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Zeitgeschichte
Ausstellung zur Potsdamer Konferenz eröffnet

Akteure von damals: Anthony Eden, George C. Marshall, William D. Leahy, Georgi K. Schukow, Andrej A. Gromyko und Sir Alan Brooke
Akteure von damals: Anthony Eden, George C. Marshall, William D. Leahy, Georgi K. Schukow, Andrej A. Gromyko und Sir Alan Brooke © Foto: Soeren Stache
Christina Tilmann / 23.06.2020, 18:50 Uhr
Potsdam (MOZ) Sie war 19, als sie im Juli 1945 mit ihrem ersten Flug aus London in Berlin-Gatow landet. Joy Margaret Milward reist als Schreibkraft und Stenotypistin in Churchills Stab mit zur Potsdamer Konferenz – und hält in ihrem Tagebuch akribisch fest, was sie auf der Reise bemerkt: die zerstörten Stadtviertel, und daneben solche, die "noch ganz ordentlich" aussehen, die russischen Soldaten, die dem Konvoi salutieren – das sei ihr so peinlich gewesen, irgendwann habe sie verschämt gewunken, "ein bisschen wie die Queen". Und die großbürgerlichen Villen in Potsdam-Babelsberg, im "Hollywood of Germany", wo die Delegationen untergebracht werden. Milward bemerkt, es sei überall im Haus das frühere Familienleben noch sichtbar. In eine Kladde mit einem eisernen Kreuz, die sie im Haus findet, schreibt die junge Frau ihr Tagebuch.

Joy Milward ist so etwas wie der Guide durch die Ausstellung "Potsdamer Konferenz. Die Neuordnung der Welt", die die Stiftung  Preußischer Schlösser und Gärten nun mit siebenwöchiger Verspätung am Ort des Geschehens im Schloss Cecilienhof eröffnet. In den Tagebuchpassagen, aber auch in Erinnerungsstücken der Verhandlungsteilnehmer wird das Bemühen der Organisatoren deutlich, Weltgeschichte aus Sicht des Einzelnen, aus verschiedenen Blickwinkeln und mit emotionalen Objekten zu erzählen – auf der Pressekonferenz kam prompt der Vorwurf auf, das von Kurator Jürgen Luh herausgegebene Begleitbuch, das die unterschiedlichen Positionen der Verhandlungsteilnehmer unkommentiert vorstellt, sei parteiisch.

Dass die Potsdamer Konferenz nicht nur auf der Landkarte Grenzen verschob, sondern für das Leben von Millionen von Einzelpersonen gravierende Auswirkungen hatte, ist so etwas wie der rote Faden der Ausstellung, die den Bogen weit spannt, Flucht und Vertreibung thematisiert – auch hier kommen Einzelne zu Wort, Polen wie Deutsche, und machen spürbar, was Verlust von Heimat heißt, mit Familienstücken aus Ostpolen, Schlesien, Ostpreußen und dem Sudetenland.

Natürlich nutzt die Ausstellung den authentischen Ort, reinszeniert sogar, indem die drei Fahnen der Alliierten wieder über dem Eingang von Cecilienhof wehen – damals wurden sie jeden Tag gewechselt – und stellt dank Förderung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung drei Korbsessel auf die Terrasse, die an das ikonische Bild der "Großen Drei" erinnern. Aber es gibt in dem im Küchentrakt des Hotels etwas labyrinthisch untergebrachten Ausstellungsparcours auch Stränge, die über die eigentlichen Konferenzthemen wie die Oder-Neisse-Grenze, Umsiedlung oder Entmilitarisierung hinausreichen. Dem Atombombenabwurf wird viel Raum gegeben, ebenso den Kriegen mit Japan und Korea, dem Konflikt mit China, der Gründung Israels, der Lage im Iran und in Syrien, bis zur Gründung der Vereinten Nationen.

Wenn Matthias Simmich, ebenfalls Kurator, bekennt, durch die Begegnung mit Milward und zwei japanischen Zeitzeugen, die in einer höchst beeindruckenden Installation von ihren Erinnerungen an den Atombombenabwurf berichten, zu Tränen gerührt worden zu sein, zeugt auch das von einem Focus, der mehr auf dem Erleben als dem Belehren liegt. Der Audioguide, der die Foto- und Texttafeln der Ausstellung begleitet, sei daher unbedingt empfohlen. Und die Schlösser-Stiftung ruft dazu auf, Fotos von Erinnerungsstücken an Flucht, Vertreibung und Umsiedlung mit den dazugehörigen Geschichten einzusenden.

Wie das damalige Geschehen auch heute nachwirkt, wird spätestens dann deutlich, wenn Jürgen Luh berichten muss, dass das russische Kulturministerium im Februar kurzfristig sämtliche schon zugesagten Leihgaben zurückzog, weil ihm die Darstellung Stalins in den begleitenden Texten nicht gefiel. Das aus dem Depot der Schlösser-Stiftung beigesteuerte Monumental-Bild von Fjodor S. Shurpin, "Stalin, wie er sich sah und gesehen werden wollte" von 1948 bekommt unerwartete Aktualität.

"Potsdamer Konferenz 1945. Die Neuordnung der Welt": bis 31.12., täglich außer Montag 10-17.30 Uhr, Tickets im Vorverkauf unter https://tickets.spsg.de. Täglich dürfen ca. 200 Besucher die Ausstellung besuchen. Begleitbuch (Sandstein Verlag) 24,90 Euro.

Die Potsdamer Konferenz im Juli 1945

Im Schloss Cecilienhof beschlossen Josef Stalin, Harry Truman und Winston Churchill (später abgelöst durch seinen Nachfolger Clement Attlee) vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 in 13 Sitzungen die Aufteilung Deutschlands, Europas und der Welt. Die Konferenz, die wegen der Zerstörung Berlins in Potsdam stattfand, firmierte unter "Berliner Konferenz".

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