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Krimiserie
Absturz eines Ex-Bürgermeisters

Vergeblicher Kampf um einen Freispruch: Ludwigsfeldes Ex-Bürgermeister Heinrich Scholl (M.) mit seinen Anwälten Heide Sandkuhl und Stefan König
Vergeblicher Kampf um einen Freispruch: Ludwigsfeldes Ex-Bürgermeister Heinrich Scholl (M.) mit seinen Anwälten Heide Sandkuhl und Stefan König © Foto: dpa/Marc Tirl
Mathias Hausding / 18.10.2018, 06:30 Uhr
Potsdam (MOZ) Die vier Landgerichte in Brandenburg feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen – und blicken dabei auch auf zahlreiche spektakuläre Kriminalfälle zurück. Einige dieser unvergessenen Verfahren rollen wir in einer Serie noch mal auf. Heute: der Mordprozess gegen Ex-Bürgermeister Heinrich Scholl.

Es war der 12. Februar 2013, als der Prozess nach vier Monaten kippte. Bis dahin hatten sich Zeugen immer wieder eklatant widersprochen, Handy-Ortungen als ungenau und Spürhunde als unzuverlässig entpuppt. Ein Freispruch aus Mangel an Beweisen schien möglich.

Aber dann kam Wolfgang Oesterreich, Forensiker beim Landeskriminalamt, und referierte staubtrocken über die Spuren 138 und 145. Sein Vortrag änderte alles – die Verteidigung war auf einmal äußerst nervös, der Vorsitzende Richter dagegen wirkte so entspannt wie nie zuvor in dem Verfahren.

Denn der Experte war sich sicher, dass jene am Tatort gesicherten DNA-Spuren vom Angeklagten stammen, nämlich Speichel am Slip der Leiche sowie Hautabrieb an jenem Schnürsenkel, mit dem ihr Hund erdrosselt wurde. Oesterreich betonte, dass es sich um frische Spuren handelt. Er sagte, dass eine ältere Spur auf dem Slip durch das Dehnen des Materials „gerissen“ wäre. Jener entscheidende Krümel, der Heinrich Scholl schließlich als Mörder seiner Ehefrau Brigitte überführte, sei aber frisch und oberflächlich gewesen. Das könne er mit seiner Erfahrung und mit seinem geschulten Auge beurteilen, erklärte der Forensiker auf kritische Nachfragen der Verteidigung.

Zweieinhalb Monate später wurde vor dem Landgericht Potsdam das Urteil gefällt: lebenslang wegen Mordes an seiner Ehefrau aus Hass und Habgier. Obwohl Heinrich Scholl, damals 70 Jahre alt, bis zum Schluss seine Unschuld beteuerte und es auch viele Menschen in Ludwigsfelde partout nicht glauben wollten, dass ihr langjähriger, sehr geschätzter Bürgermeister ein kaltblütig berechnender Mörder ist.

Sein altersbedingter Abschied vom Rathaus im Jahre 2008 war es, der die unheilvolle Spirale in Gang setzte. Die Ehe lief schon damals schlecht, aber Heinrich Scholl war viel unterwegs und ging in seinem Amt auf. Auch die eine oder andere Liebesaffäre brachte Abwechslung in sein von tiefen gegenseitigen Kränkungen bestimmtes Eheleben.

Dann war er plötzlich Rentner und hatte viel Zeit. Er zog zu Hause aus, nahm sich in Berlin eine Wohnung und eine teure thailändische Geliebte. Gemeinsam mit einer Ghostwriterin verfasste er unter Pseudonym einen autobiographisch gefärbten Erotik-Roman, den er dann in Ludwigsfelde verteilte. Als das Geld immer knapper wurde, soll er nach Überzeugung des Gerichts im Herbst 2011 den Plan gefasst haben, in das gemeinsame Haus zu Brigitte zurückzukehren. Aber nur, um auf einen günstigen Moment für den Mord zu warten, um anschließend unter anderem das Haus zu Geld machen zu können. „Ihm war klar: Die muss weg“, brachte es der Vorsitzende Frank Tiemann in seiner Urteilsbegründung auf den Punkt.

Als jene passende Gelegenheit hatte er einen gemeinsamen Waldspaziergang mit seiner Ehefrau und dem Cocker-Spaniel „Ursus“ auserkoren, gegen Mittag am 29. Dezember 2011, einen Tag nach dem 47. Hochzeitstag des Paares. Vor dem Spaziergang fuhr Heinrich Scholl noch einmal die wenigen Kilometer in die Stadt, verwickelte in der Sparkasse Bürger in ein Gespräch, wohl in der Hoffnung auf ein Alibi. Mit diesem Ziel hatte er zudem zur Mittagsstunde in Berlin ein Essen mit einem Freund anberaumt, zu dem er stark verspätet eintraf.

Nach seiner Festnahme suchte der Ex-Bürgermeister sogar per Zeitungsannonce nach Zeugen, die ihm ein Alibi geben können. Doch trotz aller Bemühungen blieb die Lücke zwischen 12 bis 13 Uhr. Und dann auch noch das: Eine Zeugin hatte gesehen, wie Brigitte und Heinrich gemeinsam aus dem am Waldrand geparkten Auto stiegen. „Huch, sind die beiden etwa wieder zusammen?“, will sich die SPD-Parteifreundin des Angeklagten gewundert haben.

Die Zeugin konnte zwar im Prozess nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob sie die Scholls an jenem Donnerstag oder womöglich bereits am Mittwoch gesehen hat. Aber weil ihre Aussage zu der einer anderen Zeugin passte, die Brigitte Scholl am Mittwoch gegen Mittag allein auf der Gassirunde mit dem Hund gesehen hatte, waren die Beobachtungen eines von vielen Puzzleteilen, die zur Verurteilung führten.

Nach Überzeugung der Kammer hat sich Heinrich Scholl für den Spaziergang eine Plastiktüte, eine Wäscheleine sowie lange Schnürsenkel eingesteckt, die aus seiner Garage stammen. Noch so ein Puzzleteil: Wie sollte der angebliche geheimnisvolle Unbekannte, dem die Verteidigung den Mord in die Schuhe schieben wollte, an diese Schnürsenkel gekommen sein?

Mit zwei Faustschlägen startete Heinrich Scholl während des Spaziergangs den heimtückischen Angriff. Seine Frau ging benommen zu Boden, er kniete sich auf sie, drosselte sie für mindestens zwei Minuten. Dann zog er der Toten Hose und Slip herunter und verletzte ihre Scheide, um ein Sexualverbrechen vorzutäuschen. Nachdem er auch den Hund erdrosselt hatte, bedeckte er die Leiche mit Laub. Es sei oft so, dass man vor dem Schwurgericht Seiten eines Angeklagten kennenlernt, von deren Existenz nicht einmal enge Freunde etwas wussten, kommentierte der Vorsitzende Richter die Tat und ihre grausigen Details.

In der kommenden Woche lesen Sie an dieser Stelle eine Rückschau auf den Prozess gegen den Serienmörder Wolfgang Schmidt, bekannt als Rosa Riese.

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