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Begegnungsstätte
Engagement im Hangar1 am ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin

Gemeinsam engagiert: Im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin betreibt die gemeinnützige tentaja das Projekt Hangar1. Sowohl Festangestellte als auch Ehrenamtliche koordinieren diverse Angebote von Sport über kulturelle sowie Bildungsangebote.
Gemeinsam engagiert: Im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin betreibt die gemeinnützige tentaja das Projekt Hangar1. Sowohl Festangestellte als auch Ehrenamtliche koordinieren diverse Angebote von Sport über kulturelle sowie Bildungsangebote. © Foto: Jacqueline Westermann
Jacqueline Westermann / 07.07.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 07.07.2020, 14:15
Berlin (MOZ) Menschen strömen Richtung Tempelhofer Feld in Berlin, es ist sonnig an diesem Julitag. Am Ende der Reihe an ehemaligen Hangars öffnet eine Tür den Eintritt in den Hangar1. Ein kleiner Vorraum und schon steht man in einer riesigen, grünen Halle.

"Ich bin quasi seit Tag 1 hier am Flughafen dabei", erzählt Maria Kipp. Also als ab 2015 bis zu 3000 Geflüchtete gleichzeitig in den Notunterkünften im ehemaligen Flughafen untergebracht wurden und viele Ehrenamtliche halfen. Das Angebot an Aktivitäten, um die Ankunft zu erleichtern, wurde damals positiv angenommen. "Wir haben uns dann als Betreiber die Frage gestellt, wie wir den Ort der Unterkünfte für alle öffnen können, dies zu einem Ort für alle Berlinerinnen und Berliner und zu einem Zuhause für zivilgesellschaftliches Engagement über die Unterbringung hinaus machen können", erzählt Kipp. Die 29-jährige Berlinerin leitet das Hangar1-Projekt und ist Teil der Geschäftsleitung des Betreibers tentaja soziale GmbH.

Ganz bewusst gebe es nicht nur Sportaktivitäten, sondern auch Projekte mit kulturellem oder Bildungsaspekt. Mit 30 Kooperationspartnern entsteht so ein diverses Programm. Sehr beliebt seien die Fahrradwerkstätten, in denen eigene Räder unter Anleitung repariert werden können, erzählt Kipp. Dabei gebe es auch eine spezielle Werkstatt für Frauen und Mädchen. Im Café, das von tentaja gemeinsam mit Ehrenamtlichen betrieben wird, stehen Bücher zum Tauschen zur Auswahl. Unter dem Motto "Menschen treffen Menschen" agiert tentaja. "Ganz wichtig ist aber, dass wir kein gezieltes Begegnungsangebot sein wollen. Es geht darum, dass jeder mit einem Ziel kommt, ob das nun Basteln ist oder Basketballspielen oder das Fahrrad reparieren", erklärt Kipp. Eigene Projekte können umgesetzt werden. Die Begegnung mit anderen Menschen sei eher das Nebenprodukt. Alle Angebote sind kostenlos. "Wir möchten ein Ort und eine Plattform sein für zivilgesellschaftliches Engagement", fasst Kipp zusammen.

Seminare und Workshops

Auf der 4000  Quadratmeter großen Fläche gibt es nicht nur Fußball- oder Basketballplätze, sondern auch Räumlichkeiten für Seminare. Und einen mit Matten gepolsterten Raum für Tanz- oder Kampfsportworkshops. Hier kann man zum Beispiel Abdul Sammar finden. Der 26-Jährige war Mitglied der syrischen Taekwondo-Nationalmannschaft und ist seit fünf Jahren in Deutschland. Derzeit absolviert er seinen Bundesfreiwilligendienst im Hangar1, bei dem er sich auch als Taekwondo-Trainer engagiert. "Für mich ist das wie mein zweites Zuhause. Ich bin glücklich, dass ich hier im Hangar arbeite und hoffe, dass er bestehen bleibt. Das ist ein ganz wichtiger Ort", sagt Sammar. Das sehen andere Stammgäste wie er. Sie sitzen in der Mitte der Halle, die an diesem Tag noch überschaubar gefüllt ist.

Hochphase von Corona durch Spenden überbrückt

Auch Khalil Aljasem kommt ursprünglich aus Syrien, wo er als Lehrer für autistische Kinder arbeitete. Der 30-Jährige macht derzeit eine Ausbildung zum Erzieher. "Ich komme oft hierher", erzählt er. Meistens joggt er zum Hangar1. Aljasem ist Marathonläufer, vor vier Jahren fing er an, lief bei kleinen Wettkämpfen – und gewann sie alle. Drei Jahre lief er beim Berlin Adidas Runners Verein, jetzt für Fortuna Marzahn. Von Anfang an habe er vom Hangar1-Team Unterstützung in seinen Lauf-Bestrebungen bekommen. Sie alle setzen sich dafür ein, dass der Hangar1 mit seinen Angeboten in der jetzigen Form bestehen bleibt. Eine erste Spendenkampagne im  Juni hatte positive Auswirkungen, sodass die Zeit der Schließung während der Hochphase von Corona in Berlin einigermaßen überbrückt werden konnte.

Im Hintergrund wirft der 16-jährige Ibrahim einen Basketball. Jeden Tag sei er hier und trainiere, erzählen die drei jungen Männer. Er wolle Basketball-Profi werden. "Ich bin im Hangar geboren", fügt Ali Alomar Al Mashlab hinzu und muss ein wenig schmunzeln bei dieser Formulierung. Der 27-Jährige kam im August 2015 aus Syrien nach Berlin. Der Sportlehrer wollte hier weiter in seinem Beruf arbeiten. Doch die Bürokratie setzte seinem Traum zunächst ein Ende. Er war einer der Tausenden in der Notunterkunft. Schlafen, essen, warten. "Ich habe gehört, im Hangar gibt es eine kleine Ecke mit einer Tischtennisplatte", erzählt er. Sein Deutsch sei damals noch schlecht gewesen, aber dennoch suchte er den Ort auf. "Hier habe ich andere Leute getroffen, meine Sprache verbessert. Der Hangar hat mir die Motivation gegeben aufzustehen." Eine Ausbildung zum Übungsleiter folgte und nun arbeitet er seit 2018 mit im Hangar1 und als Volleyballtrainer in der Nähe des Alexanderplatzes. An seinem Traum hält er fest. Wie sie alle. Der Hangar macht es möglich.

Öffnungszeiten und Kontakt

Der Hangar1 in Tempelhof (Columbiadamm 10) ist dienstags bis donnerstags von 14 bis 22 Uhr sowie freitags und sonnabends von 10 bis 22 Uhr geöffnet; während der Ferien derzeit dienstags bis sonnabends von 10 bis 21 Uhr. Aufgrund der aktuellen Situation ist eine Anmeldung per Telefon unter 0176 24392815 oder E-Mail unter kontakt@tentaja.de notwendig, um die Hygienebestimmungen befolgen zu können. Kinder unter 14 Jahren müssen in Begleitung eines Erziehungsberechtigten oder einer Aufsichtsperson kommen. Ein Kalender mit dem jeweiligen Tages- und Wochenprogramm, Anmeldeoptionen sowie Informationen zu Spendenmöglichkeiten und ehrenamtlichem Engagement gibt es auf: www.hangar1.de ⇥jw

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