Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

DHM-Ausstellung
Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

06.05.2020, Berlin: Eine Angestellte eines Sicherheitsdienstes steht mit Schutzmaske zu Beginn einer Pressebesichtigung der Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" am Eingang des Deutschen Historischen Museums. Die Ausstellung soll am 11.05. 2020 eröffnet werden.
06.05.2020, Berlin: Eine Angestellte eines Sicherheitsdienstes steht mit Schutzmaske zu Beginn einer Pressebesichtigung der Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" am Eingang des Deutschen Historischen Museums. Die Ausstellung soll am 11.05. 2020 eröffnet werden. © Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Boris Kruse / 09.05.2020, 04:15 Uhr - Aktualisiert 11.05.2020, 09:21
Berlin (MOZ) Denken ohne Geländer" ist eine Formel, mit der Hannah Arendt (1906–1975) ihr intellektuelles Projekt selbst beschrieben hat. Für ihre ungewöhnlichen Ideen und ihre Freude am Streit ist sie bekannt geworden und gilt heute nicht ohne Grund als eine der wichtigsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" im Deutschen Historischen Museum (DHM), die am Montag nach der Pandemie-bedingten Schließung mit eineinhalb Monaten Verspätung eröffnet wird, zeigt, was das bedeuten kann: sich einmischen, frei und unabhängig denken, den eigenen Verstand gebrauchen, ganz im Sinne Immanuel Kants. "Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen", so lautet ein weiteres Arendt-Zitat, das die Ausstellungsmacher um die Kuratorin Monika Boll herausgegriffen haben, um ihr Anliegen zu verdeutlichen: Hannah Arendt als höchst zeitgemäße Theoretikerin herauszustellen, deren Studien über Totalitarismus, Antisemitismus, Flucht und Exil auch heute noch Impulse für Debatten geben können.

Lebensstationen und Debatten

Die Schau verdeutlicht aber auch die Gefahren eines "Denkens ohne Geländer". In mehreren Debatten, so wird aus der Distanz der Jahrzehnte deutlich, hat Hannah Arendt sich mit allzu gewagten Thesen weit aus dem Fenster gelehnt, ist auf Abwege geraten und über ihre eigene Schwindelfreiheit gestolpert.

Rund 300 Exponate warten auf zwei Etagen, darunter Briefe und andere Schriftstücke, Dokumente zu ihrer Emigration, Bücher und Privatgegenstände wie eine Mini-Kamera und ein Pelzcape. Es ist eine lektüreintensive Ausstellung geworden. Aber auch Tondokumente und Filme sind Teil der Schau. Auf mehreren, lose eingestreuten Bannern werden wichtige Wegbegleiter Hannah Arendts vorgestellt. So etwa ihr Professor, Liebhaber und Freund Martin Heidegger, ihr Doktorvater Karl Jaspers und der Dichter W. H. Auden. Im Wesentlichen aber folgt der Aufbau Hannah Arendts Lebensstationen und wirft besondere Schlaglichter auf Debatten, die sie angezettelt oder in die sie sich eingemischt hat.

Geboren in eine assimilierte jüdische Familie – der Vater Ingenieur –, verbringt sie ihre Kindheit in Hannover-Linden und in Königsberg, dem Ort Immanuel Kants. Es folgen das Studium in Marburg, Freiburg und Heidelberg, erste Jahre produktiver Forschungsarbeit in Berlin. Dann die Jahre des Exils mit Stationen in Paris und USA. 1938 wird Hannah Arendt die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, es beginnt eine bürokratische Odyssee. Nach dem Krieg kehrte sie nicht ins Land der Täter zurück und blieb, bis auf Besuche, in den USA.

Es verwundert kaum, dass die Debatten um ihr Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", diesem Opus Magnum über strukturelle Verwandtschaften von Faschismus und Stalinismus, in der Ausstellung gegenüber dem kontrovers verfolgten Prozessbericht "Eichmann in Jerusalem" zurücktreten müssen. Das Gerichtsverfahren um den Holocaust-Cheflogistiker Adolf Eichmann diente ihr als Exempel für die viel zitierte Formel von der "Banalität des Bösen".

Scharf ist sie dafür angegriffen worden, weil ihr unterstellt wurde, dass sie mit einer Verengung auf Gehorsamsfragen den Juden quasi eine Mitschuld an ihrer Vernichtung unterstellen würde. Der Vorwurf kam von Zionisten, aber auch zum Beispiel von dem Historiker Golo Mann, der in der "Zeit" über ihr Eichmann-Buch schrieb: "Was hilft uns Klugheit, wenn sie mit zwei stärkeren Kräften, Originalitätssucht und Arroganz, so unzertrennlich zusammengeschirrt bleibt?" Eine Kritik, die, so boshaft sie klingen mag, wohl nicht ganz danebenlag. Denn hin und wieder ließ die öffentliche Intellektuelle Hannah Arendt sich von ihren zugespitzten Thesen arg weit davontragen. Sie wusste, sich zu inszenieren – in Porträtaufnahmen ihres vertrauten Fotografen Fred Stein zum Beispiel oder in einem berühmt gewordenen Fernsehinterview mit Günter Gaus aus dem Jahre 1964.

Auch enge Vertraute schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als Arendt sich in ihren "Überlegungen zu Little Rock" 1957 in die Bürgerrechtsdebatte in den USA eingemischt hatte. Blick zurück: Die Rassentrennung an Schulen war gerade aufgehoben, als farbige Schüler in Arkansas von Weißen gewaltsam daran gehindert wurden, eine Schule zu besuchen. Präsident Eisenhower schickte Einsatzkräfte, um die bedrohten Schüler zu schützen. Hannah Arendt erblickte darin eine Einmischung in Schulangelegenheiten und griff Linksliberale an, weil diese die Kinder instrumentalisieren würden.

War Hannah Arendt eine Linke, eine Liberale oder gar eine Konservative? Dem Feminismus der 68er-Generation stand sie skeptisch gegenüber; sie betonte gar, dass sie an Frauenfragen an sich nicht interessiert sei. Die Studentenproteste verfolgte sie aufmerksam, doch während sie das Aufbegehren in Frankreich und den USA mit Wohlwollen kommentierte, kritisierte sie die deutschen 68er harsch, weil sie mehr Maulheldentum und Mode erblickte als wirkliche Alternativen. Die 68er seien eben das, was sie sein wollen, nicht: Revolutionäre. "Außer Sprechchören organisieren sie nichts."

Bei aller Schärfe ist das natürlich gut beobachtet. Stimmen wie die von Hannah Arendt tun jedem öffentlichen Diskurs gut. In der sehr inspirierenden und gründlich recherchierten DHM-Ausstellung lassen sich einige Anregungen dafür finden, wie sich auch heute engagiert denken und streiten ließe.

Infos: ab Montag (11.5.), Fr–Mi 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr; Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Berlin-Mitte, www.dhm.de

Das Leben als Comic

"Die drei Leben der Hannah Arendt" heißt eine Graphic Novel des "New York Times"-Cartoonisten Ken Krimstein (dtv, 244 S., 16,90 Euro). Von der Kindheit in Königsberg über Studium (und Liebe) bei Heidegger bis zum Eichmann-Prozess in Jerusalem werden die Lebensstationen skizziert – mit kräftigem Strich, prägnant zugespitzt. Eine gute Einführung.⇥tim

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG