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Seit 2010 erlebte Frankfurt viele Höhen und Tiefen. Der Stadtbote blickt noch einmal zurück.

Von Solarcrash bis Klimakrise
Das Frankfurter Jahrzehnt im Zeitraffer

Thomas Gutke / 31.12.2019, 15:15 Uhr - Aktualisiert 31.12.2019, 16:09
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der 1. Januar 2010: Frankfurt hat 60625 Einwohner, 4589 sind arbeitslos. Die Solarfabriken wachsen. Der Oberbürgermeister heißt Martin Patzelt (CDU). Es schneit, ein klirrend kalter Winter hat Frankfurt im Griff. Zehn Jahre später leben noch 57850 Menschen in der Oderstadt. Die Solarfabriken stehen leer. Die Arbeitslosenzahl ist auf 2089 gesunken. René Wilke (Linke)  ist OB. Und Frankfurt erlebt den trockensten Sommer seit Jahren. Dazwischen ist viel passiert. Der Stadtbote hat seitdem auf mehr als 10000 Lokalseiten über vieles berichtet. Auf dieser Seite gehen wir mit Ihnen noch einmal schlaglichtartig auf Zeitreise.

2010

Das Jahrzehnt beginnt mit einem Neujahrsempfang in St. Marien. OB Martin Patzelt lädt ein und serviert warme Gulaschsuppe. Kurz darauf beginnt das Rennen um seine Nachfolge. Der parteilose Martin Wilke entscheidet die Wahl am 14. März für sich. Seine erste Bewährungsprobe ist ein Hochwasser. Am 28. Mai steigt der Oderpegel auf 5,99 Meter. Wirtschaftlich befindet sich die Stadt im Aufschwung. First Solar kündigt im Juni den Bau einer zweiten Fabrik an, will 160 Millionen Euro investieren. Bei Conergy geht das zehnmillionste Modul vom Band. Die Leipziger Straße wird 2010 zur Großbaustelle. Und Frankfurt zur Hochburg des Autodiebstahls. 309 Fahrzeuge werden geklaut. Die Zahl ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker der angekündigten Polizeireform. Auf einen neuen Höchstwert steigt auch die Zahl der Erstsemester –  1550. Insgesamt gibt es 6800 Studenten an der Viadrina.

2011

Hoch lebe Heinrich von Kleist. Der berühmte Sohn der Stadt starb vor 200 Jahren, ein Jahr lang wird gefeiert. Im Juli beginnen die Arbeiten für den Anbau am Kleist-Museum. Die Käthchen-Aufführung in der Marienkirche im Oktober wird zum Spektakel. Auch das Kleist Forum feiert zehnjähriges Bestehen. Seit der Eröffnung kamen über 600 000 Besucher. Ein großer Veranstaltungshöhepunkt ist die Internationale Feuerwehr-sternfahrt. 4000 Feuerwehrleute aus Europa und den USA reisen im Juni nach Frankfurt. Auch wenn es regnet: Das allererste Helene-Beach-Festival lockt 10 000 Gäste an die Kleine Ostsee. Im Februar verlässt Ronald Schürg nach 20 Jahren die Wohnungswirtschaft. Als Geschäftsführer hat er den Stadtumbau maßgeblich mitgeprägt. Anfang November eröffnet First Solar sein zweites Werk, die Beschäftigtenzahl steigt von 650 auf 1200. Frankfurt plant mit 37 Millionen Euro Einnahmen aus Gewerbesteuern – bis 2015 sogar mit 48 Millionen.

