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Ungarn 89
Helfer vom Malteser Hilfsdienst: "Zu helfen tat gut"

Maria Neuendorff / 12.09.2019, 07:30 Uhr
Berlin (NBR) Markus Bank kann den Ausdruck in den Gesichtern der DDR-Flüchtlinge bis heute nicht vergessen.

"Da war Angst, Panik, aber auch große Hoffnung in ihren Augen." Als der Mann vom Malteser Hilfsdienst am Mittwoch nach 30 Jahren in Berlin  ein paar seiner Schützlinge wieder trifft, sind da nur noch große Freude und tiefe Emotionen. Zur Erinnerung an Ungarn 1989 hat der Hilfsdienst neben dem Bahnhof Friedrichstraße ein symbolisches Nothilfelager errichtet. In einer Ausstellung hängt auch ein Bild, auf dem Markus Bank ein schlafendes Kind im Arm hält. Ein Ehepaar hatte ihm ihre vierjährige Tochter anvertraut, weil sie im Sommer 1989 noch einmal wegen ihrer Ausweise zur Botschaft mussten.

Sogar ein Agent wurde enttarnt

Das Foto steht heute als Symbol für das Vertrauen, das die Menschen den ehrenamtlichen Helfern mit dem achtzackigen Stern auf den Uniformen entgegen brachten.  Sie hatten im Sommer 1989 in Ungarn drei Notlager zur Versorgung ausreisewilliger DDR-Bürger errichtet. Zuvor war bereits die deutsche Botschaft in Budapest wegen Überfüllung geschlossen worden "Die Malteser haben uns nicht nur versorgt, sie gaben uns Halt und Hoffnung", sagt Tilo Acksel.  "Die Stasi war ja vor Ort, und wir haben sogar einen Agenten enttarnt, der Flüchtlingen die Ausweise geklaut hatte", berichtet der Zeitzeuge.

Der damals 19-jährige Mann aus Cottbuser war in der DDR zwangsexmatrikuliert worden, weil er eine Studentenbewegung gründen wollte. Im Sommer 1989 entscheidet er sich wie Tausende anderer DDR-Bürger zur Flucht über Ungarn. Doch schon in der Tschechoslowakei werden er und sein Kumpel verhaftet und sollen per Zug nach Ost-Deutschland abgeschoben werden. "Wir haben uns schick angezogen und sind beim ersten Halt in Bratislava ganz ruhig wieder aus dem Zug gestiegen", schildert Tilo Acksel seine Erinnerungen aus der damaligen Zeit.

Als er sein Freund bei der Weiterreise über die grüne Grenze aus einem Sumpf ziehen muss, verliert Acksel seine Schuhe. "Im Nadelstreifenanzug und ohne Sohlen ging es dann über ein abgeerntetes Sonnenblumenfeld."

Doch auch in Ungarn wird das Flucht-Duo festgenommen. Wenn Acksel an den Moment denkt, als der ungarische Offizier sie aber nicht ins Gefängnis, sondern zu den Helfern an der deutschen Botschaft fährt, muss er noch heute die Tränen der Erleichterung unterdrücken. Der Schauspieler, der heute in Berlin-Schlachtensee lebt, half damals nicht nur mit, das zweite Malteser Lager aufzubauen, sondern sorgte mit abendlichen Comedy-Veranstaltungen für Zerstreuung der Bewohner.

"Die Hilfe und Solidarität waren überwältigend, auch in der ungarischen Bevölkerung", sagt auch Uwe Schiller, der mit seiner Frau und zwei Söhnen aus der DDR i den Westen floh. Nachdem am Abend des 10. September 1989 der ungarische Außenminister Gyula Horn die Öffnung der Grenzen bekanntgegeben hatte, stellte sich ihnen kurz vor Österreich ein Mann in den Weg. "Die Angst, doch noch von der Stasi gefasst zu werden, ließ alle erstarren", erinnert sich Schiller. Doch es war ein Ungar.  In gebrochenem Deutsch sagte er nur "Glückwunsch" und  überreichte den Flüchtlingen zur Erinnerung Stacheldraht-Stücke aus dem ungarischen Grenzzaun.

Schiller und die anderen sind nun zum Jubiläum nach Berlin gekommen, um Danke zu sagen. Doch auch der Freiburger Markus Bank, der damals nicht zögerte, mit seiner Familie ehrenamtlich zu helfen, ist voller Dankbarkeit. "Ich hatte Respekt vor dem Mut der Menschen, die sich nicht angepasst haben und sich auf so eine dramatische Reise gemacht haben. Es klingt vielleicht pathetisch, aber wir haben das Herz aufgemacht, und das tut gut", sagt er.

Flucht über Ungarn

36 000 Ungarn-Urlauber aus der DDR erzwingen im August und September 1989 durch ihr Ausharren in der deutschen Botschaft in Budapest ihre Ausreise in die Bundesrepublik. Innerhalb kürzester Zeit bauen die Malteser ein Zeltlager auf und übernehmen ihre Versorgung und medizinische Betreuung. Insgesamt flohen sogar rund 55 000 DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich und Deutschland. In der Nacht zum 11. September 1989 ließ Ungarn die Grenzen öffnen. Ungarn habe an diesem Tag den ersten Stein aus der Mauer geschlagen, die zwei Monate später fiel, befand Bundeskanzler Helmut Kohl später. ⇥neu

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