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Vor 13 Jahren wurde der XY-Bande wegen diverser Mafia-Delikte der Prozess gemacht

XY-Bande
Der Pate von Neuruppin

Vom Würstchenverkäufer zum Drogenbaron: Olaf K. am 12. September 2006, dem Tag der Urteilsverkündung im Prozess gegen die XY-Bande vor dem Landgericht Neuruppin
Vom Würstchenverkäufer zum Drogenbaron: Olaf K. am 12. September 2006, dem Tag der Urteilsverkündung im Prozess gegen die XY-Bande vor dem Landgericht Neuruppin © Foto: dpa/Michael Kappeler
Mathias Hausding / 11.10.2018, 10:00 Uhr
Neuruppin (MOZ) Die vier Landgerichte in Brandenburg feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen – und blicken dabei auch auf zahlreiche spektakuläre Kriminalfälle zurück. Einige dieser unvergessenen Verfahren rollen wir in einer Serie noch mal auf. Heute: der Prozess gegen die XY-Bande.

Bis zur letzten Minute haben es die Verteidiger mit immer neuen Anträgen zu verhindern versucht, dann kam er doch: der Kronzeuge. Personenschützer des Landeskriminalamts führten ihn am 30. Mai 2005 in den Verhandlungssaal am Landgericht Neuruppin. Mario L., damals 38 Jahre alt, Drogendealer, bereits zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Teil jener Bande war, gegen deren Anführer er nun aussagen sollte.

In der U-Haft hatte er sich dazu entschieden, mit den Behörden zu kooperieren und dafür im Gegenzug höchstens zehn Jahre zu bekommen. Unter dem Strich kein guter Deal für ihn. Denn weil sich die Staatsanwaltschaft mit ihrer Anklage gegen die Anführer in einigen Punkten nicht durchsetzen konnte, wurden später sogar dem Bandenboss rund zehn Jahre Haft für ein Geständnis angeboten. Er lehnte ab, räumte in dem fast anderthalb Jahre dauernden Verfahren nur das ein, was die Ermittler schon wussten.

Deshalb war Mario L. so wichtig. Der Kronzeuge erzählte also, dass seine Kneipe gerade nicht so gut lief, als Olaf K. ihn im Frühjahr 2001 bat, aus Holland kommendes Kokain zu lagern, zu strecken und in kleine Portionen zu pressen. 1500 Euro pro Monat sollte er für den Dienst erhalten. Von seiner Wohnung in Neustadt (Dosse) lieferte er die Ware in eine Neuruppiner Bar, versteckte sie hinter einem Spülkasten in der Damentoilette. Ein Jahr lang lief das so, jeden Monat kam eine Lieferung. Insgesamt rund elf Kilogramm Kokain gingen durch die Hände von Mario L., dazu 20 000 Ecstasy-Pillen und fünf Kilo Gras. Mengen, die Olaf K. vehement bestritten hatte.

Laut Staatsanwaltschaft hat die XY-Bande mit dem Drogenhandel 1,4 Millionen und mit illegalem Glücksspiel eine Million Euro verdient. Hohe Einnahmen wurden auch mit Prostitution erzielt, natürlich ohne Steuern zu bezahlen. Was den gesamten Fall nach wie vor zu Brandenburgs Top-Mafia-Saga macht, sind die weiteren Umstände: Geldwäsche, Korruption, Nötigung, Körperverletzung und der „Familien“-Gedanke hinter all dem.

Kindergarten- und Schulfreunde aus Neuruppin waren es, die sich 1997 Siegelringe anschafften, ewige Treue schworen und das große Geld machen wollten, nachdem erste unternehmerische Gehversuche nach der Wende erfolglos geblieben waren. Legendär sind die Autokennzeichen der „Familie“, wie sich die Kriminellen selbst nannten: „XY“ stand auf den Schildern, in Anlehnung an die TV-Sendung über ungeklärte Kriminalfälle.

Keine gute Tarnung, wenn man illegale Geschäfte betreibt. Dass es trotzdem sieben Jahre lang gut ging, sagt viel über das damalige Neuruppin. Viele Menschen dürften gewusst haben, womit der gelernte Elektriker und frühere Imbissbudenbesitzer Olaf K. inzwischen jenes Geld verdiente, mit dem er in der Stadt eine Immobilie nach der anderen kaufte. Seine Verbindungen bis in die höchsten Kreise schützten den Paten. Die örtliche CDU hievte ihn im Herbst 2003 als Abgeordneten ins Stadtparlament.