2012

Das neue Jahr beginnt mit schlechten Nachrichten. Im Februar gerät mit Odersun der erste Solarmodulhersteller in Schieflage, kann keine Gehälter mehr zahlen. Auch First Solar kündigt Kurzarbeit an – und lässt am 17. April die Bombe platzen. Beide Werke sollen schließen. Es ist ein schwarzer Tag für Frankfurt. Betroffen sind 1200 Mitarbeiter. Die Gewerbesteuern brechen ein – auf 8 Millionen Euro. Am 24. März demonstrieren 1000 Frankfurter gegen einen Aufmarsch von 180 Rechtsextremen. Am 9. August stirbt Fritz Krause im Alter von 87 Jahren. Er lenkte als OB von 1965 bis 1990 die Geschicke der Stadt. Mitte September beginnt der Abriss der ehemaligen Grenzanlagen an der Stadtbrücke. Inzwischen rollen dort täglich fast 16 000 Fahrzeuge über die Oder. Und ab dem 9. Dezember auch die Buslinie 983, die Frankfurt mit Słubice verbindet.

Seit 2002 wurden in Frankfurt fast 11000 Wohnungen abgerissen, allein 6000 davon in Neuberesinchen. Im Herbst 2019 beschließen die Stadtverordneten eine Kehrtwende: Künftig soll keine Blöcke mehr großflächig zurückgebaut werden, stattdessen neue Wohngebiete entstehen.
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2013

Die Deutsche Bahn lässt den Bahnhofstunnel komplett erneuern – ein millionenschweres Großprojekt. In der Innenstadt beginnen die Arbeiten für den Neubau des Bolfrashauses. Zugleich wächst der Sanierungsbedarf an den Schulen auf 30 Millionen Euro an. Bezeichnend: Im Juni lässt Kerstin Reinhardt, Schulleiterin an der Hutten-Oberschule, ein völlig marodes Schulhaus sperren. Sie kann die Sicherheit von Schülern und Lehrern nicht mehr gewährleisten. Am 2. Juli meldet Handball-Bundesligist FHC Insolvenz an. Zahlungsunfähig ist am 5. Juli auch Solarmodulproduzent Conergy. In Frankfurt bangen weitere 320 Beschäftigte um ihre Existenz. Am 20. März feiert der MOZ-Talk Premiere. Mitte Juli kommen mehr als 100 000 Besucher zum 10. Hansestadtfest Bunter Hering. Am 22. September wird Martin Patzelt direkt in den Bundestag gewählt, im Oktober der Anbau des Kleist-Museums eröffnet, im November die JVA geschlossen. Kurz vor Weihnachten wird Kämmerin Claudia Possardt vom Innenministerium zur Bürgermeisterin und damit Stellvertreterin des OB ernannt – der Posten war jahrelang rechtswidrig vakant.

2014

Im Stadtverordnetensitzungssaal im Rathaus lösen sich Deckenplatten, er wird gesperrt. Das Stadtparlament zieht ins Kleist Forum um und sortiert sich nach den Kommunalwahlen im Mai neu: 14 Sitze gehen an die Linke – und erstmals auch 5 an die AfD. Bei der Landtagswahl am 14. September zieht René Wilke direkt in den Landtag ein. In Innsbruck misslingt am 7. Februar der erste Guss der großen, neuen Glocke für St. Ma-rien. Beim zweiten Versuch klappt es besser. Die insgesamt drei Glocken werden Anfang Mai geweiht. Am 13. Juli wird Deutschland Fußballweltmeister. In Frankfurt fiebern 5 000 Zuschauern auf dem Stadtfest mit. Die Chint-Gruppe übernimmt das ehemalige Conergy-Solarwerk und erhält 200 Arbeitsplätze. In Frankfurt geht der Abriss weiter. Bis 2018 sollen weitere 1100 Wohnungen zurückgebaut werden. Am 11. September legt eine Weltkriegsbombe die Lebuser Vorstadt lahm, 4500 Anwohner müssen ihre Häuser verlassen. Im Rathaus gibt es 2014 viel Zoff. OB Martin Wilke spricht Claudia Possardt bei einer Pressekonferenz ihre Kompetenz ab – Anfang Oktober muss sie gehen. Ein Mazedonier erwirbt das Alte Kino. Martin Wilke bringt das Baudenkmal erstmals als Standort für das Museum Junge Kunst ins Gespräch. Die Löwenkinder gründen sich. Das Netzwerk übernimmt die Kinderhospizarbeit nach dem Rückzug der Björn-Schulz-Stiftung. Ab Ende 2014 steigt die Zahl der Flüchtlinge stark an. Die Stadtverordneten beschließen, Asylsuchende vorwiegend in Wohnungen unterzubringen.

