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Erinnerung
Sabine Bode über das Leid der Kriegsgeneration

Merle Hilbk / 12.04.2020, 04:15 Uhr - Aktualisiert 16.04.2020, 16:54
Köln (MOZ) Sabine Bode, Jahrgang 1947, ist Journalistin und Buchautorin. Mitte der 1980er-Jahre begann die Kölnerin, sich aus eigenem biografischem Interesse heraus mit den psychologischen Folgen von NS-Diktatur und Krieg zu beschäftigen. Dabei stieß sie anfangs auf große Widerstände. Man dürfe die deutsche Schuld nicht relativieren, hörte sie. Gegen diese Widerstände brachte sie 2004 "Die vergessene Generation" über Traumata und unausgesprochene Gefühle der Kriegskinder heraus, das mittlerweile in 60. Auflage erscheint und in viele Sprachen übersetzt wurde. Dabei stellte sich heraus, dass es vor allem von Kriegsenkeln gekauft wurde, die endlich ihre Eltern verstehen wollten. Es folgten Bücher wie "Kriegsenkel" , "Nachkriegskinder" und "Die deutsche Krankheit German Angst", die Bode zu einer der zentralen Stimmen in der deutschen Erinnerungskultur machten, als die sie 2013 auch nach Russland eingeladen wurde.

Frau Bode, warum sollte man sich heute noch mit Krieg und Nationalsozialismus beschäftigen?

Vor 2000 Jahren hat der römische Philosoph und Politiker Seneca geschrieben: "Wer nicht weiß, was vor seiner eigenen Geburt geschehen ist, wird auf immer ein Kind bleiben." Das heißt: Er wird nie ein eigenes Selbstbild entwickeln, sondern das übernehmen, das andere von ihm entwerfen. Eine Abhängigkeit von der Meinung anderer, die auch eine Fremdheit gegenüber den eigenen Gefühlen erzeugt.

Aber wird man nicht in Deutschland in Schulen und Universitäten mit diesen Themen geradezu überfrachtet?

Natürlich sind sie spätestens seit den großen Aufarbeitungsdebatten in den 80er-Jahren ein wesentlicher Bestandteil des Schul-Kolloquiums. Aber das Wissen, was man üblicherweise dazu erwirbt, ist ein Faktenwissen, das scheinbar nichts mit einem selbst zu tun hat. Geschichte, wie man sie lange im Schulunterricht gelernt hat, und die eigene Familiengeschichte: Das sind zwei Paar Schuhe. Denn diese beiden Geschichten verbinden sich nicht  im Kopf. Es fehlt die emotionale Klammer, das eigene Gefühl, dass diese Geschichte zu einer eigenen Erfahrung macht. Zu einem Teil der eigenen Biografie.

Wie könnte man diese Geschichte anders vermitteln?

Indem man sie nicht als DIE Geschichte begreift, sondern als Geschichten. Das heißt: in denen es auch immer ein fiktionales, oder sagen wir: erzählerisches Element gibt. Denn jeder Erzähler hat einen anderen Blickwinkel, hat andere Erfahrungen gemacht und stellt andere Dinge in den Vordergrund. Aber das Erzählerische, das ist zumindest in der Didaktik angekommen. Kaum ein Schüler paukt heute noch ausschließlich Daten und Ereignisse. Es gibt Zeitzeugengespräche, Filme, Diskussionen.

Aber geht dadurch nicht der Geschichtskanon verloren?

Nein, es braucht ja beides: die historischen Fakten und die emotionale Verankerung. Warum beschäftigen wir uns denn mit Geschichte? Um unsere Verhaltensweisen in der Gegenwart besser zu verstehen, unsere Gefühle besser einordnen zu können. Denken Sie an die "Holocaust"-Serie von 1978. Da saßen viele Leute vor dem Fernseher und haben zum ersten Mal wirklich begriffen, was Deutsche angerichtet haben. Da gab es plötzlich dieses Entsetzen, das die kollektive Aufarbeitung befördert hat. Allgemein kann man feststellen, dass in der kollektiven Darstellung Dinge eher unter- als übertrieben werden. Da kann man in fast jedem Bereich sehen: Euthanasie, der Vernichtungsfeldzug im Osten, aber auch die Vergewaltigungen in Berlin und Brandenburg. In Wirklichkeit war alles viel schlimmer, als wir uns das abstrakt vorgestellt haben.

