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Wendezeit
Neustart für die Frankfurter SPD vor 30 Jahren

Louisa Theresa Braun, Thomas Gutke / 15.11.2019, 06:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Wenige Tage bevor in Berlin die Mauer fiel, klingelte bei Peter Fritsch das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Matthias Sack, ein Mechaniker aus Frankfurt. Beide waren sich zuvor auf dem Bürgerdialog der SED-Bezirksleitung begegnet, mit dem die Einheitspartei versuchte, zurückzugewinnen, was kaum mehr zurückzugewinnen war: das Vertrauen der Bürger. In Schwante, nördlich von Berlin, hatte sich gerade – am 7. Oktober – die SPD als Sozialdemokratische Partei (SDP) der DDR wiedergegründet. Und Matthias Sack schlug vor, das auch in Frankfurt zu tun. Fritsch, seinerzeit Bauleiter beim städtischen Baubetrieb, hatte gehört, dass es im Wichernheim bereits ähnliche Bestrebungen gab. Er sagte sich damals: "Wenn so eine Zeit anbricht und du bist nicht dabei gewesen und hast nicht mitgemacht, dann wirst du das hinterher bereuen."

Er blieb dabei. Und bald wurde der Plan konkret, sozialdemokratische Traditionen in der Oderstadt wieder aufleben zu lassen. Wenn auch anfangs nur in kleiner Runde. Am 15. November 1989, heute vor 30 Jahren, kamen neben Peter Fritsch und Matthias Sack, Horst Düppelfeld, Heidemarie Hoffmann, Burkhard Donath, Lothar Fischer und Hartmut Mende im Turmhaus des Wichernheimes zusammen und gründeten die Frankfurter SDP. Es war die erste Parteineugründung in der Oderstadt im Zuge der Wende, wenngleich das Neue Forum zwar noch nicht als Partei aber als demokratische Plattform zu dem Zeitpunkt schon mehrere Wochen länger bestand. Horst Düppelfeld war erster Vorsitzender der Frankfurter SDP. Ein Protokoll der ersten Sitzung liegt Peter Fritsch nicht mehr vor, dafür von der zweiten am 23. November. Diskutiert wurde über Beitragsregelungen, Öffentlichkeitsarbeit und die Verbindung nach Berlin. "Da merkte man plötzlich, wie schwierig Demokratie bereits mit sechs Leuten ist", sagt Fritsch. Die SDP erhielt schnell Zulauf, beteiligte sich auch an den Runden Tischen der Stadt und des Bezirkes, die ab Mitte Dezember ihre Arbeit aufnahmen.

Vom Neuen Forum in die SPD

Parteikollegin Sigrid Albeshausen engagierte sich anfangs noch im Neuen Forum, das sich im Oktober 1989 in der Wildenbruchstraße, im Wohnzimmer von Renate Schubert, heute Bauer, gegründet hatte. Nach den Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 wurde sie Beigeordnete. Als das Neue Forum in den Monaten nach der Deutschen Einheit an Bedeutung verlor und zum Teil im Bündnis 90 aufging, schloss sich Sigrid Albeshausen 1992 den Sozialdemokraten an. Sie trat damit in familiäre Fußstapfen. Denn ihr Großvater, Gustav Tichter, sei in den 20er- und 30er-Jahren ebenfalls SPD-Mitglied und Stadtverordneter gewesen, erzählt sie. Bis die Partei im Nationalsozialismus verboten wurde. Heute ist die Architektin Sigrid Albeshausen mit 79 Jahren die zurzeit älteste noch amtierende Stadtverordnete.

Peter Fritsch und Sigrid Albeshausen verbinden mit ihrer politischen Arbeit vor allem auch christliche Werte. "In der Kirche gab es zu DDR-Zeiten schon die Möglichkeit, Demokratie zu üben", sagt Albeshausen. Sie war in ihrer Studienzeit in Dresden in der Studentengemeinde aktiv, Fritsch in der evangelischen Gemeinde Frankfurt (Oder)-Lebus, in der er bis vor kurzem Vorsitzender des Gemeindekirchenrates war. "Demokratie ist das Handwerkszeug für den Umgang mit Menschen und für Meinungsbildungsprozesse", sagt Fritsch. "Als Christen sind wir angehalten, uns um unseren Nächsten zu kümmern." Nicht ohne Grund seien die Runden Tische meist von Kirchenleuten als Vermittlern geleitet worden.

In der Gründerzeit hatte die Stadt den neuen politischen Kräften Räume im Haus der Demokratie an der Sophienstraße zur Verfügung gestellt. In der alten Villa fanden neben dem Neue Forum auch die Sozialdemokraten Platz. Sigrid Albeshausen erinnert sich daran, wie sie an einem Abend plötzlich eingeschlossen gewesen waren, unter anderem zusammen mit dem Staatsanwalt. Mit einer Leiter seien sie schließlich durch das Fenster wieder hinaus geklettert. "Als ich unseren Staatsanwalt da plötzlich im Haus der Demokratie auf der Leiter habe stehen sehen – das war für mich ein Bild der gewonnenen Wende!", erzählt sie.

1990 wurde die SDP zur SPD, Ende September folgte die Vereinigung mit der bundesdeutschen Sozialdemokratischen Partei. Anfangs hätten sie auf keinen Fall ein Ostableger einer Westpartei sein wollen, sagt Fritsch. "Da hatten wir noch die Illusion, dass die DDR demokratisch umgestaltet werden könnte. Aber irgendwann zwischen der SDP-Gründung und den Volkskammerwahlen ist dieser Traum zerbrochen, weil wir gemerkt haben, wie kaputt gewirtschaftet das Land war."

Ein Höhepunkt der noch jungen Frankfurter Sozialdemokratie war der  Besuch von Willy Brandt am 10. März 1990. Drei schwarze Limousinen fuhren damals vor dem Hotel Stadt Frankfurt vor. Umringt von Medienvertretern spazierte Brandt über die Stadtbrücke, versprach dort, dass die Grenze zu Polen Bestand haben wird, und hielt außerdem eine Rede. Anschließend musste die Frankfurter SPD eine  Pressekonferenz geben. "Wir hatten damals noch gar keine Ahnung, wie man das macht und wofür das überhaupt gut sein soll. Wir wollten Willy Brandt doch ganz für uns haben!", erinnert sich Fritsch.

Erster OB kam von der SPD

Wenige Tage später, bei den Volkskammerwahlen am 18. März, errang die SPD im Bezirk Frankfurt (Oder) mit 31,9 Prozent eines ihrer stärksten Ergebnisse überhaupt. Am 6. Mai gab es dann auch auf kommunaler Ebene den ersten großen Wahlerfolg für die Frankfurter Sozialdemokraten. Auch wenn sie mit 26,7 Prozent etwas weniger Stimmen als die PDS holten, reichte das, um gemeinsam mit der CDU und dem Neuen Forum den SPD-Kandidaten Wolfgang Denda zum ersten Oberbürgermeister nach der Wende wählen zu lassen. Später seien sie in der Fraktion wegen seiner Alleingänge aber auch oft enttäuscht von ihm gewesen, sagt Peter Fritsch. Auch nach dem Rücktritt Dendas 1992 stellte die SPD mit Wolfgang Pohl bis 2002 das Stadtoberhaupt. Bei der OB-Wahl 2002 unterlag Fritsch dann gegen Martin Patzelt (CDU).

Warum die SPD heute, 30 Jahre nach der Wende, immer weniger Menschen erreicht, macht beide ratlos. "Es ist uns nicht gelungen, die große Unzufriedenheit aufzufangen. Wir als SPD gehören für die Wähler inzwischen zu ‚denen da oben‘", sagt Fritsch, der heute 75 ist. In den 90er-Jahren habe Brandenburg mit Manfred Stolpe, Regine Hildebrandt und später Matthias Platzeck starke Persönlichkeiten gehabt. Sie fehlten der SPD heute, ebenso wie junge, engagierte Köpfe an der Basis. Bei den letzten Stadtverordnetenwahlen hatte der von Jens-Marcel-Ullrich geführte SPD-Unterbezirk große Mühe, überhaupt genug Kandidierende zu finden. 12 standen am Ende auf der Liste, sie holten 10,3 Prozent der Stimmen. 2014 waren es noch viermal so viele Bewerber und 8,4 Prozentpunkte mehr. "Ich werde das auch nicht ewig machen", sagt Albeshausen, die im nächsten Jahr ihren 80. Geburtstag feiert. Trotzdem blicken beide zufrieden auf eine bewegte politische Zeit  zurück. Sie haben nach 1989 die Gelegenheit für ehrenamtliche demokratische Mitbestimmung in der Stadt genutzt. Und hoffen nun auf ähnlich engagierten SPD-Nachwuchs für die Zukunft.

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