Als die Bande kaum ein Jahr später nach langen Ermittlungen und 114 000 mitgeschnittenen Telefonaten ausgehoben wurde, gab es in dem Fall zeitweise Hunderte Beschuldigte. So groß und so tiefverwurzelt war das Netzwerk. Einem Abteilungsleiter im Grundstücksamt der Stadt wurde der Prozess gemacht, weil der SPD-Mann dem Paten Immobilien-Tipps gab und dafür unter anderem kostenfreie Autoreparaturen erhielt. Eine Verwaltungsmitarbeiterin musste ihren Posten räumen, weil sie Geld dafür bekam, bei Konzessionen für Etablissements des Olaf K. nicht so genau hinzuschauen. Ein Polizist wiederum bevorzugte Kokain und verriet dafür bevorstehende Razzien. Auch er wurde verurteilt und aus dem Dienst entfernt.

Im Mai 2005 startete schließlich der Haupt-Prozess gegen Olaf K. und acht weitere Männer, von denen zwei als einfache Drogendealer schon nach kurzer Zeit zu je vier Jahren Haft verurteilt wurden. Die Verhandlung gegen die verbliebenen Sieben wurde für das Gericht zu einem harten Stück Arbeit, auch weil nicht alle Zeugen so auskunftsfreudig waren wie Mario L., sondern sich entweder aus Angst vor Racheakten zurückhielten oder aber aus Sorge davor, mit einer ehrlichen Aussage selbst ins Gefängnis zu wandern.

Schnell fallen gelassen wurde im Verfahren der Vorwurf an die Bande, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben, eigens um Straftaten zu begehen. Es waren langjährige Freunde und Geschäftspartner, die hier gemeinsam krumme Dinger drehten.

Olaf K. will rein zufällig in die Welt aus Drogen, Sex und Glücksspiel geraten sein, wie er im Prozess aussagte. Als eine von ihm betriebene Bowlingbahn buchstäblich in sich zusammenfiel und er vor finanziellen Problemen stand, habe ihn jemand gefragt, ob er ein Kilo Kokain besorgen könne. Olaf K. konnte, und so sei es losgegangen.

Eine nicht unerhebliche Menge des Stoffes ist in all den Jahren durch seine Nase gegangen. Angeblich zu Spitzenzeiten zehn Gramm pro Tag: „Ich habe so lange gezogen, bis nichts mehr in die Nase passte“, erklärte er. Das Gericht erkannte eine Abhängigkeit und bescheinigte ihm verminderte Schuldfähigkeit.

Zwölf Jahre Haft lautete im September 2006 nach 83 Verhandlungstagen das Urteil gegen ihn. Zwei Bandenmitglieder wurden zu je neun Jahren, drei weitere zu Gefängnisstrafen zwischen acht und drei Jahren verurteilt, für einen gab es einen Freispruch. Der Vorsitzende Richter Gerd Wegner stellte in seiner Urteilsbegründung sowohl dem Hauptangeklagten wie auch der Stadt Neuruppin keine gute Prognose. Er habe in beiden Fällen Zweifel, ob sich die Dinge zum Positiven ändern werden, sagte Wegner.

Was Neuruppin angeht, sollte er zumindest für die kommenden Jahre recht behalten. Erinnert sei an den Stadtwerke-Chef, der den örtlichen Fußballverein illegal sponserte, und an den Sparkassen-Chef, der nach einer opulenten Geburtstagsfeier auf Firmenkosten gehen musste. Seit diesen Vorfällen vor rund zehn Jahren herrscht allerdings Ruhe in der Fontane-Stadt.

Olaf K. ist seit 2013 wieder auf freiem Fuß. Im Gefängnis hat er ein von seinen Eltern finanziertes Fernstudium zum Immobilienfachwirt mit der Note „sehr gut“ abgeschlossen. Er lebt in Neuruppin und arbeitet als Makler. Laut seiner Facebook-Seite hat der 50-Jährige im Sommer geheiratet.

Weniger gut hat es ein ehemaliger Mitstreiter gemacht. Für Carsten O., früherer Vize-Chef der XY-Bande, erfüllte sich die Prophezeiung des Vorsitzenden Richters von 2006, wonach die Rückfallgefahr in diesem Fall besonders hoch sei. Im April dieses Jahres hat das Landgericht Neuruppin O. wegen Drogenhandels zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.

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