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Kriminalserie
Tödliche Hetzjagd auf einen Asylbewerber

Bei strömendem Regen: Eine Woche nach dem Tod Omar Ben Nouis nehmen vor der Nikolaikirche in Potsdam einige Hundert Menschen an einer Trauerfeier für den algerischen Asylbewerber teil.
Bei strömendem Regen: Eine Woche nach dem Tod Omar Ben Nouis nehmen vor der Nikolaikirche in Potsdam einige Hundert Menschen an einer Trauerfeier für den algerischen Asylbewerber teil. © Foto: dpa/Wolfgang Kumm
Harriet Stürmer / 01.11.2018, 08:00 Uhr - Aktualisiert 01.11.2018, 17:30
Cottbus (MOZ) Die vier Landgerichte in Brandenburg feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen – und blicken dabei auch auf zahlreiche spektakuläre Kriminalprozesse zurück. Einige dieser unvergessenen Fälle rollen wir in einer Serie noch mal auf. Heute: die tödliche Hetzjagd auf den Asylbewerber Omar Ben Noui in Guben.

Es ist der 12. Februar 1999, ein Freitagabend. Gemeinsam mit Khaled B. und Issaka K. verlässt Farid Guendoul die Flüchtlingsunterkunft in Guben. Die drei Freunde machen sich auf den Weg in den „Dance-Club“ – die einzige Disco in der Stadt und beliebter Treffpunkt von Migranten.

Ganz in der Nähe liegt die Wohnung  des stadtbekannten Neonazis Ronny P. An diesem Abend besuchen ihn ein paar Kumpels aus der Szene. Die jungen Männer trinken Bier und schauen sich den Film „Romper Stomper“ an, der von neonazistischen Skinheads handelt und heftige Gewaltdarstellungen gegen Migranten enthält.

Später am Abend machen sich einige Gäste auf den Weg in eine Diskothek außerhalb von Guben. Ronny P. will mit den zwei anderen Kumpels in den „Dance-Club“. Es ist 2.30 Uhr, als es dort zu einem Streit zwischen ihnen und einer Gruppe Vietnamesen kommt. Der Konflikt eskaliert und verlagert sich vor die Disco. Julio N., ein Kubaner, der gerade im Begriff ist zu gehen, wird in den Streit hineingezogen. Er wird auf den Boden gestoßen. Dort findet er ein Metallstück und schlägt damit auf Ronny P. ein. Jetzt ergreifen die Neonazis die Flucht.

Ihr Ziel: eine Tankstelle, an der die Clique um Ronny P. oft abhängt. Auch diesmal treffen die jungen Männer dort auf ihre Kumpels und erzählen ihnen, was sich im „Dance-Club“ ereignet hat. Sie rufen die Polizei und weitere Kumpels. Die Gruppe wird größer und macht sich nun erneut auf den Weg. Die aufgebrachte Meute will in die Disco „einreiten“, um sich für die Schläge gegen Ronny P. zu rächen. Sie scheitert aber schon am Türsteher.

Die Szenerie verlagert sich nun wieder in Ronny P.s Wohnung. Polizeibeamte sind vor Ort und schauen sich seine Verletzungen an; eine Anzeige wird nicht erstattet. Die Polizei veranlasst, dass P. ins Krankenhaus gebracht wird. Der Rest der Gruppe will Rache. Nachdem die Kumpels P. bis zum Krankenhaus im Auto eskortiert haben, fahren sie auf der Suche nach Julio N. durch die Stadt. An einer Baustelle laden sie Pflastersteine in den Kofferraum, um damit die Scheiben eines Asia-Ladens einzuwerfen. Sie brüllen Parolen. Aus den Autos dröhnt die Musik von „Landser“ – damals die bundesweit bekannteste Musikgruppe aus dem neonazistischen Milieu.

Es ist nach vier, als sich Farid Guendoul und seine Begleiter zu Fuß auf den Heimweg machen. In der Nähe der Diskothek werden sie von den Rechten entdeckt. Guendoul, Issaka K. und Khaled B. flüchten und teilen sich auf. Kahled B. wird von drei Rechten verfolgt. Einer erreicht ihn, versetzt ihm einen Fußtritt. Khaled B. stürzt, kann wieder aufstehen und erneut fliehen. Dann treffen ihn wieder Fußtritte. Khaled B. fällt zwischen parkenden Autos auf die Straße und prallt dabei mit dem Kopf gegen eine Stoßstange. Er verliert das Bewusstsein. Die Angreifer lassen schließlich von ihm ab.

