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Krimi-Serie
Ein Leben voller Pein

Von hinten auf den Vater eingestochen: Ein Justizbeamter nimmt René S. am 11. Januar 2011 im Potsdamer Landgericht die Handschellen ab.
Von hinten auf den Vater eingestochen: Ein Justizbeamter nimmt René S. am 11. Januar 2011 im Potsdamer Landgericht die Handschellen ab. © Foto: Bernd Settnik
Mathias Hausding / 15.11.2018, 06:00 Uhr - Aktualisiert 15.11.2018, 15:12
Potsdam (MOZ) Die vier Landgerichte in Brandenburg feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen – und blicken dabei auch auf zahlreiche spektakuläre Kriminalprozesse zurück. Einige dieser unvergessenen Fälle rollen wir in einer Serie noch mal auf. Heute: der Elternmord von Rathenow vor acht Jahren.

Es kommt nicht oft vor, dass eine Strafkammer ihr soeben gegen einen geständigen Doppelmörder verhängtes Urteil bedauert. „Das war einer der traurigsten Fälle, mit denen wir es hier je zu tun hatten“, sagte der Vorsitzende Richter Frank Tiemann am 10. Februar 2011 in der Urteilsbegründung. Der Schuldspruch – lebenslange Haft – sei „vielleicht unbefriedigend, konnte aber nicht anders ausfallen“, erklärte er.

Entsetzen über die blutige Tat, aber Mitgefühl für die traurige Lebensgeschichte des damals 28 Jahre alten René S. aus Rathenow – das kam in diesem Prozess zusammen. Der junge Mann ist im Sommer 2010 eines Morgens ausgerastet, nachdem ihn seine Eltern ein Leben lang gedemütigt und bevormundet haben sollen. Erst erstach er seinen Vater, dann erschlug er die Mutter.

René S. kam mit Klumpfüßen auf die Welt, musste mehrmals operiert werden. Seine Mutter behütete ihn über alle Maßen, ließ ihn als Baby im Kinderwagen aber auch stundenlang im Garten schreien, wie Nachbarn als Zeugen berichteten. Einen Kindergarten besuchte der Junge genauso wenig wie später den Hort. Er hatte nie Freunde, spielte und lernte immer allein, auch zu Verwandten gab es keine Kontakte. Ein Gutachter beschrieb die Familie als „paranoide Festung“. Niemand durfte rein, niemand raus.

Noch im Erwachsenenalter bestimmten die seit der Wende arbeitslosen Eltern seine Wege, begleiteten den Sohn zum Hausarzt, legten fest, was er studiert. René S. war ein guter Schüler. Informatiker oder Chirurg wollte er werden. „Für mich ergibt eins und eins auf jeden Fall zwei und nicht vielleicht zwei oder eventuell eins bis zwei.“ So beschrieb er vor Gericht seine Abneigung gegen Fächer, in denen die Ergebnisse offen sind, Lösungen diskutiert werden.

Seine Mutter, eine studierte Chemikerin, wünschte sich für ihren Sohn aber genau so einen Job. Anwalt sollte er werden. Mit dem Jura-Studium kam er von Anfang nicht klar. Er quälte sich 17 Semester lang, bestand mit viel Glück eine Zwischenprüfung. Im Jahre 2008 wollte er endgültig abbrechen, wusste aber nicht, wie er es seinen Eltern sagen sollte. In dem Haushalt wurde ohnehin kaum geredet.

Also behauptete er, das Staatsexamen bestanden zu haben. Er solle promovieren, schlug ihm seine Mutter daraufhin vor. René S. wusste nicht mehr weiter. Im November 2009 schnitt er sich in der Uni die Pulsadern auf. Im Abschiedsbrief an die „Werten Eltern“ schrieb er, dass er das Leben als Endlosschleife aus Aufstehen, Essen und Schlafen satt habe: „Deshalb drücke ich jetzt Stopp.“

Der Suizidversuch scheiterte, er rief selbst die Feuerwehr. Nun kam alles raus. Die Eltern verspotteten ihn als Versager. Nicht einmal einen Selbstmord bekomme er hin. „Opa hat sich im Krieg wenigstens richtig erschossen“, sagte sein Vater. Im Haus herrschte in den kommenden Monaten komplette Funkstille. Weihnachten, Silvester, selbst Geburtstage wurden nicht gefeiert.