2015

Anfang des Jahres plant das Land am Karl-Ritter-Platz, in West und in Markendorf den Bau neuer Flüchtlingsheime. Die Stimmung in der Stadt ist gespalten. Mehrere Demonstrationen rechter Gruppierungen werden mit Gegendemos beantwortet. Anfang September mietet das Land das Ramada-Hotel an der A12 als Erstaufnahmeeinrichtung an, kurz darauf wird auch die Messehalle zum Notquartier. Zahlreiche Frankfurter zeigen sich solidarisch, spenden und helfen. Sozialdezernent Jens-Marcel Ullrich wird zum Krisenmanager. Bis Ende des Jahres wächst die Zahl der Flüchtlinge in Frankfurt auf gut 1400 an. Am 4. März geht die gemeinsame Fernwärmeleitung mit Słubice in Betrieb. Im Kino wird im November der erste "Polizeiruf 110" aus Frankfurt gezeigt. Die Fußballer des 1. FC Frankfurt steigen in die Oberliga auf. Und die Rhön AG kündigt eine umfassende Modernisierung des Klinikums an.

2016

Von Awo über Uni bis hin zu vielen Mittelständlern: 2016 ist das Jahr der 25-jährigen Jubiläen, weil auf die Wende 1990 im Jahr darauf eine Gründerwelle folgte. Das Lutherstift eröffnet im Januar seine neue Geriatrie. Die Buslinie 983 begrüßt den Millionsten Fahrgast. Und die Doppelstadt begeht den 25. Jahrestag des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages. Um die zunehmende Sulfatbelastung in der Spree entbrennt ein Streit zwischen Bergbausanierer LMBV und der Frankfurter Wasser und Abwassergesellschaft. Ein Alkoholverbot im Lennépark tritt in Kraft. Das Staatsorchester und 350 Kinder werden für das Education-Projekt gefeiert. Im Juni sinkt die Arbeitslosigkeit auf unter 10 Prozent. Zugleich ist der Anteil der Beschäftigen im Niedriglohnsektor, die aufstocken müssen, in keiner Stadt so hoch wie in Frankfurt. Wolfgang de Bruyn, Direktor im Kleist Museum, verabschiedet sich in den Ruhestand. Im November ist die Sanierung der Słubicer Straße nach einem Jahr abgeschlossen – über die Bebauung des Eingangstors zur Stadt wird unterdessen immer noch viel diskutiert.

2017

Seit zwei Jahren kämpft Frankfurt vehement um den Erhalt der Kreisfreiheit. Mit Erfolg. Am 1. November 2017 bläst Ministerpräsident Dietmar Woidke die Gebietsreform ab. Der Gegenwind überall im Land war zu groß. Auch wenn Luther hier nie war, feiert Frankfurt mit einer großen Ausstellung 500 Jahre Reformation. Auf dem Stadtfest gibt es erstmals ein Riesenradkonzert. Die Telekom beginnt mit ihrem Ausbauprogramm für schnelles Internet in der Innenstadt. Investieren will auch die Wowi – 50 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren. Das Museum Junge Kunst fusioniert mit dem Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus zum Brandenburgischen Landesmuseum. Journalist Christian Bangel veröffentlicht seinen Frankfurt-Roman "Oder Florida". Martin Patzelt (CDU) entscheidet im September den Zweikampf um das Bundestagsdirektmandat gegen AfD-Chef Alexander Gauland klar für sich. Das Sturmtief Xavier hinterlässt am 5. Oktober in Frankfurt eine Spur der Verwüstung. Der Sachschaden liegt bei 200 000 Euro. Am 20. Oktober tritt Uni-Präsident Alexander Wöll zurück.