Wie kann es dann aber sein, dass trotz dieser kollektiven Aufarbeitungsanstrengungen immer noch vom Schweigen in den Familien die Rede ist?

Das hat genau mit dieser Inkongruenz aus Gefühl und Verstand zu tun, und die gibt es schätzungsweise bei der Hälfte der Kriegsenkel, also der nach dem Krieg geborenen Generation: Man weiß beispielsweise, dass der Großvater beim Überfall auf Russland dabei war, aber kann sich trotzdem nicht vorstellen, dass er dort an Gräueltaten beteiligt war. Es gibt dieses bekannte Buch von Harald Welzer: "Opa war kein Nazi". In dem wird deutlich, wie schwer es Familienangehörigen fällt, bestimmte Dinge an sich heranzulassen, auch wenn die Faktenlage dafür spricht. Man hat den Opa selbst als freundlichen, kinderlieben Mann erlebt, das ist die eigene Realität. Der andere Opa erscheint irgendwie irreal.

Das heißt: die meisten Eltern und Großeltern erzählen nur ein bisschen? Halbwahrheiten? Oder schweigen sie ganz?

In den meisten Familien wird schon irgendwie über den Krieg geredet. Aber erzählt werden vor allem Anekdoten, die sich wiederholen. Denn viele Erzähler haben für das, was sie am meisten geprägt hat, keine Worte.

Wie unterscheidet man denn zwischen Anekdote und wirklich Erlebtem?

Man hat das Gefühl, dass der Inhalt der Erzählung nicht zur Erzählweise passt. Da erzählt jemand traurige Dinge und lacht dabei oder klingt völlig unbeteiligt. Die Zuhörer spüren dann manchmal diese Trauer, zu der der Erzähler selbst keine Verbindung mehr hat. Aber sie sagen sich dann: Das kann nicht sein, mit meinen Gefühlen stimmt wohl etwas nicht. Ich bin traurig, obwohl mein Vater oder Opa doch lacht. Das kann zu einer Gefühlsverwirrung führen, die einen an sich selbst zweifeln lässt. Und die fördert auch die Zweifel, ob das, was man für seine Familiengeschichte hält, die wirkliche Geschichte ist. Von dieser Gefühlsunsicherheit berichten viele Kriegsenkel. Sie schildern es wie einen Nebel, durch den Gefühle nur schemenhaft wahrnehmbar sind.

Wieso haben Sie sich so intensiv mit diesem Thema beschäftigt?

Für mich war die Generation meiner Eltern die Tätergeneration. Punkt. Ich hatte genug Probleme mit meinem eigenen Leben, die für mich nichts mit dem Krieg zu tun hatten. 1991 war ich bei einem Seminar, auf dem sich 14 Menschen meines Alters ihre Familiendaten anschauten. Wir waren alle 68er, für uns gab es nur diese Abwendung von den Eltern. Dann kamen wir ins Erzählen und waren überrascht, wie viel wir doch mitbekommen hatten zu Hause vom Krieg: Gewalt, Leid, psychische Erkrankungen. Wir standen vor einer Deutschlandkarte, und ein Mann sagte: "Alles, was hier zur Sprache gekommen ist, gehört zu der verschwiegenen Erbschaft deutscher Familien. Darüber liegt nicht mehr als eine dünne Decke der Zivilisiertheit.  Darunter rumoren Spannungen, Misstrauen und die Geheimnisse, die Familien krank machen." Und dann fügte er hinzu:  "Gnade uns Gott, wenn in diesem vereinten Deutschland etwas aus den Fugen gerät, auf das wir nicht vorbereitet sind. Dann haben wir so viele Neonazis, wie wir sie nicht mehr zählen können."

