieinhalb Jahre lang lag die Leiche des kleinen Dennis in ebenjener Tiefkühltruhe. Angelika B. hatte sie nach dem Tod ihres damals sechsjährigen Jungen in die Truhe in der Küche gepfercht. Dass das Kind in den engen Eisschrank hineinpasste, ist eigentlich nicht vorstellbar. Die Rechtsmediziner schlossen später aus den mumifizierten Resten auf Unterernährung; ein gesunder Junge wäre viel zu groß gewesen. Zum Zeitpunkt seines Todes wog Dennis gerade mal fünf Kilo. Er ist verhungert, zu Hause in einem Plattenbau in Cottbus, unter den Augen seiner eigenen Eltern. Das war vermutlich am 20. Dezember 2001.

Im November 2005 beginnt der Prozess gegen Angelika und Falk B., damals 44 und 38 Jahre alt. Die Mutter erklärt vor Gericht, sie habe den langsam verfallenden Jungen nicht zum Arzt gebracht, weil es „ein Horror“ für sie gewesen sei, in Wartezimmern herumzusitzen. Ärzte hätten bei ihr eine Platzangst festgestellt, heißt es. Die Frage, warum sie nicht ihren Mann mit dem Kind zum Arzt geschickt hat, stellen die Richter nicht.

Einige Jahre später wird Angelika B. einem Reporter bei einem Gespräch in ihrer Gefängniszelle sagen: „Allein war ich überfordert.“ Ihr Mann sei ihr nie eine Hilfe gewesen. Sein Leben habe aus Arbeit, Alkohol und Kumpels bestanden. Und auch sie habe ihre Sorgen im Alkohol ertränken wollen. Den Kontakt zu ihm habe sie nach dem Prozess abgebrochen.

Zwischen 1981 und 1999 hat Angelika B. elf Kinder geboren. Das erste gab sie zur Adoption frei, Nummer zwei, drei und vier kamen vorübergehend ins Heim, fünf und sechs wurden ebenfalls adoptiert. Dennis war das siebte Kind. Ihn ließ die Mutter nach der Geburt 1995 anderthalb Jahre im Heim. Im selben Jahr stürzte sie (sich?) betrunken vom dritten Stock in die Tiefe und überlebte schwer verletzt – schwanger mit Kind Nummer acht.

1997 verlässt Dennis die Kita und magert immer weiter ab. Mitte 2000 wiegt er mit fünfeinhalb Jahren nur noch sieben Kilo. Er darf die Wohnung nicht mehr verlassen. Die Eltern, davon ist das Gericht überzeugt, wollen den ausgezehrten Jungen vor der Öffentlichkeit verstecken.

Zu Dennis sei die Bindung nicht so wie zu den anderen Kindern gewesen, sagt Angelika B. Ließ sie ihr ungeliebtes Kind deshalb sterben? Zu essen gab es im Haushalt genug. Die Familie lebte von Sozialleistungen. Wenn der Kühlschrank leer war, beantragte man Lebensmittelgutscheine beim Sozialamt. Dann kam eine Mitarbeiterin und kontrollierte, ob der Kühlschrank wirklich leer war. Warum sie nicht auch mal in die Kühltruhe guckte, wollen die Richter nicht wissen. An den Kindern sei ihr jedenfalls nichts aufgefallen, sagt die Zeugin vor Gericht.

Als Dennis im Jahr 2002 mit einem Jahr Verspätung eingeschult werden soll, erzählt die Mutter dem Schulamt, ihr Sohn werde wegen Diabetes in der Berliner Charité behandelt. Er müsse dort über lange Zeit bleiben. Man glaubt ihr. Der Junge ist damals ein halbes Jahr tot. Ihrem Mann erzählt Angelika B. dieselbe Geschichte. Falk B. glaubt ihr wohl auch. Jedenfalls hakt er nicht weiter nach.

Es dauert lange, bis sich das Sozialamt in die Spur setzt. Irgendwann informiert eine Mitarbeiterin das Jugendamt, von dort aus wird die Polizei verständigt. Am 21. Juni 2004 durchsuchen die Beamten die Wohnung, in der Falk und Angelika B. mit den jetzt noch sieben Kindern leben – und finden Dennis in der Kühltruhe. „Es roch nach Urin und Exkrementen. Ich musste das Fenster aufmachen, weil es so unerträglich war“, berichtet eine Polizistin im Prozess. Die Kammer lässt ein Video abspielen, das nicht nur die verdreckte Wohnung zeigt, sondern auch die Kühltruhe mit geöffnetem Deckel. Für einen kurzen Moment ist der Kopf des toten Dennis zu sehen – ein Bild, das sich tief einbrennt und die ganze Grausamkeit des Falls offenbart.

Dennis habe nicht essen wollen, verteidigt sich Angelika B. vor Gericht. Die Richter widersprechen ihr: Dennis sei gestorben, weil seine Eltern es zuließen, dass sich der Junge zu Tode hungert.

Im Februar 2006 verurteilt das Landgericht Cottbus die Eltern zu lebenslanger Haft wegen Mordes. Einen Monat später hebt der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Der Junge habe nach jahrelanger Unterernährung keine Hungergefühle mehr geäußert, begründen die Richter ihre Entscheidung, dass es sich nicht um Mord gehandelt habe. Dennis habe keine Schmerzen mehr gehabt – auch deswegen könne man nicht ausdrücklich von Grausamkeit der Eltern sprechen. Zudem hätten sie Dennis nie Nahrung verweigert, sondern vielmehr in Kauf genommen, dass der Junge nicht mehr isst.

Anderthalb Jahre später verkündet das Landgericht das neue Strafmaß zur vorangegangenen Verurteilung wegen nunmehr Totschlags. Bislang waren Angelika und Falk B. auf freiem Fuß geblieben. Nun muss sie für 13 Jahre in Haft, ihr Mann für elf. Falk B. tritt seine Haft in der Justizvollzugsanstalt Cottbus-Dissenchen an, Angelika B. kommt in die JVA Luckau-Duben.

Nächste Woche lesen Sie eine Rückschau auf den Prozess gegen den Brandenburger Ex-Minister Wolf wegen versuchter Anstiftung zum Mord an seiner Ehefrau.

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