Währenddessen sind Farid Guendoul und Issaka K. noch auf der Flucht vor den Angreifern. Guendoul tritt in seiner Panik die gläserne Eingangstür von Hausnummer 14 in der Hugo-Jentsch-Straße ein. Die Männer kriechen durch die zersplitterte Eingangstür, um im Treppenhaus Zuflucht zu finden. Guendoul hat sich an der Schlagader im Knie verletzt. Er bittet seinen Freund, zur Straße zu gehen und ein Taxi zu rufen. Der lugt durch die Eingangstür und bemerkt einen der Verfolger. Zurück bei Guendoul muss er mit ansehen, wie sein Freund immer mehr Blut verliert. Issaka K. geht erneut zur Eingangstür, sieht ein Taxi, reißt die Tür auf, springt hinein und will dem Fahrer die Situation verständlich machen. Der Taxifahrer fährt los und bringt Issaka K. in ein nahe gelegenes Bistro. Dort spricht er mit der Wirtin und bittet sie, sich um den jungen Mann zu kümmern.

Sechs Rechte waren dem Taxi gefolgt und fordern von der Wirtin die Herausgabe von Issaka K. Die Wirtin verweigert ihnen den Zutritt und droht mit ihren Hunden. Die Angreifer rufen die Polizei. Die eintreffenden Beamten führen Issaka K. in Handschellen aus dem Bistro. Die Rechten verfolgen nun die Polizeiwagen bis zur Wache. Dort kommt es zu einem Wortgefecht.

Inzwischen stellt ein Notarzt den Tod Farid Guendouls fest. Hausbewohner hatten ihn gefunden. Khaled B. erwacht kurz nach fünf Uhr aus seiner Ohnmacht. Er läuft zum „Dance-Club“. Der Wirt ruft die Polizei. Khaled B. wird zur Wache gebracht, wo er Issaka K. hinter einer Glasscheibe sitzen sieht. Mit ihm sprechen darf er nicht, erfährt nicht, was mit Farid Guendoul passiert ist. Khaled B. will eine Aussage machen, die Polizisten schicken ihn jedoch fort. B. kehrt in die Flüchtlingsunterkunft zurück und wartet dort auf Guendoul. Schließlich fährt er ins Krankenhaus, um sich dort nach seinem Freund zu erkundigen. Erst jetzt erfährt er, dass Farid Guendoul ums Leben gekommen ist. Mit 28 Jahren; anderthalb Jahre, nachdem er – zum Schutz seiner Familie in Algerien unter dem Namen Omar Ben Noui – in Deutschland politisches Asyl beantragt hat.

Am 3. Juni 1999 beginnt das Verfahren gegen elf an der Hetzjagd beteiligte Männer. Vor dem Landgericht Cottbus sind sie wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung, Nötigung und Volksverhetzung angeklagt. Die Strategie der Verteidigung beruht darauf, den rechtsextremen Hintergrund der Angeklagten in Abrede zu stellen und den Opfern eine Mitschuld zuzuweisen. Diese hätten mit ihrer Flucht völlig unverhältnismäßig reagiert.

Im November 2000 wird das Urteil verkündet. Die drei Rädelsführer erhalten Jugendstrafen von zwei bis drei Jahren. In sechs Fällen spricht das Gericht Bewährungsstrafen aus, in zwei weiteren Verwarnungen.

Wolfgang Thierse – damals Bundestagspräsident – spricht von einem Skandal. Der Rechtsstaat werde mit rechtsextremen Tätern nicht fertig. Nach der Revision der Nebenklage – der Familie Guendoul – ändert der Bundesgerichtshof das Urteil. Die Haupttäter werden nun nicht wegen fahrlässiger Tötung, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Die Höhe der Strafen wird nicht geändert.

Nächste Woche lesen Sie eine Rückschau auf den Prozess um den grausigen Mord an Marinus Schöberl in Potzlow.

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01.11.2018 - 17:37:38

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Vielen Dank für Ihren Hinweis! Wir haben den Fehler korrigiert.

Dieter Sauer 01.11.2018 - 17:17:10

Bei "ströhmendem Regen"

Bildunterschrift : "Bei ströhmendem Regen..." Habe ich vielleicht eine Rechtschreibreform verpasst?

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