Wieso wurde über diese Trauer nicht in der Öffentlichkeit gesprochen? War es wirklich die viel zitierte Unfähigkeit zu trauern?

In der öffentlichen Debatte war diese Art von Beschäftigung mit den psychischen Kriegsfolgen so etwas wie ein Tabu. Man dürfe die deutsche Schuld nicht durch deutsches Leid relativieren, hieß es. Als ich mit dem Schriftsteller Dieter Wellershoff über German Angst sprach, machte dieser deutlich: "Es gab immer eine klare Gegenüberstellung, vor allem bei den Deutschen selbst: Wir tragen die Schuld an diesem furchtbaren Krieg und den darin geschehenen Verbrechen. Wir können uns nicht gleichzeitig auch als Opfer sehen. Als Täter können wir auch nicht trauern. Das ist das psychologische Schema einer tiefen emotionalen Hemmung." Tilmann Moser, einer der bekanntesten Analytiker, der mit einer Patientin lange über ihre Angst aus dem Bombenkrieg sprach, hat sich bei Kollegen dafür entschuldigt!

Wie haben Sie dann ein Buch darüber veröffentlichen können? Und wie konnte das so ein Erfolg werden?

Ich habe fünf Jahre lang bei vielen Verlagen angeklopft mit der Idee. Manche nannten das Gefühlsthema esoterisch, einige haben auch gespottet.   Aber ich war so überzeugt von der Wichtigkeit, davon, dass es zu verhindern galt, dass sich viele still und leise in der deutschen Gesellschaft als Opfergruppe zusammenscharen, mit der man nicht spricht, und ihre Kinder wieder auf diese Opferrolle vorbereiten. Mir war klar, dass große Opfergruppen der Demokratie schaden.  Den Verlag Klett Cotta, der schließlich Interesse zeigte, musste ich erst überzeugen,  dass ich ausschließlich über deutsche Kriegskinder schreiben wollte. Das war damals eine mutige Entscheidung vom Verlag, das so mitzutragen.  Bis dahin durfte man über deutsches Leid nur dann publizieren, wenn man vorab über die Opfer des Holocaust und des Vernichtungskrieges  sprach. Damit waren die Kriegskindern nie im Fokus, nie wirklich wichtig. Das Buch "Die vergessene Generation" lief am Anfang nicht übermäßig. Dann kam im Jahr 2013 vieles zusammen: "Unsere Mütter, unsere Väter" lief im Fernsehen, der "Spiegel" druckte den ersten Artikel zu dem Thema. Inzwischen ist es im Mainstream angekommen, und ich wurde sogar von der Bundeswehr zum Vortrag eingeladen.

Sie waren auch nach Russland eingeladen. Was haben Sie dort mit ihrem Buch erlebt?

Die russischen Kriegskinder sahen im Schnitt zehn Jahre älter aus und hatten vom Leid gezeichnete Gesichter. Eine Frau, Tochter von Kriegskindern,  hat gefragt, ob man vom Schweigen eine Depression bekommen könne. Mir selbst ist bewusst geworden, dass das Schweigen in den Familien in beiden Ländern gleich ist; es ist nur unterschiedlich getarnt. Ich war sehr traurig auf dieser Reise.

Wie bringt man Kriegskinder zum Reden?

Wer nicht reden will, den sollte man in Ruhe lassen. Denn viele, die den Krieg miterlebt haben, haben sich in und mit dieser Verdrängung stabilisiert – auch, wenn Verdrängung  Kraft kostet. Die Jüngeren sollten auch nicht denken: Wenn ich erst mal alles weiß, wird alles gut in unserer Familie. Nichts ist erst mal gut, denn was man eigentlich bräuchte, bekommt man nicht: eine Entschuldigung für das, was die Kriegskinder ungewollt weitergegeben haben, das  eigene unverarbeitete Leid – und damit einhergehende Erziehungsfehler.

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