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Literatur
Widad Nabi ist jetzt Stadtschreiberin in Rheinsberg

Auf der Treppe am Rheinsberger Schloss: Ganz in der Nähe hat Widad Nabi nun für mehrere Monate ihre Arbeitsplatz – wohl einen der schönsten der Gegend. Am Ende ihrer Stadtschreiberzeit werden ihre jetzt entstehenden Texte auch veröffentlicht.
Auf der Treppe am Rheinsberger Schloss: Ganz in der Nähe hat Widad Nabi nun für mehrere Monate ihre Arbeitsplatz – wohl einen der schönsten der Gegend. Am Ende ihrer Stadtschreiberzeit werden ihre jetzt entstehenden Texte auch veröffentlicht. © Foto: Markus Kluge
Markus Kluge / 07.07.2020, 02:30 Uhr - Aktualisiert 07.07.2020, 14:04
Rheinsberg (MOZ) Widad Nabi hat die Stadtschreiberwohnung im Rheinsberger Marstall bezogen. Zu Hause ist die 35-jährige Lyrikerin und Schriftstellerin mit kurdisch-syrischen Wurzeln eigentlich in Berlin. Es wäre für sie also ein Leichtes, der Kleinstadt in der Zeit des Stipendiums bis November hin und wieder den Rücken zu kehren.

Aber: "Ich will eine sehr lange Zeit hier bleiben", sagt Nabi, die jetzt jeden Tag auf das Schloss Rheinsberg blicken kann und die sonst in der Nähe des Schlosses Charlottenburg wohnt. "Ich habe noch nie so lange in einer so kleinen Stadt gelebt", sagt sie über die Prinzenstadt. Nach der Ankunft am Bahnhof hat sie Rheinsberg erkundet, zufällig Schlosskater Sheldon kennengelernt, ist durch den Boberow-Wald spaziert und hat vergeblich eine Drogerie im Stadtzentrum gesucht.

Nabis Interesse gilt den Menschen

Viel mehr als das alles interessieren Widad Nabi aber die Menschen, auf die sie in der Stadt und in der Umgebung treffen wird. "Ich möchte erfahren, wie sich die Menschen gegenseitig behandeln, wie sie miteinander umgehen – auch mit Ausländern, die man gleich an der Farbe der Haut erkennt", sagt die Autorin. Die Menschen in Rheinsberg und die Gesellschaft der Stadt seien schließlich einzigartig im Unterschied zur Natur, die sie so auch an anderen Orten finde. Mehrere Kurzgeschichten in Tagebuch-Form möchte sie in den kommenden Monaten schreiben.

Für die Autorin könnte das spannend werden. Rheinsbergs Stadtverordnete hatten sich wie berichtet kürzlich dagegen ausgesprochen, Bootsflüchtlinge aufzunehmen. Widad Nabi ist selbst auch geflüchtet – 2015 aus der Millionen-Metropole Aleppo in Syrien, wo seit 2011 ein blutiger Krieg tobt, wo sie Bombardierungen, Zerstörungen und Tod genau so erlebt hat, wie die Angst vor staatliche Repressalien. "Ich habe damals auch Artikel gegen Assad und die Regierung geschrieben. Ich hatte Angst, dass ich vom Geheimdienst verhaftet werde und ins Gefängnis muss", erzählt die 35-Jährige, die sich in Syrien für Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt eingesetzt hat. Zudem habe es in Aleppo im Krieg kein Strom, kein Wasser, keine Heizung und auch kein Internet mehr gegeben. Lebensmittel gab es laut Nabi nur noch auf dem Schwarzmarkt. Wenn die Angst um das eigene Leben so groß ist, zähle alles andere überhaupt nichts. "Dann interessiert dich auch Heimat nicht mehr. Dann willst du nur noch überleben", sagt sie. Deshalb hat sie sich mit einem kleinen Rucksack und dem Notwendigsten auf den Weg gemacht – über die Türkei, Serbien und die Schweiz bis nach Deutschland. Das Land, das sie bis dahin nur aus Büchern kannte.

"Ich habe immer gerne Ingeborg Bachmann, Bertolt Brecht gelesen, und Rainer Maria Rilke ist mein Lieblingsdichter", sagt sie. Obwohl sie in Deutschland von Null beginnen musste, sei die Entscheidung in das Land der Dichter und Denker zu gehen, die richtige gewesen, sagt Nabi, die die Sprache erst lernen, sich eine Wohnung und auch neue Freunde in ihrer neuen Heimat Berlin suchen musste. Große Unterstützung habe sie dabei von ihren neuen Verlagen bekommen, die nun ihre Texte veröffentlichen.

Auf das Zusammenleben, wie es in Rheinsberg funktioniert, ist die 35-Jährige gespannt. "Alle Städte, ob Paris, Rom oder Berlin sind groß geworden mit Menschen aus anderen Kulturen – das kann man sehr gut sehen", sagt die Schriftstellerin. Denn jeder Mensch bringe Kunst, Kultur und schließlich Leben mit in die Gesellschaft ein. "Eine in sich geschlossenen Gesellschaft kann sich einfach nicht entwickeln", sagt Widad Nabi. Die ersten Texte als Stadtschreiberin hat sie schon verfasst.

Aus der Vita

1985 Widad Nabi wird im syrischen Kobani geboren.

2011 bricht in Syrien der Krieg aus, in dem sie sich der Opposition gegen Machthaber Assad anschließt.

2013 erscheint ihr Buch "Zeit für Liebe, Zeit für Krieg" in Aleppo.

2015 flieht Widad Nabi nach Deutschland.

2016 erscheinen ihr Buch "Syrien und die Sinnlosigkeit des Todes" in Beirut und auch mehrere Texte in Deutschland.

2017 nimmt Widad Nabi am Poesiefestival in Berlin teil.

2018 erscheint ihre Anthologie "Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt" und sie bekommt das erste "Weiter Schreiben-Stipendium" in Wiesbaden.

2020 lebt sie von Juli bis November in Rheinsberg im Marstall am Schloss – als 52. Stadtschreiberin. ⇥red

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