2018

Deutschlandweit berichten Medien über den neuen OB René Wilke, der am 18. März nicht nur für Die Linke eine Wahl gewinnt, sondern an der Rathausspitze auch ein parteiübergreifendes Bündnis bis hin zur CDU schmiedet. Für Aufsehen sorgt auch sein Vorstoß, kriminelle Flüchtlinge nach einer Reihe von Gewalttaten, darunter im Frosch-Club, ausweisen zu lassen. Am 22. März verabschieden die Stadtverordneten den ersten ausgeglichenen Haushalt seit 16 Jahren – und die Stadtwerke den Ausstieg aus der Kohle. Ein neues Erdgaskraftwerk ist in Planung. Auch die Wirtschaft wächst behutsam. In einer alten Odersun-Halle startet Unicaps die Produktion abbaubarer Tee- und Kaffeekapseln. 2018 nimmt die Stadt wieder 15 Millionen Euro an Gewerbesteuer ein. Am 10. April erleben 5000 Frankfurter eine lange Nacht, als im Lennépark eine Weltkriegsbombe entschärft werden muss. Beim Staatsorchester verabschieden sich Generalmusikdirektor Howard Griffith und Intendant Peter Sauerbaum. Im Rathaus sagt Bau- und Kulturdezernent Markus Derling nach 16 Jahren Auf Wiedersehen. Die Viadrina hat mit Julia von Blumenthal eine neue Präsidentin. In Slubice tritt Mariusz Olejniczak als Bürgermeister die Nachfolge von Tomasz Ciszewicz an. 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs hat die Stadt die Kriegsgräberstätte in Gronenfelde restaurieren lassen. Und: Laut einer neuen Prognose ist der Bevölkerungsrückgang in Frankfurt vorerst gestoppt.

2019

Astronergy kündigt an, die Produktion einzustellen. Es war die letzte Solarfabrik in Frankfurt. Dafür beginnt Elektronikkomponenten-Hersteller Yamaichi in Markendorf mit dem Bau einer neuen Produktionsstätte. Die Stadt startet eine Zuzugskampagne und kauft das Alte Kino. Der Verein Słubfurt feiert sein 20-jähriges Bestehen, Aktionskünstler Michael Kurzwelly erhält auch dafür das Bundesverdienstkreuz. Am 3. Mai kommt die Klimabewegung mit einer Demonstration auch in Frankfurt an. Der Sommer ist erneut heiß und trocken. Ende Juni brennen in Ziltendorf 120 Hektar Wald, die Frankfurter Feuerwehr löscht mit. Ende Mai gewinnt die Linke die Kommunalwahl knapp vor CDU und AfD. Am 1. September holt Rechtsaußen-Politiker Wilko Möller das Landtagsdirektmandat. Die Teilentschuldungsvereinbarung tritt in Kraft. Das Land will 50 Millionen Euro der Frankfurter Kassenkredite von 110 Millionen übernehmen. Ende 2019 ziehen Teile der Verwaltung in den Oderturm um – die Rathaussanierung beginnt. Auch eine neue Stadtumbaustrategie wird beschlossen. Seit 2002 wurden 11000 Wohnungen abgerissen, künftig sollen Bestandssanierungen und Neubau im Vordergrund stehen. Im November hält Frankfurt inne, als Baudezernent Jörg Gleisenstein (Grüne) auf dem Weg zur Arbeit zusammenbricht und stirbt. Zum Ende der Zehnerjahre beschließen die Stadtverordneten der Doppelstadt einen neuen Maßnahmenplan bis 2030. Ein großes Ziel für das nächste Jahrzehnt: Frankfurt und Słubice wollen Kulturhauptstadt Europas werden.

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