René S. berappelte sich wieder, wollte jetzt eine Ausbildung beim Finanzamt machen. Seine überehrgeizige Mutter lehnte eine Beamtenlaufbahn und ein FH-Studium als zweitklassig ab. Er bewarb sich trotzdem. Nach zwei Ablehnungen stand am  10. Juni 2010 ein Bewerbungsgespräch in Hamburg an.

Sein Vater sollte ihn am Morgen des Vortages zum Bahnhof fahren. Am Frühstückstisch beschwerte sich der 67-Jährige über das frühe Aufstehen, das ja doch sinnlos sei. Dann gingen beide Männer in den Keller, der Vater um Kartoffeln zu holen, der Sohn um Kühlakkus für seinen Proviant einzupacken. Auch dort unten schimpfte der Vater über die Reise. „Da lief bei mir etwas über“, sagte der Angeklagte vor Gericht. Er nahm das Messer, dass zum Zerschneiden des Kartoffelsacks bereitlag, und stach zu. Von hinten. Einmal, zweimal, vielleicht zehnmal.

Dann ging er nach oben. Er wollte sich umziehen und die Sachen für Hamburg holen. Da rief seine Mutter aus dem Schlafzimmer: „Die Reise kannst du dir sparen.“ Wieder brannte eine Sicherung bei ihm durch. Er holte einen Hammer und schlug der noch im Bett liegenden Mutter auf den Kopf, griff nach einem Bademantel, legte ihn über ihr Gesicht und schlug wieder zu. Um 11.02 Uhr nahm er den Zug nach Hamburg.

Einen Monat lang blieb das Verbrechen unentdeckt. Zurück vom am Ende erfolglosen Bewerbungsgespräch, kauft er im Baumarkt groß ein, um die Leichen zu beseitigen. Schutzanzüge, Folien, Handschuhe, Kettensäge, Duftkerzen gegen den Verwesungsgeruch. Zwei Wochen hatte er damit zu tun, die Leichen zu zersägen, Einzelteile zu verbrennen, in der Toilette herunterzuspülen oder in Fässern im Schuppen zu verstecken.

Nach vier Wochen kam den Nachbarn die Ruhe im Haus merkwürdig vor. Sie riefen die Polizei, der Sohn verstrickte sich schnell in Widersprüche und legte ein Geständnis ab. War es nun Mord oder Totschlag? René S. beteuerte vor Gericht, dass er die Attacken nicht geplant habe. Und doch waren es seine ehrlichen Schilderungen, die ihm zum Verhängnis wurden. Denn im juristischen Sinne hat er „heimtückisch“ gehandelt und die Arglosigkeit seiner Opfer ausgenutzt, indem er sie von hinten beziehungsweise im Bett liegend angriff.

Dafür gibt es in Deutschland nur eine Strafe: lebenslang wegen Mordes. Auch wenn die Richter ihm wohl gern einen Strafrabatt gewährt hätten und es als „menschlich durchaus nachvollziehbar“ empfanden, dass er nach all den seelischen Qualen ausrastete.

Der Elternmord von Rathenow gilt deshalb unter Juristen als Musterbeispiel für die Reformbedürftigkeit des noch aus der Nazi-Zeit stammenden Mordparagrafen. Sie kritisieren, dass über die Gesinnung des Täters geurteilt werde, nicht über die Tat als solche. Im Jahre 2014 setzte der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) eine Expertengruppe ein, die ein Jahr später Reformideen vorlegte. Ein Mord sollte demnach nicht mehr zwangsläufig mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe geahndet werden müssen. Vielleicht weil eine solche Reform doch schwierig und heikel sein könnte, ist es um das Thema in den vergangenen Jahren sehr ruhig geworden.

Nächste Woche: die Rechtsbeugungsprozesse gegen DDR-Richter und -Staatsanwälte, die in Verfahren gegen den Regimekritiker Havemann mitgewirkt hatten.

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